Veränderung und Erscheinungen
Mai 21, 2008
Wie schon vorhin gesagt, sind die Menschen, wie auch alle anderen Dinge – einerseits geistig, anderseits materiell – alle Teile des gesamten Seins. Alle sind wir als Objekte – Erscheinungen. Denn real gesehen, gibt es “uns” bzw. “die Grashalme” bzw. “die Planeten” nicht, genauso wenig wie es “meine Erinnerung”, “die Kraft des Flusses Nil” oder “das Bewußtsein eines Stiers” nicht gibt. Es sind alles Teilbetrachtungen, Ausschnitte des Ganzen, und somit nur Erscheinungen.
Es gibt meiner Meinung nach auch keinen Unterschied zwischen “lebenden” oder “nicht lebenden” Objekten. Da alles Erscheinungen sind, und diese wiederum selber in kleinste Elemente unterteilt werden können, existieren nur diese kleinsten Elemente der Materie bzw. Energieeinheiten, die nur aus unserer Sicht, in der jeweiligen temporären Kombination oder Ansicht (”Mensch”, “Planet”, “Stein”) “leben” oder “nicht leben”. Denn – “lebt” ein Planet? Da müßte man eben den Begriff “Planet” genau definieren: mit oder ohne den darauf und darin existerenden “Lebewesen” (Menschen, Würmer, Bakterien).
Da es diese “lebend”/”nicht lebend”-Unterscheidung nicht gibt, gibt es auch keinen “Tod” oder kein “Leben” in dem Sinne, wie es meist durch den Menschen verstanden und definiert wird. Es sind die Teil-Erscheinungen des Seins, die leben, sterben, geboren werden, sich entwicklen, altern, zerfallen etc.
Natürlich, aus der Sicht des Menschen, kann man das Ende einer gewissen Konfiguration von Elementen des Ganzen (”Mensch”, “Kaninchen”) als “Tod” bezeichnen, oder das Entstehen dieser als “Geburt”, die Existenz als “Leben”. Doch sind es nur konventionelle Definitionen (”Mensch”, “Stein”, “Grashalm”), die als Denk- und Kommunikationsmodelle aushelfen.
Die Erscheinungen sind umso mehr sichtbar, umso mehr die Kraft des Geistes diese bündelt, auch wenn das ebenfalls nur eine Erscheinung ist. Der Mensch hat – als Teil des ganzen Seins – auch zum Teil den Geist und die Kraft des ganzen Seins. Somit kann er. z.B. ein Fahrrad bauen, d.h. einzelne Elemente der Materie durch Elemente seines Geistes (Wissen, Wille) derart formen, daß diese als ein Objekt erscheinen. Während in der Realität sowohl alle materiellen Elemente (Teile des Menschen, des Fahrrads, der Straße, die Luft dazwischen) nicht unterschiedlich und nicht getrennt sind, scheinen sie für den Menschen getrennt. Auch der Geist des Menschen ist nicht von dem gesamten Geist und Kraft des Seins zu trennen, höchstens als Teil zu definieren. Oder wie Pitagoras sagte: Das Werden ist nur das Begrenzen des Unbegrenzten.
Daß all dies Erscheinungen sind, bedeutet es nicht, daß sie nicht existeren oder nichts bewirken. Mag die Perspektive des Menschen ärmlich und subjektiv sein, dennoch sind Veränderungen eine Tatsache. Denn alles ist zwar diesselbe Substanz, materiell bzw. geistig, die sich aber im immerwährenden Wandel befindet. Weniger materiell und energetisch (denn da werden nur Teilchen verschoben, zusammengefügt, in Energie umgewandelt etc.), da könnte man fast nach Parmenides sagen, daß alles eins sei und sich nichts bewegt/verändert (und es nur uns so scheint, daß sich etwas ändert.)
Ebenso im immerwährenden Wandel befinden sich die Zusammenhänge und Kräfte des Geistes, egal ob es eine größere Wirkung seitens des Gottes ist, oder eine winzige seitens des Menschen. Hier gibt es aber einen qualitativen Unterschied zur Materie. Denn diese kann sich nicht wirklich entwickeln, sie ist nur ein Medium, während der Geist – positiv oder negativ – Einfluß auf andere geistig bedingte Objekte und Erscheinungen haben kann. Wenn ich mit einem Messer ein Gemälde zerschneide, mag sich aus der materiellen Sicht nichts verändert zu haben, doch geistig durchaus: Diese Veränderung kann in jemanden positive oder negative Gefühle erzeugen, kann jemanden zu Ideen und Taten inspirieren (zum Nachfolgen oder zur Sicherheitsvorkehrungen), es kann jemandes Wissen beeinflussen (jemand lernt nichts aus dem Inhalt des Bildes, oder jemand entdeckt durch den Schnitt etwas an der Rückseite).
Offen ist noch für mich, ob sich diese geistigen Bewegungen auch nur ausgleichen, und zwar ständig, und ob dadurch vielleicht in Summe sich (im Sein, in der Welt, im Gott) nichts ändert, oder ob sich – sollten sich die geistigen Kräfte nicht immer ausgleichen – doch etwas ändert.
(Klar ist mir, daß es keine zyklische Veränderung oder einen zyklischen Prozess der Welt gibt. Höchstens als lokale oder temporäre Erscheinung, aber eben nur Erscheinung. Vor allem aber ist der Begriff “zyklisch” schon nur aus menschlicher Sicht sinnvoll, da er von dem Begriff der “Zeit” abhängt – welche jedoch für das Sein nicht existiert.)