Der Staat als Partner

Dezember 9, 2008

Sokrates hat sich dem über ihn – vom Staat Athen – gesetzten Todesurteil gebeugt und ihn akzeptiert, mit der Begründung, er sei im seinem gesamten Leben immer Athener gewesen, und da er so viele für ihn positive Entscheidungen und Aktionen dieses Staates immer akzeptiert hatte, und nie daran dachte, den Staat (mit dessen guten wie schlechten Seiten) als Gemeinschaft zu verlassen – so wird er es auch jetzt so handhaben, d.h. dem Staat „treu bleiben“, auch wenn dieser Staat wohl einen Fehler zu begehen scheint.

Meiner Meinung nach ist diese Einstellung falsch. Denn man sollte den Staat nicht als ein Schicksal oder allmächtigen und heiligen Vater über sich sehen, sondern als einen gleichberechtigten Partner, gegebenfalls als ein Familienmitglied, ein Nachbar, einen Freund.

Daraus folgt erstens, daß wenn man meint, daß der Staat dabei ist, was falsches zu machen, sollte man diesen Staat darüber warnen, oder – wenn es nicht geht oder zu gefährlich ist – alles Mögliche tun, diesen Fehler des Staates zu vermeiden bzw. einzuschränken.

Zweitens, wenn man den Staat wie einen Menschen wertet, und nicht höher, kommt auch folgender Vergleich: Wenn ein Mensch mir mal was Gutes, mal was Schlechtes tut – so würde ich nicht immer beides zulassen, sondern – auch wenn ich den Menschen noch so liebe und schätze – bei den schlechten Taten opponieren!

Aus beiden Punkten folgt, daß Sokrates nicht richtig entschied, indem er es zuließ, daß der Staat, den er eigentlich schätzte, ihn zum Tode verurteilt und dieses Urteil vollstreckt hat. Denn da er wußte, daß diese Entscheidung falsch und schlecht ist, hätte er alles tun sollen, es zu vermeiden. Sowohl für da eigene Wohl, wie auch für das Wohl seiner Mitbürger – die falsch entschieden hatten und dabei waren, ein Unheil anzurichten, das auch ihnen und dem Staate schaden sollte.

Allgemein habe ich bereits gesagt, daß der Staat, wie jede – je größere – Gemeinschaft – bestenfalls das kleinste Übel ist.

Je größer jedoch der Staat, desto entfernter ist er als ganzes vom Bürger, desto weniger kann sich der Bürger damit identifizieren, darin sich harmonisch widerspiegeln und erkennen. Und je größer und zentralistischer der Staat – angenommen er sei identisch demokratisch wie ein kleinerer – desto weniger hat der Bürger darin eine Gestaltungsmöglichkeit.

Diese Gründe führen oft zur Desinteresse, zur Entfremdung des Bürgers von seinem Staat: Er intessiert sich dafür weniger, glaubt daran weniger, ist in so einem Staat weniger motiviert. Daraus folgt, daß er passiver wird: er wählt seltener oder gar nicht, kommt im Schnitt weniger auf die Idee, sich für Staatsfunktionen zu bewerben, er protestiert weniger und weniger, wenn im Staate was faul ist oder sich falsch entwickelt.

Solche „Faulheit“ kann auch bedeuten, daß ein Bürger zwar wählen geht, aber sich kaum Mühe macht, die für die Entscheidung wichtigen Informationen einzuholen und sich dann eigene Gedanken zu machen. Nur allzugerne werden gar keine Informationen eingeholt, und ebenso wenig tiefgründig nachgedacht. Und allzu oft werden stattdessen fremde Idee, Slogans und Meinungen übernommen, allzugerne lassen sich Bürger vom Herdentrieb leiten.

Die Wahl-Passivität und das Desinteresse ist ein Teufelskreis: Je seltener ich mitentscheide, desto fremder ist mir der Staat, was mich wiederum dazu führt, noch weniger mitzumachen. Dies führt dazu, daß mit der Zeit, mit der Abnahme der Wahlbeteiligung der Bürger, eine immer kleinere Gruppe im Staat entscheidet.

Das Desinteresse an Funktionen oder Aufgaben im Staat führt noch schneller und stärker zur Bildung einer „staatsführenden“ Elite, zu einem Politiker-(Berufs-)Stand.

Man muss aber auch in beiden Fällen zugeben, daß es auch bei einem durchschnittlich gut funktionierendem, bürgernahem und kleinem Staat immer Bürger geben wird, die – ob aus Dummheit oder aus Klugkeit (in der Annahme, wichtigeres zu tun) oder Faulheit – die Aktivitäten und Wahlen im Staat anderen zu überlassen. Diese Entscheidung sollte man niemandem verübeln – es ist eine freie Entscheidung dieses Bürgers, und somit nicht unsere Sache.

Man sollte aber immer aufmerksam sein, ob es im Staat nicht Kräfte gibt, die absichtlich zum Desinteresse und Passivität der Bürger am Staat beitragen wollen – die also ein Interesse daran haben, daß immer weniger Bürger mitentscheiden und sich mit dem Staat identifizieren. Und somit es leichter ist, in dem Staat die Kontrolle zu übernehmen, oder zumindest den eigenen Anteil an den Entscheidungen oder Posten zu stärken.

Sokrates rät (einem Philosophen) allerdings, lieber fern von der aktiven Rolle im Staat zu sein (womit er politische Tätigkeit meint), und daß man lieber „im Stillen“ für seine Überzeugungen kämpfen sollte. Diese Meinung besagt jedoch nicht, der Philosoph solle sich von dem Geschehen im Staate entfernen oder dazu passiv stehen. Es besagt, daß man al Philosoph mehr eigene Energie und Zeit auf die besser geeigneten Mittel verwenden soll – was für einen Philosophen oft mehrere Hintergrundgespräche sein können, womit er mehr erreicht, als durch Wahl-Agitation oder politische Posten.

Der Zufall

Dezember 1, 2008

Der Zufall dient oft als Erklärung oder Entschuldigung für Geschehnisse, die wir schlecht oder schwach klassifizieren, definieren, erklären können. Vor allem bei negativen Geschehnissen, die wir dazu nicht verstehen können, reden wir gerne vom „Unglücksfall“, „bösem Zufall“, „Pech“.

Abgesehen davon, daß wir da uns öfter über die „negativen Zufälle“ ärgern, und es sogar als „Verschörungstheorie des Weltalls gegen uns“ darstellen, wird der „Zufall“ gerne als Ausrede für unsere Unkenntnis genommen.

Das Individuum bedeutet immer mehr als die Gemeinschaft. Die Wünsche und der Wille des Individuums sind, aus Sicht des Individuums, immer den Wünschen und Willen der Gemeinschaft vorzuziehen. Denn niemand kennt sich so gut wie ein Mensch selbst, und daher sind die eigenen Wünsche und Entscheidungen am nähesten, am natürlichsten, harmonieren am besten mit dem Ich.

Gleichzeitig gibt es Situationen, wo es für das Individuum vorteilhafter ist, sich in der Rahmen einer Gemeinschaft zu begeben. Je weniger, desto besser, wobei klar ist, daß physisch und geistig schwächere Individuum der Vorteile der Gemeinschaft eher brauchen werden, als starke. Aber selbst die stärksten und egoistischsten Menschen werden immer wieder feststellen, daß sich das – auch wenn temporäre und teilhafte – Eingliedern und Unterordnen in einer Gemeinschaft für sie mehr lohnt (weniger schadet), als es nicht zu tun. In solchen Fällen entstehen Familien, Stämme, Völker, religiöse Gruppen, Staaten. Aber auch Clubs, Unternehmen, Wirtschaftssysteme, Universitäten.

Diese Gemeinschaften können verschiedene Entscheidungs- und Regierungsformen haben, doch am interessantesten als Diskussionspunkt ist die demokratische. Weil sie am ehesten die Freiheit des Individuums in der Gemeinschaft betont, und weil sie gleichzeitig die größte Bestimmungsmöglichkeit (im Durchschnitt) für den Bürger ermöglicht. D.h. in einer Demokratie ist es für den Durchschnittsbürger viel wahrscheinlicher, etwas in einer Gemeinschaft zu beeinflussen, als in einem Totalitarismus, einer Diktatur, einer (echten) Monarchie, einer Aristokratie, einer Oligarchie,  einem autokratischem System. Auch mehr als in einer Anarchie, da es in dieser darum geht, vom gemeinsamen Beschlüssen und Beeinflussungen wegzukommen.

Zugleich gibt es also zwar die demokratische Idee daß jeder mit seiner Stimme gleich viel bedeutet und bestimmen kann, andererseits aber ist es offensichtlich, daß die Weisheit einer solchen Stimme (eines Wunsches, einer Vorstellung, einer Entscheidung) von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich zu bewerten ist. Der eine überlegt tiefgründig und lange, der andere kurz und emotionsbeladen, der dritte hört nur auf die Meinung der anderen, der vierte entscheidet sich motivationslos oder gar nicht. Oder ist auch ein jeder ein „Experte“ für andere Themen, zu zu entscheiden sind, und somit haben je nach Thema mal der Bauer, mal der Physiker, mal der Architekt mehr Ahnung bei einer Entscheidung.

Diese verschiedene Wertigkeit einer jeder Stimme brachte Heraklit zu dem Gedanken, daß oft die Meinung eines einzelnen (ihm) mehr wert sei als die von zehn Tausend. Was in der Praxis oft der Fall ist, wenn ein Weiser, ein Wissenschaftler oder ein Experte besser entscheidet und deutet, als zehn- und hundertausende Leien. Ähmlich meint auch Thoreau, daß man sich als intelligenter und freiheitsliebender Mensch von der „Meinung der Masse“ keinesfalls beeinflussen und vereinnehmen sollte. Anders Sokrates, der zwar (bei seinem Todesurteil) wußte, daß seine Mitbürger in ihrer Mehrheit falsch entschieden hatten, der wußte daß einer (er) es besser weiß, dennoch beugte er sich dem Gericht, aus dem Prinzip heraus, bisher immer – oft im Vorteil – Teil der Gemeinschaft und deren Entscheidungen zu sein, so auch jetzt.

Alle drei Philosophen, so sehr anders sie sich in der Praxis verhalten hatten, zeigen, daß oft die Meinung der Gemeinschaft nicht richtig für das Individuum ist, und oft für die Gemeinschaft selbst. Oft meint man dann, ein „Rat der Weisen“, eine „Expertenrunde“, eine repräsentative Demokratie (wo nur „Experten“ gewählt werden, um spezielle Entscheidungen im Parlament zu machen), oder gar eine „weise Alleinherrschaft“ wäre die Lösung. Ja und nein.

Im Glücksfall kann eine Alleinherrschaft besser als eine Demokratie funktionieren. Im Pechfall aber sind die Schäden viel größer, und die Möglichkeiten und der Zeitraum, einen Fehler oder Fehlentwicklung zu ändern, viel geringer.

So oder so sollte sich das Individuum aber immer mit Distanz zu jeder Regierungsform verhalten. D.h. nie diese vor sich selbst zu stellen, und diese immer kritisch zu hinterfragen, auch immer auf der Suche nach neuen Lösungen, diese zu verbessern oder durch eine andere zu ersetzen.

Die ideale Demokratie, wo alle gleichzeitig und gleichberechtigt entscheiden und regieren – gibt es nicht. Erstens, wird es immer dümmere, schlechter informierte, nicht motivierte oder verhinderte Wähler geben. Zweitens ist es unmöglich, daß alle gleichzeitig auch regieren, d.h. exekutive Funktionen bekleiden. Zwar meint Protagoras, daß jeder Bürger die Möglichkeit haben sollte, jedes Amt im Staate zu bekleiden. Im Idealfall schon. Doch in der Praxis wird es erstens verschiedene Fähigkeiten (der eine kann besser Häuser bauen, der andere rechnen, der dritte beides schlechter) und verschiedene Motivationen (was, wenn ich kein Bock habe, ein Minister zu werden?). Daher wird es immer selbst in der „flachsten“ Demokratie Hierarchien geben, hoffentlich temporäre und nicht dynastische, (hoffentlich demokratisch und nicht diktatorisch bestimmte), wo ein Teil der Bürger die anderen regiert, wo es eine Bürokratenschicht gibt und geben muss (solange man einen Staat haben möchte). Daher ist auch die Demokratie kein System der „Gleichheit“, es ist höchstens gleicher als manch andere Systeme.

Diese Bürokraten-Gruppe soll so möglich wie möglich sein. Denn je größer und fester (weniger flexibel absetzbar), desto undemokratischer und mächtiger. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist zum Beispiel ein Spezialwissen dann schwer weiterzugeben, ausser an andere „Erwählte“. Daher sollen die regierenden Bürger demokratisch gewählt werden (die Fähigkeiten sollen dabei ein Argument für Wahl sein, nicht aber die Wahl ersetzten!), sollen eine kurze Periode (10-15 Jahre) im Amt sein, und möglichst wenig Einfluss haben. D.h. eher verwalten als gestalten.

Gestalten sollen die nicht-amtierenden Bürger über Volksentscheide. Wenn sie schlecht wählen, wenn das Volk „dumm“ entscheidet – soll es wissen und spüren, daß es seine Entscheidung war, und nicht die „der da oben“. Wie beim Einkaufen eines Wagens. Wenn sich das Volk (das Individuum im Volk) beinflussen läßt – selber schuld. Wie bei Werbung. Volksentscheide haben drei wichtige Vorteile: Das Individuum muß und tut sich mit der (eigenen) Entscheidung und den Folgen identifizieren. Und es lernt daraus, falsch, oberflächlich, oder gar nicht entschieden zu haben. Und es lernt auch, daß in den meisten Fällen es besser wäre, über eine Sache gar nicht gemeinsam zu entscheiden, sondern die Sache dem Individuum selbst zu überlassen. Und so gibt es noch eine Motivation mehr, weniger Gemeinschaft und mehr das Individuum entscheiden zu lassen.

Zum Schluß ein interessanter Gedanke von Antiphon: Es ist schlecht, anderen (Bürgern) zu schaden, denn dadurch aktivieren wir erst die Anwendung des staatlichen Rechts, also den Staat – und das schadet uns wiederum erst recht!

Bis auf s.g. Naturgesetze, wie Schwerkraft oder Älterungsprozess der Zellen, sind sämtliche Gesetze vom Menschen erdacht und geschaffen. Man kann von keinen Gesetzen, Regeln oder Vorschriften behaupten, sie hätten einen göttlichen Urspung, als kämen sie vom Gott. Höchstens kann ein Mensch behaupten, in seinem Gott-Glauben von diesem zu einem Gesetz inspiriert worden zu sein. Das bedeutet aber keinesfalls, daß die Gesetzesidee überhaupt göttlich ist – selbst wenn es wirklich Gott sein sollte, der dazu inspiriert.

Da die gesetzte menschlich sind, sind sie einerseits nur auf die Menschen bezogen, und andererseits nie unfehlbar, nie perfekt, nie endgültig, nie unveränderbar.Es gibt keine absoluten, „heiligen“ Gesetze.

Die Anwendbarkeit der Gesetze auf Menschen bedeutet, daß es sinnlos und lächerlich wäre, Gesetze über und für andere Subjekte als Menschen aufzustellen. Z.B. ein Gesetz über das Meer, die Felsen, die Vögel. Teils könnte man – als Mensch – den Inhalten solcher Gesetze folgen, doch weder das Meer, noch der Fels, noch der Vogel würden sich um so ein Gesetz kümmern. Genauso ist es falsch und sinnlos, gar blasphemisch, Regeln und Vorschriften in Bezug auf Gott aufzustellen, z.B. wie man den Gott betrachten soll, wie der Gott was regelt und beurteilt, oder wie man sich in Bezug zu Gott verhalten sollte (Beten, Sündenfragen).

Auch Moralfragen und -Grundsätze sind rein unter den Menschen ausgemacht. Aus diese kommen von keinem Gott, und sind weder heilig noch absolut, noch perfekt. Sie sind wie andere Vorstellungen, die in Gesetzte umgesetzt wurden – rein menschliche Regeln, aus gewissen Erfahrungen, Wünschen, Situationen entstanden. Sie sollen oft eine Gemeinschaft wie das Individuum regulieren, schützen, lehren.

In der Praxis ist es aber meistens so, daß der Mensch, erst recht in Form einer Gemeinschaft, viel eher ein Gesetz oder eine Moralregel akzeptieren wird, wenn man behauptet und man ihm glaubhaft macht, daß diese vom Gott kommt. Denn mit Gott kann man nicht verhandeln, man kann seine Weisungen nicht anzweifeln – also auch die Regel, das Gesetz.

Das Individuum sollte also immer sich bewußt sein, daß JEDES Gesetz und JEDE Regel von anderen Menschen erdacht und eingeführt wurde. Somit ist keines absolut, keines heilig, keines unveränderbar, jedes abschaffbar.

Da die von (anderen) Menschen erschaffenen Gesetze das Leben des Individuums von oben herab beinflussen (ob einengen, stabilisieren, oder erweitern), und nur in seltesten Fällen die Gesetzte von dem Individuum selbst und bewußt alleine erschaffen wurden, muß immer klar sein, daß solche Gesetze nie vollkommen mit dem Individuum ident und harmonisch sein können. Jedes – durchdachte – Gesetz oder Regel, daß ein Mensch sich selbst schafft, wird ihm näher, wirklicher und natürlicher sein als jedes „Fremd-“ oder „Gemeinschafts-Gesetz“. Daher sind die Gemeinschaftsgesetze immer mit Distanz, Skepsis und Vorsicht zu bewerten.

In der Praxis passiert es ohnehin, daß die Menschen meiste den eigenen Regeln gehorchen, und den allgemeinen nur, wenn sie davon profitieren. Profitieren im Sinne, daß ihnen entweder direkt etwas gutes davon kommt, oder daß ein Übel (ggf. eine Strafe seitens der Gemeinschaft) nicht eintritt. Der Mensch ist egoistisch, und kalkuliert sein Verhalten – oft wird er zwar „öffentlich“ sich zu einem Gesetz bekennen, im Geheimen und in der Praxis nur teilweise diesem Gesetz folgen. Der Mensch agiert aber nicht immer strikt egoistisch – oft lernt der Mensch, daß es Sinn macht, seiner Gemeinschaft (Familie, Freundeskreis, Dorf, Staat) etwas Gutes zu erweisen als nur sich selbst, da in der längeren Folge es für den Menschen selbst auch vorteilhafter ist, als nur immer den eigenen Vorteil zu suchen. Und das ist auch der praktische Grund, daß viele Gesetze Sinn machen und Unterstützung finden – jedoch nicht, weil diese so „göttlich“ oder „weise“ wären.

Aus der Tatsache, daß kein allgemeines Gesetz mit einem einzelnen Menschen besser harmonieren kann, als seine eigenen Regeln und Gesetze, folgt, daß – aus der Sicht dieses Menschen – das _Individuum immer wichtiger sein muß als eine Gruppe, eine Gemeinschaft, ein Stamm, ein Staat. Denn jeder Mensch ist sich selbst viel näher und wichtiger als noch die beste Gemeinschaft. Kein Gesetz der Gemeinschaft, das über oder gegen den Wünschen und den Willen des Individuums existiert, wird von diesem Individuum vollkommen akzieptiert werden.

Aus dem Bösen kann auf direktem Wege kein Gutes werden.

Das Böse kann durch ein anderes Böses bekämpft und auch getilgt werden. Wäre es nicht so, könnte das Böse sich unbegrenzt vermehren, ohne ab und zu, partiell, gut sein zu müssen. Dem ist aber nicht so, denn selbst das Böse braucht Kooperationen, Solidarität, Kreativität. Der paradoxe Umkehrschluß, daß es ohne des (kleines, dem Bösen nützlichen) Guten kein Böses gäbe, ist wahr – auch wenn nur langfristig. Denn wenn nur Böses existieren würde, wäre es vollkommen, und würde es sich gegenseitg oder selbst nach und nach zerstören.

Aus dem obigen folgt jedenfalls auch ein anderer Gedanke: Dass das Böse sich oder ein anderes Böses bekämpfen kann, und gegebenfalls tilgen kann. Sollte man daher auch Situationen und Lösungsvorschlägen zustimmen, in denen man ein Böses nimmt (oder es gewähren läßt), in der Annahme (oder nur Hoffnung!), daß es das „üblere Böse“ vertilgen wird?

Meiner Meinung nach nein.

Erstens, kann so eine kalkulierte (oder nur durch Hoffnung fundierte) Annahme, welches der zwei (oder mehrerer) Bösen übler und welches „das kleinere Übel“ ist, sehr oft falsch sein. Der Mensch ist nie imstande, 100% zu bestimmen, ob er in einer solchen Annahme auch recht hat. Also ist es ein Hasard-Spiel, ein Risiko, wenn man auf das eine Böse setzt, um ein anderes zu bekämpfen.

Zweitens, es ist ebenfalls nicht 100% gesagt, daß das eine Böse mit dem anderen Bösen auch wirklich kämpfen wird, und es auch besiegen wird. Wenn unsere Annahme falsch war, siegt vielleicht das üblere Böse? Oder beide tun sich zusammen (denn in der realen Welt gibt es kein nur-Böse, das Böse kann sich durch die erwähnten partiellen „gute Eigenschaften“ wie eine mittelfristige Kooperation mit anderem Bösen verstärken!) – und das Ergebnis ist noch ein größeres Böse als angenommen. Oder auch beide bekämpfen sich gar nicht – und existieren nebeneinander.

Drittens, wenn wir zur Beseitigung eines Böses selber ein (vermeindlich) stärkeres Böses schaffen – muß es als Wunsch, Gedanke, Idee, Konzept, Tat von uns und aus uns heraus kommen. Also muß es vorher dort, in uns, geboren werden. Und damit werden wir selber, als Schöpfer des Bösen, das als „vorübergehender Zweck zum Mittel“ oder als „kleineres Übel“ gedacht war – selbst mit dem Bösen infiziert.

In der Praxis gibt es mehrere Beispiele, wo der Mensch versucht, durch ein „kleineres Übel“ ein größeres zu bekämpfen oder zu beseitigen. Sei es die Idee der Strafe, die Idee der Rache (beides beruhend auf ebenfalls rein menschlichen Konzept einer „Gerechtigkeit“), oder auch die Versuche militärischer oder polizeilicher Aktionen und Interventionen, die für „Ordnung“ oder „Beseitigung der Verbrechen“ dienen sollen.

Lehne ich daher diese Methoden und Aktionen, wo man durch Böses ein anderes Böses beseitigen versucht, grundsätzlich ab?

(Leider) Nein.

Aber ich tue diese auch nicht rechtfertigen.

Jeder Mensch ist bei der Entscheidungen, solche Aktionen anzuwenden oder passiv zu begrüßen in einer ethischen, persönlichen Zwicklmühle, und das ist auch gut so. Jedem soll klar sein, wie groß bei so einem Versuch, bei so einem Hasard-Spiel, die Gefahr ist, noch mehr Böse anzurichten. Gleichzeitig kann der Mensch im Umkehrschluß solche „doch guten Ausgänge“ bei dem geplanten Kampf „Böses gegen Böses“ nicht ausschlißen. Fazit: es bleibt am Menschen, wie er sich entscheidet, und damit bleibt auch an ihm die Verantwortung für den guten, wie für den schlechten Ausgang solcher Aktionen.

Problematisch sind allerdings zwei Punkte: Einerseits, daß der Mensch selten und schwer die langfristigen Folgen sehen kann – wie der Einfluß auf seinen Geist, wie die Entwicklungsszenarien eines solchen Kampfen. Andererseits, daß der Mensch sehr oft lieber passiv bleibt und gar nichts unternimmt, bevor er eine Lösung mithilfe des Böses riskiert.

Das vollkommene Böse innerhalb der Menschheit gibt es nicht.

Selbst bei „bösesten“ Regimen, Menschen oder Verbrecherbanden gibt es zwei Punkte, wodurch das Böse nie voll aufgeht.

Erstens, die meisten bösen Menschen, deren böse Taten und bösen Gedanken, haben „eigentlich was Gutes gewollt“. So sagen sie es, und in den meisten Fällen, subjektiv, glauben sie es auch. Natürlich, objektiv, „statistisch“ gesehen sind/waren diese Taten und solche Menschen viel mehr böse als gut. Da aber durch eine Verblendung oder geistige Beschränktheit – sie glaubten selbst wenn nur für sich alleine, also komplett egoistisch – an etwas Gutes. Somit war die Idee des Bösen, und somit dessen Geist, nie vollkommen böse, es war kein „ideales Böse“.

Zweitens, das Böse braucht das Gute, um fortzuleben, um zu existieren. Während das Gute durch alleinige Nebenexistens andere Güter ohne dem Bösen überleben kann (d.h. alle tun einander was gutes oder was neutrales und leben so weiter), kann es das Böse nicht! Denn ohne Augenblicke oder Punkte der Kooperation, der Solidarität kann das Böse allein auf sich gestellt nie lange überleben – nie länger als ein Menschenleben (und auch das Leben des bösesten Menschen wäre sehr kurz, wenn er keine punktuellen „guten Augenblicke“ und gute Taten hätte). Natürlich, im Verhältnis wird auch hier oft das Böse dem Guten überwiegen, doch auch hier wird es nicht vollkommen, „ideal“ böse sein können. Selbst eine Verbrecherbande braucht unter sich gute Eigenschaften wie Zusammenarbeit, Solidarität, Mitgefühl und Hilfe um zu überleben und mächtig zu sein.

Menschen neigen dazu, eigene Verhaltensregeln und Gesetze zu entwerfen und ins Leben zu rufen. Solche Gesetze sind teils aus der Lebenserfahrung, teils aber aus Wünschen und Ideen gebildet. Damit können sie oft im Einllang mit den Naturgesetzen stehen, aber öfter eher im Gegensatz dazu. Naturgesetze, wie sowohl die physikalischen und biologischen Gesetze, wie aber auch langfristige soziale und psychische Gegebenheiten des Menschen wie über den Menschen, können „formell“ vom menschlichen Gesetzen missachtet oder übergangen werden, doch können sie nie von den menschlichen Gesetzen ausser Kraft gesetzt werden oder dominiert werden. Höchstens kann es für eine kurzfristige oder mittelfristige Zeit (damit meine ich mehrere Generationen) so scheinen, als hätte man die Naturgesetze zur Seite geschoben, und bessere, „menschliche“ Gesetze geschaffen.

In der Praxis – ob früher oder später – kommt es bei Gegensätzlichkeiten zwischen Naturgesetzen und vom Menschen geschaffenen Gesetzen zu Reibungen, zu Konflikten, manchmal zu großen Crashs oder Katastrophen. Als Beispiel können u.a. herhalten:

- der Versuch, die Schwerkraft ausser Kraft zu setzen (Flugversuche etc.)

- der Wunsch nach immer höherer Lebenserwartung mittels Medizin- und Pharmatechnik, und die damit zusammenhängengen Folgen

- gesellschaftliche, religiöse oder wirtschaftliche Utopien, die „am Leben vorbei“ eine künstliche Version des menschlichen Zusammenlebens propagieren.

Solche naturgemäßen Konflikte führen bei jedem Menschen, der in die Zwickmühle zwischen den Naturgesetzen und menschlichen Gesetzen gerät, zu Problemen, zum Unwohlsein – denn einerseits können wir uns nicht lossagen von den allmächtig herrschenden und stärkeren Naturgesetzen, andererseits leben in unserem Verstand und in den Gewohnheiten (ob selbst ausgedachte, oder übernommene und geglaubte) Menschen-Gesetze. Und wenn der Geist und der Körper keine Harmonie erfährt, geht es und schlecht.

Daß Menschen gerne in Versuchung geraten, über oder gegen die Naturgesetze eigene Gesetze zu formen, ist psychologisch verständlich (jeder Traum ist auch eine Motivation richtung Verbesserung). Und nicht zwingend sind eigene menschliche Gesetze und Ideen falsch – soweit sie nicht mit den Naturgesetzen in Konflikt geraten.

Auch muss erwähnt werden, daß der Mensch und die auf ihn bezogenen Naturgesetze unveränderbar sind. Denn sowohl die Entwicklung des Homo sapiens schreitet voran (genetisch – ob sein Gehirn, Körpergröße, Robustheit, etc.), wie auch dessen Umgebung (Klima und Beschaffenheit des Planeten Erde, kosmische Veränderungen ausserhalb). Doch erst wenn sich ein Naturgesetz geändert hatte, kann man eine Anpassung eines menschlichen Gesetzes vornehmen, damit beide kompatibel bleiben.

Im Umkehrschluß heißt das auch, daß wenn sich Naturgesetze ändern sollten, sollte auch der Mensch seine Gesetzte daran anpassen, und auch seinerseits nicht darauf pochen, daß „seine“ Gesetze (auch wenn im Zeitpunkt deren Erschaffung mit den Naturgesetzen kompatibel) unveränderbar bleiben sollten.

Jedenfalls ist es für ein Individuum immer besser sich auf jeden Fall an die Naturgesetze zu halten, und erst gegebenfalls an die vom Menschen geschaffenen Gesetze.

Nichts bindet den Menschen in seinen Entscheidungen wie sein Gewissen. Das Gewissen zusammen mit seiner Freiheit. Wir sind in jeder Entscheidung vollkommen frei (unabhängig jetzt davon, ob die Durchführung gelingen kann), können aber nie den Hinweis, den „Ratschlag“ des Gewissens ausblenden. Einerseits also der Wille, der identisch mit uns ist, andererseits aber das Gewissen, das ein „Kompass des Welt-Seins, des Gottes in uns ist“.

Keine anderen Faktoren als diese zwei können uns so authentisch und stark bestimmen, wie dieses Paar: Gewissen und die Freiheit. Keine äußerlich, gesellschaftlich, traditionell oder religiös zusammengebastelten Regeln („Moral“, „Ethik“, „Gesetze“, „Traditionen“) können wir uns glaubhaft und „gelebt“ werden. Klar, wir fügen uns oft solchen „äußeren Regeln“, doch authentisch sind diese für uns nie zur Gänze.

Je mehr wir an unseren eigenen Erkenntnis arbeiten und je mehr wir weiter erkennen und das Universum, das Sein verstehen, desto weniger glaubhaft und brauchbar sind uns diese Regeln. Wir entwickleln eigene Grundsätze des Tuns, die uns authentisch, natürlich, vertraut und vertrauensvoll sind. Jeder Mensch sollte ein eigenes Regelwerk haben, es entwickeln, und sich daran halten. Mag es fehlerhaft sein – es ist dann dazu da, von uns ausgebessert zu werden, nachdem wir aus eigenen Fehlern gelernt haben. Denn dann können wir auch niemanden die Schuld („blöde Gesetze“, „falsche Ethik“, „verlogene/wirklichkeitsferne Moral“) zuschieben. Diese eigenen Regeln sind ein Ergebnis des Ichs (Wille, Freiheit) und – mithilfe des Gewissens – des Seins. Und können natürlich nur für den einen Menschen gelten, der sie sich erarbeitet hatte.

Somit kann der Mensch durchaus immer besser werden, indem er an sich arbeitet, und durch jeden Akt auch sich selbst bestärkt und verändert – der Harmonie mit dem Sein näher bringt.

Man soll auch Werte haben, Werte kennen, und sich daran halten, denn deren Fehlen oder falsche Werte „verflachen“ oder „verirren“ den Menschen. Aber, nochmal, es müssen eigene, eigens entwickelte Werte sein. Oder zumindest – wenn wir eine gute Idee hören und aufnehmen wollen – eigens durchdachte, durch die eigene Erkenntnis überprüfte und bestätigte Werte und Ideen.

Das Gewissen und seine Rolle

September 8, 2008

Wie schon vorhin geschrieben, das Gewissen ist ein Gleichgewichtsgefühl, ähnlich wie beim Balancieren, das wir bei jeder Tat (auch jedem Willensakt, jeder Beobachtung) empfinden. Es „sagt“ uns, ob sich unser Wesen dadurch der Harmonie, der Nähe mit dem Weltall und dem gesamten Sein, dem Gott, nähert, oder eher entfernt.

Allerdings hängt das Gewissen auch mit unseren Erkenntnissen (auch den unterbewußten) zusammen. Schreiten diese voran, so stärkt und erweitert und vertieft („spitzt“) sich unser Gewissensempfinden. Lassen wir unser Erkenntnisse „verfaulen“, vergessen – wird auch das Gewissen „stumpfer“. Wenn wir in unseren Erkenntnissen in die falsche Richtung gehen, wird auch das Gewissen dadurch „verwirrt“ und „verschmutzt“. In meinen Augen ist das Gewissen also eine Kombination aus dem angeborenen Harmoniegefühl, und den Folgen der Erkenntnisse, die dieses Gefühl, als zwar angeborene Fähigkeit, mit der Zeit beeinflussen können. Offen ist dennoch, in wie weit dieser Einfluß reichen kann. Ich glaube, daß nur begrenzt, so wie beim physischen Gleichgewichtsgefühl: Wir können darin besser oder schlechter werden, doch die Grundeigenschaft kann in einem Menschen nicht verändert werden. So mit dem Gewissen – im Grunde bleibt immer die Ur-Eigenschaft, das Gefühl, ob wir uns der Harmonie mit dem Sein nähern (gute Taten), oder davon entfernen (schlechte Taten).

Durch mehr und mehr gute Taten wird das Gewissen gestärkt, da wir uns durch jede Tat, jeden Akt des Guten (=der Annäherung an das Sein, an Gott) selbst verändern, und besser fühlen. Bei schlechten Taten entfernen wir uns davon, und das Gewissen wird geschwächt. Verschwindet jedoch nicht ganz, und noch weniger wird es durch ein „anderes“, „eigenes“ Gewissen ersetzt. D.h. Menschen können durchaus andere persönliche Moralvorstellungen entwickleln und daran glauben – doch es ist nur eine intellektuelle „Maske“, ein Regeln-Konstrukt an den man zu glauben versucht, jedoch kein natürliches und instinktives Ur-Gefühl wie das Gewissen.

Ein gutes Beispiel für das funktionieren des Gewissens als „Kompass“ zwischen der Annäherung oder Entfernung zum Gott sind Situationen, wo man sich „zwischen zwei Übeln“ (aber auch zwischen zwei Güten“) entscheiden muß, wo man „der guten Tat wegen lügen muß“, oder wo man das „geringere Übel“ (das möglichst große Gute) sucht. Da fühlen wir die Zerrissenheit, indem wir gleichzeitig spüren, wie uns schon das Vorstellen der Entscheidung in zwei Richtungen zerrt, wie wir von zwei Kräften gezogen werden: die eine zum Guten (zur Harmonie), die andere weg davon. Und da ist es natürlich sich für „zwei Schritte nach vorne und einen zurück“ zu entscheiden, für die „bessere Summe“, als gar nichts zu tun.