Das Individuum bedeutet immer mehr als die Gemeinschaft. Die Wünsche und der Wille des Individuums sind, aus Sicht des Individuums, immer den Wünschen und Willen der Gemeinschaft vorzuziehen. Denn niemand kennt sich so gut wie ein Mensch selbst, und daher sind die eigenen Wünsche und Entscheidungen am nähesten, am natürlichsten, harmonieren am besten mit dem Ich.

Gleichzeitig gibt es Situationen, wo es für das Individuum vorteilhafter ist, sich in der Rahmen einer Gemeinschaft zu begeben. Je weniger, desto besser, wobei klar ist, daß physisch und geistig schwächere Individuum der Vorteile der Gemeinschaft eher brauchen werden, als starke. Aber selbst die stärksten und egoistischsten Menschen werden immer wieder feststellen, daß sich das – auch wenn temporäre und teilhafte – Eingliedern und Unterordnen in einer Gemeinschaft für sie mehr lohnt (weniger schadet), als es nicht zu tun. In solchen Fällen entstehen Familien, Stämme, Völker, religiöse Gruppen, Staaten. Aber auch Clubs, Unternehmen, Wirtschaftssysteme, Universitäten.

Diese Gemeinschaften können verschiedene Entscheidungs- und Regierungsformen haben, doch am interessantesten als Diskussionspunkt ist die demokratische. Weil sie am ehesten die Freiheit des Individuums in der Gemeinschaft betont, und weil sie gleichzeitig die größte Bestimmungsmöglichkeit (im Durchschnitt) für den Bürger ermöglicht. D.h. in einer Demokratie ist es für den Durchschnittsbürger viel wahrscheinlicher, etwas in einer Gemeinschaft zu beeinflussen, als in einem Totalitarismus, einer Diktatur, einer (echten) Monarchie, einer Aristokratie, einer Oligarchie,  einem autokratischem System. Auch mehr als in einer Anarchie, da es in dieser darum geht, vom gemeinsamen Beschlüssen und Beeinflussungen wegzukommen.

Zugleich gibt es also zwar die demokratische Idee daß jeder mit seiner Stimme gleich viel bedeutet und bestimmen kann, andererseits aber ist es offensichtlich, daß die Weisheit einer solchen Stimme (eines Wunsches, einer Vorstellung, einer Entscheidung) von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich zu bewerten ist. Der eine überlegt tiefgründig und lange, der andere kurz und emotionsbeladen, der dritte hört nur auf die Meinung der anderen, der vierte entscheidet sich motivationslos oder gar nicht. Oder ist auch ein jeder ein „Experte“ für andere Themen, zu zu entscheiden sind, und somit haben je nach Thema mal der Bauer, mal der Physiker, mal der Architekt mehr Ahnung bei einer Entscheidung.

Diese verschiedene Wertigkeit einer jeder Stimme brachte Heraklit zu dem Gedanken, daß oft die Meinung eines einzelnen (ihm) mehr wert sei als die von zehn Tausend. Was in der Praxis oft der Fall ist, wenn ein Weiser, ein Wissenschaftler oder ein Experte besser entscheidet und deutet, als zehn- und hundertausende Leien. Ähmlich meint auch Thoreau, daß man sich als intelligenter und freiheitsliebender Mensch von der „Meinung der Masse“ keinesfalls beeinflussen und vereinnehmen sollte. Anders Sokrates, der zwar (bei seinem Todesurteil) wußte, daß seine Mitbürger in ihrer Mehrheit falsch entschieden hatten, der wußte daß einer (er) es besser weiß, dennoch beugte er sich dem Gericht, aus dem Prinzip heraus, bisher immer – oft im Vorteil – Teil der Gemeinschaft und deren Entscheidungen zu sein, so auch jetzt.

Alle drei Philosophen, so sehr anders sie sich in der Praxis verhalten hatten, zeigen, daß oft die Meinung der Gemeinschaft nicht richtig für das Individuum ist, und oft für die Gemeinschaft selbst. Oft meint man dann, ein „Rat der Weisen“, eine „Expertenrunde“, eine repräsentative Demokratie (wo nur „Experten“ gewählt werden, um spezielle Entscheidungen im Parlament zu machen), oder gar eine „weise Alleinherrschaft“ wäre die Lösung. Ja und nein.

Im Glücksfall kann eine Alleinherrschaft besser als eine Demokratie funktionieren. Im Pechfall aber sind die Schäden viel größer, und die Möglichkeiten und der Zeitraum, einen Fehler oder Fehlentwicklung zu ändern, viel geringer.

So oder so sollte sich das Individuum aber immer mit Distanz zu jeder Regierungsform verhalten. D.h. nie diese vor sich selbst zu stellen, und diese immer kritisch zu hinterfragen, auch immer auf der Suche nach neuen Lösungen, diese zu verbessern oder durch eine andere zu ersetzen.

Die ideale Demokratie, wo alle gleichzeitig und gleichberechtigt entscheiden und regieren – gibt es nicht. Erstens, wird es immer dümmere, schlechter informierte, nicht motivierte oder verhinderte Wähler geben. Zweitens ist es unmöglich, daß alle gleichzeitig auch regieren, d.h. exekutive Funktionen bekleiden. Zwar meint Protagoras, daß jeder Bürger die Möglichkeit haben sollte, jedes Amt im Staate zu bekleiden. Im Idealfall schon. Doch in der Praxis wird es erstens verschiedene Fähigkeiten (der eine kann besser Häuser bauen, der andere rechnen, der dritte beides schlechter) und verschiedene Motivationen (was, wenn ich kein Bock habe, ein Minister zu werden?). Daher wird es immer selbst in der „flachsten“ Demokratie Hierarchien geben, hoffentlich temporäre und nicht dynastische, (hoffentlich demokratisch und nicht diktatorisch bestimmte), wo ein Teil der Bürger die anderen regiert, wo es eine Bürokratenschicht gibt und geben muss (solange man einen Staat haben möchte). Daher ist auch die Demokratie kein System der „Gleichheit“, es ist höchstens gleicher als manch andere Systeme.

Diese Bürokraten-Gruppe soll so möglich wie möglich sein. Denn je größer und fester (weniger flexibel absetzbar), desto undemokratischer und mächtiger. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist zum Beispiel ein Spezialwissen dann schwer weiterzugeben, ausser an andere „Erwählte“. Daher sollen die regierenden Bürger demokratisch gewählt werden (die Fähigkeiten sollen dabei ein Argument für Wahl sein, nicht aber die Wahl ersetzten!), sollen eine kurze Periode (10-15 Jahre) im Amt sein, und möglichst wenig Einfluss haben. D.h. eher verwalten als gestalten.

Gestalten sollen die nicht-amtierenden Bürger über Volksentscheide. Wenn sie schlecht wählen, wenn das Volk „dumm“ entscheidet – soll es wissen und spüren, daß es seine Entscheidung war, und nicht die „der da oben“. Wie beim Einkaufen eines Wagens. Wenn sich das Volk (das Individuum im Volk) beinflussen läßt – selber schuld. Wie bei Werbung. Volksentscheide haben drei wichtige Vorteile: Das Individuum muß und tut sich mit der (eigenen) Entscheidung und den Folgen identifizieren. Und es lernt daraus, falsch, oberflächlich, oder gar nicht entschieden zu haben. Und es lernt auch, daß in den meisten Fällen es besser wäre, über eine Sache gar nicht gemeinsam zu entscheiden, sondern die Sache dem Individuum selbst zu überlassen. Und so gibt es noch eine Motivation mehr, weniger Gemeinschaft und mehr das Individuum entscheiden zu lassen.

Zum Schluß ein interessanter Gedanke von Antiphon: Es ist schlecht, anderen (Bürgern) zu schaden, denn dadurch aktivieren wir erst die Anwendung des staatlichen Rechts, also den Staat – und das schadet uns wiederum erst recht!

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