Aus dem Bösen kann auf direktem Wege kein Gutes werden.

Das Böse kann durch ein anderes Böses bekämpft und auch getilgt werden. Wäre es nicht so, könnte das Böse sich unbegrenzt vermehren, ohne ab und zu, partiell, gut sein zu müssen. Dem ist aber nicht so, denn selbst das Böse braucht Kooperationen, Solidarität, Kreativität. Der paradoxe Umkehrschluß, daß es ohne des (kleines, dem Bösen nützlichen) Guten kein Böses gäbe, ist wahr – auch wenn nur langfristig. Denn wenn nur Böses existieren würde, wäre es vollkommen, und würde es sich gegenseitg oder selbst nach und nach zerstören.

Aus dem obigen folgt jedenfalls auch ein anderer Gedanke: Dass das Böse sich oder ein anderes Böses bekämpfen kann, und gegebenfalls tilgen kann. Sollte man daher auch Situationen und Lösungsvorschlägen zustimmen, in denen man ein Böses nimmt (oder es gewähren läßt), in der Annahme (oder nur Hoffnung!), daß es das „üblere Böse“ vertilgen wird?

Meiner Meinung nach nein.

Erstens, kann so eine kalkulierte (oder nur durch Hoffnung fundierte) Annahme, welches der zwei (oder mehrerer) Bösen übler und welches „das kleinere Übel“ ist, sehr oft falsch sein. Der Mensch ist nie imstande, 100% zu bestimmen, ob er in einer solchen Annahme auch recht hat. Also ist es ein Hasard-Spiel, ein Risiko, wenn man auf das eine Böse setzt, um ein anderes zu bekämpfen.

Zweitens, es ist ebenfalls nicht 100% gesagt, daß das eine Böse mit dem anderen Bösen auch wirklich kämpfen wird, und es auch besiegen wird. Wenn unsere Annahme falsch war, siegt vielleicht das üblere Böse? Oder beide tun sich zusammen (denn in der realen Welt gibt es kein nur-Böse, das Böse kann sich durch die erwähnten partiellen „gute Eigenschaften“ wie eine mittelfristige Kooperation mit anderem Bösen verstärken!) – und das Ergebnis ist noch ein größeres Böse als angenommen. Oder auch beide bekämpfen sich gar nicht – und existieren nebeneinander.

Drittens, wenn wir zur Beseitigung eines Böses selber ein (vermeindlich) stärkeres Böses schaffen – muß es als Wunsch, Gedanke, Idee, Konzept, Tat von uns und aus uns heraus kommen. Also muß es vorher dort, in uns, geboren werden. Und damit werden wir selber, als Schöpfer des Bösen, das als „vorübergehender Zweck zum Mittel“ oder als „kleineres Übel“ gedacht war – selbst mit dem Bösen infiziert.

In der Praxis gibt es mehrere Beispiele, wo der Mensch versucht, durch ein „kleineres Übel“ ein größeres zu bekämpfen oder zu beseitigen. Sei es die Idee der Strafe, die Idee der Rache (beides beruhend auf ebenfalls rein menschlichen Konzept einer „Gerechtigkeit“), oder auch die Versuche militärischer oder polizeilicher Aktionen und Interventionen, die für „Ordnung“ oder „Beseitigung der Verbrechen“ dienen sollen.

Lehne ich daher diese Methoden und Aktionen, wo man durch Böses ein anderes Böses beseitigen versucht, grundsätzlich ab?

(Leider) Nein.

Aber ich tue diese auch nicht rechtfertigen.

Jeder Mensch ist bei der Entscheidungen, solche Aktionen anzuwenden oder passiv zu begrüßen in einer ethischen, persönlichen Zwicklmühle, und das ist auch gut so. Jedem soll klar sein, wie groß bei so einem Versuch, bei so einem Hasard-Spiel, die Gefahr ist, noch mehr Böse anzurichten. Gleichzeitig kann der Mensch im Umkehrschluß solche „doch guten Ausgänge“ bei dem geplanten Kampf „Böses gegen Böses“ nicht ausschlißen. Fazit: es bleibt am Menschen, wie er sich entscheidet, und damit bleibt auch an ihm die Verantwortung für den guten, wie für den schlechten Ausgang solcher Aktionen.

Problematisch sind allerdings zwei Punkte: Einerseits, daß der Mensch selten und schwer die langfristigen Folgen sehen kann – wie der Einfluß auf seinen Geist, wie die Entwicklungsszenarien eines solchen Kampfen. Andererseits, daß der Mensch sehr oft lieber passiv bleibt und gar nichts unternimmt, bevor er eine Lösung mithilfe des Böses riskiert.

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