Der Altruismus gilt als das Gegenteil des Egoismus. Während der Egoismus als „Ich-Bezogenheit“ bis „Selbstsucht“ definiert wird, bezeichnet Altruismus uneigennützige, durch Rücksicht auf Andere geleitete Handlungsweisen. In extremeren Deutungen wird mit Altruismus eine Einstellung oder Handlungsweise gemeint, wodurch ein Individuum gar mehr Kosten als Nutzen erfährt (August Comte), beim Egoismus gerade umgekehrt: der Nutzen des Individuums wird nicht nur ohne Rücksicht, sondern gar (bewußt) auf Kosten der Anderen erzielt. Mit Altruismus assoziert man oft „Gemeinwohl“, „soziales Verhalten“ und „Kooperation“, mit „Egoismus“ hingegen „Konkurrenz“, „Ellenbogenmentalität“ oder „Darwinismus“. Dabei war es nicht Charles Darwin, der „(Sozial-)Darwinismus“ definierte (https://de.wikipedia.org/wiki/Darwinismus , https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus), aus Darwins Evolutionstheorie kann man eher auslesen, daß „the survival of the fittest“ keinesfalls mit Egoismus gleichzusetzen ist – zumindest, wenn es um die Handlungsweisen eines Individuums geht. Die andere „Strategie“, nämlich die Kooperation, der Altruismus – kommen in der Natur mindestens genauso oft vor, das bestätigen immer wieder auch aktuelle Studien, von Mikroben bis zum (man glaubt es fast nicht) Homo sapiens.

Aber genau hier treffen sich die beiden theoretisch entgegengesetzten Philosophien. Der Altruismus als Handlungsweise ist eine der effizientesten Strategien des „Survival of the fittest“. Als ein gruppenbezogener Egoismus. Es gibt natürlich auch einen „passiven“ Altruismus, eine nicht-aggressive Kooperation, etwa bei Pinguinen, die sich vor Kälte schützend in kreisförmige Gebilde sammeln und dann abwechseln. Genauso oft aber kommt der Altruismus durchaus in einer gruppenegoistischer Variante vor: ob bei gemeinsam jagenden Wolfsrudeln oder gemeinsam fischenden Menschen. Ein „altruistischer Egoismus“ oder eine „kooperative Konkurrenz“ ist die tägliche Handlungs- und Denkweise, sobald es überhaupt zu einer Gruppenbildung kommt. Schon die Bildung einer Gruppe (Ehe, Fußballverein, Straßengang, GmbH, Swinger-Club, Staat…) ist eine auf Eigenwohl zielende Aktion. Eigenwohl der Individuen, die bewußt oder unterbewußt der Meinung sind, „gemeinsam sind wir stärker“. Da das „gemeinsames Wohl“ auf das Wohl der Individuen strahlt – ist es die Summe aller beteiligten „Eigennutzen“. Wie bei dem Pinguinen-Beispiel ist es oft ein „friedlicher“ Gruppen-Egoismus, ohne (eines sichtbaren, bewußten) Schadens für andere, vergleichbar mit meinem Egoismus, wenn ich den Wunsch verspüre „Jetzt will ich ein Zimtbrötchen von der Bäckerei!“, und ohne Rücksicht auf Wünsche und das Wohl anderer einfach hingehe, die Kunden hinter mir nicht extra frage „Will sonst noch jemand das Zimtbrötchen, es scheint das letzte zu sein?…“, es kaufe, es aufesse. Und noch dazu genieße. Viele, schwer zu sagen ob „die meisten“ oder „einige wenige“ Handlungsweisen einer Familie, eines Stammes, einer Vereines, einer Demonstration, eines Volkes, eines Staates sind aber eindeutiger Gruppen-Egoismus. Ob bei Parkplatzsuche („damit die Kinder endlich aus dem Auto kommen“), ob bei der Jagd („wir müssen das Mammut früher als der andere Stamm erlegen!“), ob beim Verein („Hoffentlich gewinnen wir das nächste Turnier!“), ob bei der Demo („Unsere Forderungen sollen sich durchsetzen!“). Und erst recht bei Gewerkschaften, den (Aktien-)Unternehmen, dem Staat, dem Volk. Und vor allem – als Spezies „Homo sapiens“ gegenüber aller anderen Spezien und dem Planeten Erde selbst. Ob wir als „Erdlinge“ dem Weltall gruppenegoistisch gegenübertreten ist auch nicht von der Hand zu weisen…

Der einzige Altruismus, der seinen Namen verdienen würde, wäre ein auf das ganze Weltall gerichteter Altruismus, also ein Pan-Altruismus. (Angenommen, es gibt nur dieses Weltall…) Man könnte einwenden, das wäre in der Praxis etwas schwierig, da kaum ein Mensch durch seine Beschränktheit es vermag, das Wohl des ganzen Universums komplett und richtig zu deuten. Andererseits könnte man dem entgegnen, daß es ausreiche, einen solchen Fokus und eine solche Denk-Einstellung mal – trotz aller individuellen Schwächen und der menschlichen Subjektivität – auszuprobieren. Das Ergebnis des pan-altruistischen Denkprozesses zu einem „Gemeinwohl des Universums“ könnte aber – wenn der Mensch halbwegs seinen Erkenntnissen und der Logik folgt – ein Entschluss zum Selbstmord sein.

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Neulich musste ich wieder durch die halbe deutsche Republik über 600 Autobahn-Kilometer abspulen. Das geht bei mir leichter mit einem Milchkaffee in der Variante coffee-to-drive. Das einzige Problem dabei – ich habe ein schon etwas älteres Automobil, bei dem allerdings das größte Manko das Fehlen eines Getränkehalters ist. Wenn ich also mit dem heißen Kaffeebecher von der Tanke zum Auto komme, ist die an sich gewöhnliche Abfolge von Tür-auf – Hinsetzen – Schlüssel-rein – Tür-zu – Gurt-rüber – Schlüssel-drehen doch um einiges komplizierter. Vor allem wenn ich gerade der Fahrer bin und meine Freundin rechts neben mir fehlt – oder eingeschlafen ist. (Außer ich hab den Becher doch auf dem Dach abgestellt und vergessen…)

So auch diesmal. Irgendwie habe ich es natürlich geschafft, nicht nur nichts auszugießen, nicht nur den Kaffee zu genießen ohne mir die Lippen oder die Innenseiten der Schenkel zu verbrühen, sondern auch sicher und entspannt nach Berlin heimzukommen. Dennoch war ich einige Kilometer lang damit beschäftigt, über Aspekte der Fahrsicherheit nachzudenken. Es waren schon viele Kilometer, zumal ich wie meistens zwischen Ost-Hessen und Süd-West-Brandenburg keinen einzigen Radiosender fand, den man erstens gut hören konnte, und zweitens – hören konnte. Auch die 46 braunen Info-Tafeln, von denen es schätzungsweise drei mal so viele wie Autobahn-Abfahrten zu geben scheint, waren nur eine mäßige Ablenkung (der Rekordhalter pro Kilometer und Sinnfreiheit ist Thüringen – „Residenzstadt Gotha“ und „Glockenstadt Apolda“ lassen grüßen…).

Ich fragte mich selbstkritisch: Sollte man das Trinken von Getränken, erst Recht heißen Getränken, in getränkehalter-freien Fahrzeugen nicht verbieten? Ähnlich wie – sinnvollerweise – das Smartphone-Surfen oder Handy-Telefonieren? Oder das Fahren unter Drogen- und/oder Alkoholeinfluß? Oder das Fahren ohne Gurt?… Stopp! (dachte ich). Das mit der Gurt ist was anderes. Nicht nur weil es eine „Pflicht“ und kein „Verbot“ ist – Pflicht ist es ja auch, ein TÜV-konformes Fahrzeug zu haben oder einen gültigen Führerschein.

Der wichtige Unterschied bei der Gurt-Pflicht bezogen auf die anderen gesetzlichen Verordnungen des Autofahrens ist es – ähnlich übrigens wie bei der Frage nach der Helm-Pflicht für Radfahrer – daß man hier ja nur sich selbst gefährden kann.

Bei allen anderen Punkten – auch bei der Kindersitz- und Gurtpflicht für Kinder – handelt es sich um Vorschriften, durch die nicht nur meine Sicherheit, sondern vor allem die Sicherheit der anderen (ob im meinem Auto oder auf der Straße) wenn nicht gewährleistet, so erhöht werden soll. Wenn ich mit 1,5 Promille Alkohol, ohne Brille und in einem seit 5 Jahren TÜV-losen Fahrzeug mit 220 über die Landstraße brettern und dabei eine SMS schreiben sollte, mit einer Bande am Hintersitz rumhüpfender Kiddies – dann würde ich durch mein Verhalten mehrere Menschenleben gefährden – dies sollte unterlassen werden, wenn möglich, auch gesetzlich. Vom heißen Kaffeebecher zu schweigen.

Wenn ich aber nüchtern, mit einem perfektem Fahrzeug ohne jegliche Ablenkung und guten Augen mehr als gemächlich fahren, und den Gurt aber nicht angeschnallt haben (den Helm nicht angezogen hatte), und dann durch einen Unfall mich verletzen oder sterben – dann bin ja nur ich selbst der Geschädigte. (Sollte der Unfall meine Schuld sein, und andere ebenso Geschädigt – so läge es auch nicht am Gurt oder Helm). Genauso übrigens wenn ich beim schlechtem Wetter und/oder mangelnder Fitness eine Bergtour mache oder mich jeden Tag mit schlechten Schnaps volllaufen lassen würde. Oder mich entscheide, nüchtern oder nicht, Selbstmord zu begehen.

Solche aus dem sorgenvollen Sicherheitsdenken geborenen Versuche staatlicher und gesellschaftlicher Regulierung der selbst-bezogenen Aktivitäten eines Individuums lehne ich ab. Denn sie bedeuten nur eines: Wir-Staat wissen besser als Du-Bürger, wie (und vor allem: ob) du dich vor dir selbst schützen solltest.

So schlimm ist es aber nicht: denn spannend ist vor allem, warum es gerade das Gurt-Anschnallen (und vielleicht mal die Helm-Pflicht) geschafft hat, zur Pflicht zu werden, während glücklicherweise kaum etwas vor Initiativen zur Nüchternheit-Pflicht, Gesundes-Essen-Pflicht oder Ein-Buch-pro-Woche-Pflicht zu hören ist, erst recht nicht von einer Lebenswillen-Pflicht.

Zumal ich persönlich keine Lust auf Selbstmord verspüre – im Gegenteil – und jedes Mal den Gurt anschnalle, ebenso wie den Fahrradhelm aufsetze. Ich tue es aber aus eigener Überzeugung.

Auf den heißen Kaffee sollte ich vielleicht dann – ebenfalls aus Überzeugung – verzichten. Das Leben ist zu schön, um an der braunen Tafel „Bachstadt Arnstadt“ mitten in Thüringen zu enden.


Ja, ich gebe es zu. Es gibt Tage, eigentlich Abende, da sehe ich mir im Fernsehen die Nachrichten an. Meist als Vorspiel vor dem Sonntagskrimi oder als Pausenfüller eines Fußballspiels. Ich gehöre dennoch nicht zu denen, die spätestens nach der zweiten Nachricht (denn es gibt kaum mehr als vier pro Sendung…) lautstark mit dem Fernseher streiten und die armen Nachrichten-Vorleser beschimpfen. Ich wundere mich zwar manchmal ob der Reihenfolge der Nachrichten (IG-Metall vor Ukraine), noch mehr über die Existenz der Sportnachrichten (Formel 1, Schwimmer, Biathlonisten – als würde nicht jeder Fan längst alle Ergebnisse kennen) oder der Wetterprognosen. Unruhig werde ich erst beim statischen Einblenden der Lottozahlen – erst recht, als mir der „Alle Angaben sind wie immer ohne Gewähr“-Satz hinterher geworfen wird (gilt diese Bemerkung für die ganze Nachrichtensendung?)

Doch richtig sauer werde ich erst, wenn mir „dynamische“ Grafiken oder ein unten laufender „Ticker“ mit Aktienindizes in die Quere kommt. Wütend – wenn noch wertvolle Zeit vergeht, in der ein zugeschalteter „Aktienexperte“ mir versucht den DAX-Verlauf des Tages zu erklären.

Wen interessiert bitte all dieser Quatsch???

Erstens sind in Deutschland kaum mehr als 4 Millionen Menschen direkte Aktieninhaber (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75227/umfrage/zahl-der-direkten-aktionaere-in-deutschland/). Statistisch betrachtet (laut Angaben meines Kiosk-Verkäufers) sind viel mehr Deutsche Fußballfans (81 Mio.), Lottospieler (21 Mio.) – und an dem Wetter interessiert (alle). Und selbst wenn ich ein Aktienbesitzer wäre – würde ich mich entweder entspannt zurücklehnen, weil ich langfristig investiert hatte, und nur jedes Jahr mir die Werte ansehe, oder aber nervös übers Smartphone jede halbe Stunde mir die Börsenwerte auf die Handfläche liefern lassen. Keinesfalls aber würde ich deswegen die Nachrichten auf ARD, RTL oder ntv verfolgen! Zumal die DAX-Aktienkurse meist so schnell laufen, daß ich die Sendung erst aufzeichnen müßte, um die Werte dann in Ruhe abzulesen. Außerdem bringt einem Aktien-Investor die reine Info über den Stand des gesamten DAX wenig – außer man hat übergreifend in alle Aktien investiert. Erst recht wenig Interesse dürfte unter dem durchschnittlichen Nachrichten-Zuschauer der Wert des NIKKEI wecken.

Gut, man könnte argumentieren, daß es ebenso wenig Zuschauer gibt, die sich für die Wahlen in Nigeria oder den Besuch des saudischen Königs in Berlin interessieren. Allerdings werden diese Ereignisse nicht jeden Tag ausgestrahlt und kommentiert.

Vielleicht sollte man statt der Börsen-Werte Informationen einblenden, die die meisten Zuschauer mehr angehen: seien es die Butterpreise bei den wichtigsten Discountern, die Strompreise der zwanzig wichtigsten Energieanbietern, oder die Benzinpreise an ausgewählten Tankstellen. Oder doch lieber die aktuelle Zahl der überschuldeten Haushalte und der Hartz-4-Aufstocker? Denkbar wäre auch die Einblendung der Zahl der Flüchtlinge, die es an diesem Tag über das Mittelmeer geschafft haben (oder eben nicht) – und deren Korrelation mit den Aktenwerten der europäischen Agrar- und Waffenexporteure.


Die christliche Idee der Erbsünde ist religionswissenschaftlich etwas einzigartiges und zugleich oft heftig kritisiert. Spannend ist schon der Blick darauf, wie die drei wichtigsten Strömungen des Christentums dieses Konzept und deren Folgen interpretieren.

Das orthodoxe Christentum sieht die ganze Menschenschöpfung oder gar die ganze Welt von der Erbsünde belastet, wobei der Grund nicht die Sünde Adams war, sondern die damit initierte Sterblichkeit des Menschen. Der Tod, oder noch mehr – die Angst davor – ist dann der Grund für das Sündhafte, das Unvollkommene dieser Welt.

Die katholische Lehre wiederum legt den Schwerpunkt auf die direkte Verbindung der Sünde Adams und jedem Menschen. Jedes Individuum wird also mit dieser Schuld und Last geboren. Die Schwere dieser Sünde wird sehr hoch eingeschätzt. Gleichzeitig kann man sehr schnell und einfach von der Erbsünde befreit werden – durch die Taufe.

Die evangelischen Kirchen sehen es die persönliche Teilnahme an der Erbsünde ähnlich, allerdings wird die Schwere der Sünde nicht so hoch wie bei Katholiken betrachtet. Anderseits kann der Mensch – solange er auf Erden lebt – nie von dieser Sünde vollkommen befreit werden, nicht einmal durch Taufe.

Zusammengefasst kann man etwas klischeehaft sagen: Die Orthodoxen relativieren das Individuelle des Menschen auch in seiner Sünde, die eher auf der ganzen Schöpfung liegt. Für die Katholiken ist die Erbsünde direkt auf uns und tonnenschwer – aber ein Vereinsbeitritt befreit uns davon mit sofortiger Wirkung. Die Protestanten sind pragmatisch, haben aber wenig Sinn für Leichtigkeit und Humor.

In anderen Weltreligionen ist das Prinzip der Erbsünde unbekannt – man findet es weder im direkten Vater des Christentums, also dem Judentum, noch in dessen Sohn – dem Islam.

Es gibt jedoch ein ähnliches Konzept der von früher her auf mich übertragenen Sünde (und Last), und zwar in der Reinkarnation-Lehre des Hinduismus und des Buddhismus.

Auch hier wird ein gerade geborenes (oder gar gezeugtes) Wesen mit der Schuld und Folgen der Vorgänger belastet (oder belohnt). Es ist zwar kein Riesensprung der Sünde wie von Adam her, sondern ein kontinuierlicher, von Reinkarnation zur Reinkarnation fortgetragene Bonus oder Malus. Dennoch kann jeder Hindu oder Buddhist ähnlich wie ein Christ kritisch fragen: Warum, mit welcher Berechtigung und Sinn, trage ich das ethische Erbe (Karma) meiner Vorgänger in meinem Leben? Ist es fair, daß ich nun einen moralischen Schuldenberg abbauen muß, also nicht frei davon von (meiner eigenen) Null an anfangen kann? Ist es fair, daß ich nun ein sorgenfreies, erfülltes Karma mit guten Charaktereigenschaften habe, vor allem weil ich es als „nettes Erbe“ von meinen Vorgängern geschenkt bekommen habe?

Viele spannende Fragen nebenbei: Warum sollte eine Reinkarnation als Mücke oder Schlange schlechter als die als der neuen IWF-Chefin oder des saudischen Königs sein? Zudem: Wie kann eine Mücke oder eine Schlange effektiv Gutes tun – um das Karma für die Folge-Reinkarnation zum besseren zu beeinflussen? Reicht es, Böses zu unterlassen? (Was bei einer Mücke fast automatisch passiert). Ein Kaiser oder ein Halbgott kann hingegen schwer irgendetwas unternehmen, um nicht – absolut zu den Taten eines Durchschnittsuntertanen – großen Schaden anzurichten. Gilt also das absolute oder das relative Prinzip für die Folgen? Ist eine 100.000-Dollar-Spende von Bill Gates weniger oder mehr wert als 10 €, die ein Obdachloser spendet? Wiegt ein Raubmord eines kleinen Ganoven mit zwei Toten schwerer als hundert bewilligte Exekutionen eines Präsidenten, oder nicht?…

Interessant für mich ist vor allem aber der Unterschied zwischen Hinduismus und dem daraus entstandenen Buddhismus: Während man im ersteren davon ausgeht, daß es sich bei jeder Wiedergeburt um dasselbe Wesen handelt – egal ob männlichen Hühnerküken in Niedersachsen oder ein Mitglied der Mintal-Dynastie – sieht es im Buddhismus noch unfairer aus als im Hinduismus: Im ersteren erlebt dieselbe Person immer die Folgen seiner Vor-Taten, auch wenn sie sich nicht erinnern, sondern nur daran glauben kann. Im Buddhismus hingegen wird man durch die Reinkarnation zu einem neuen, unabhängigen Wesen – und muß trotzdem die Last irgendwelcher Vor-Person tragen.

Dann wäre mir die Reinkarnation-Lehre einiger australischer Ureinwohner am sympathischsten, in der es zwar Reinkarnation des Geistes gibt – aber zwischen der Vor- und Nachperson keinerlei Verbindung gibt, erst recht nicht wenn es um Sünde, Schuld oder Belohnung geht.


Als ich vor kurzem Rysiek, meinen polnischen Nachbar, fragte, wie es denn um den Zustand unserer Zufahrtsstraße steht, meinte ich es scherzhaft. Nicht obwohl, sondern weil mein Nachbar gleichzeitig mein Abgeordneter ist. Er hat es nämlich bei den Kommunalwahlen im November auf Anhieb geschafft, in den Gemeinderat unseres Dorfes gewählt zu werden. Seit diesen Wahlen galt ein geändertes Wahlrecht, womit man nur per Direktwahl – ähnlich wie z.B. in Großbritannien ins Parlament – gewählt wird. Mein Nachbar erhielt über 57% der Stimmen unseres Wahlkreises. Man muß jedoch erwähnen, daß dies in der Praxis und im Endergebnis 36 Stimmen entsprach. Denn unsere Kommune Platerowka – ein Zusammenschluß von vier Dörfern – ist bevölkerungsmäßig die kleinste kommunale Einheit in Polen, mit ca. 2300 Einwohnern. Und da jede Kommune in mindestens acht Wahlkreise unterteilt werden muß, und bei einer Wahlbeteiligung von leider nur ca. 20%, haben ihm diese 36 Stimmen zu absoluter Mehrheit und Wahlsieg gereicht.

Dennoch, oder gerade deswegen, war er den Sommer und den Herbst durch um jede einzelne Stimme bemüht – auch um die meine. Und nun kommen wir auf die Zufahrtsstraße: Als ich ihn im September fragte, warum ich ihn wählen sollte, was sein Programm sei, oder zumindest worauf er im Gemeinderat acht geben will, antwortete er mir ehrlich wie unverblümt: „Ich werde mich darum bemühen, daß unsere Zufahrtsstraße endlich asphaltiert wird.“ Dazu muß man sagen, daß die Anordnung unserer Häuser so verläuft, daß zu 90% nur er und ich davon profitieren würden, und vielleicht zwei Bauern, die gelegentlich diesen bisher aus Schotter und Erde bestehenden Weg nutzten. Ich solle ihn also wählen, weil es mir – neben ihm – direkt was nutzen würde. (Abgesehen davon, daß mir der derzeitige Weg lieber ist und ich keinen Asphalt neben meinem Haus brauche.)

Zugegeben, ich was ziemlich überrascht über diese entwaffnende Art von gleichzeitiger Ehrlichkeit und Nepotismus, in Österreich auch „Freundlwirtschaft“ genannt.

Aus meiner Sicht – als potenzieller Wähler – stellte sich die Frage: Sollte ich auf diese Einladung zum Lobbyismus eingehen?

Gleichzeitig wurde mir klar, daß es nicht nur in meinem Fall oft vorkommt, daß der Wähler zwischen einer Eigennutz-Wahl und einer idealistischen Wahlentscheidung steht. Diese Diskrepanz zwischen Lobbyismus und Idealismus findet sich also nicht nur auf „höheren Ebenen“ der Parlamentarier, Partei-Granden, Wirtschaftsbosse, Berater, Medienvertreter oder Gewerkschafter, sondern auch „ganz unten“, bei uns, den „einfachen“ Wählern – auch wenn die meisten Parteien und Kandidaten uns direkt dazu einladen. Es ist die Entscheidung zwischen einer Wahl, die einem selbst am meisten nutzen könnte, und einer Wahl, die dem Allgemeinwohl (ob Staat, Land oder Kommune) das beste bringen würde. Das eine ist für mich Eigen-Lobbyismus, das andere Gemeinschafts-Idealismus.

Ein paar Beispiele. Ein Industrieller, der FDP wählt, weil er sich davon niedrigere Steuersätze erwartet, oder eine arbeitslose Linke-Wählerin, die sich höhere Hartz-4-Hilfen wünscht – sind beide Eigen-Lobbyisten. Würden hingegen beide dieselben Parteien wählen, weil sie in ihrem Inneren überzeugt sind, deren jeweilige Programme wären für das ganze Land und die gesamte Gesellschaft das beste – wäre dies jeweils eine uneigennützige, idealistische Wahlentscheidung. Ich lasse hier absichtlich Fälle von Wahlentscheidungen beiseite, wo der Wähler nicht aus Überlegung, sondern aus Tradition („schon mein Opa hat die SPD gewählt…“), Angst („bei uns weiß sonst jeder, daß ich es wohl war, der nicht die CSU gewählt hat…“), Emotion („Jetzt wähle ich aber aus Trotz die AfD, um es denen da oben zu zeigen!“) oder gar rechnerischem Kalkül („Ich würde sonst die Piraten wählen, wähle aber die Grünen, weil die eher über die 5% reinkommen.“) handelt. Ich gehe davon aus, daß der Wähler bei seiner Entscheidung frei seine Vernunft benutzt. Und hier gibt es nun mal nur die zwei Gegenpole: „Wählen für uns alle“ oder „Wählen für sich (und im Zweifel gegen andere)“. Wobei man bei der idealistischen Wahlentscheidung gleichzeitig „für alle“ und „für sich“ wählt.

Dabei muß man keinesfalls bei „Großparteien“ landen – oft gerade im Gegenteil, wenn man die bestehende Gesellschaftsordnung oder Politik verändern möchte. Denn das, was man sich als „das beste Wahlprogramm“ oder gar „die beste Zukunft“ vorstellt, bleibt eine subjektive Betrachtungsweise des Wählers. Seien es eine konservative, sozialdemokratische, ökologische, linke, rechte, oder gar eine nationalistische oder religiös-fundamentalistische Vision und Ziel der Zukunft – für alle. Darin kann sich der Wähler gerne irren, denn Ideale und Visionen sind naturgemäß nicht frei von Fehlern. Mir ist es lieber, wenn der Ausgangspunkt und Wille fehlerhaft oder gar falsch sind, aber ehrlich, anstatt von vorne rein nur auf Eigeninteresse gegründet. Es ist auch nicht verwerflich, die Fehler der Vergangenheit einzusehen, und nun bei der nächsten oder übernächsten Wahl – wieder aus Überzeugung! – eine ganz andere Politik zu wählen. Außer wenn dieselbe Person früher, als einkommensschwach, in Erwartung höherer Sozialhilfen, eher links wählte, und nun, als vermögende Person, es vor allem auf Steuerschonung absieht (oder umgekehrt). Oder als Studentin eher für „mehr Bafög und freies Hasch“ war, und nun als vierzigjähriger Elternteil für „mehr Sicherheit und mehr Kitas“ eintritt. Dann hätte Marx leider Recht, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt.

Und mein Nachbar Rysiek? Ich habe ihn gewählt – trotz seines Angebotes. Weil ich einfach überzeugt bin, daß er der beste Vertreter für unseren Dorfteil in der Gemeinde ist.


Der Bundesstaat Utah, in dem – wie in der Mehrheit der US-Bundesstaaten – die Todesstrafe weiterhin existiert, hat beschlossen, als Hinrichtungsmethode wieder das Erschießen einzuführen. Für viele – einschließlich der verantwortlichen Politiker – ist diese Entscheidung „ein klein bisschen grausam“ (Gouverneur Gary Herbert ), „inhuman“ bis „barbarisch“. Aus meiner Sicht jedoch ist dies ein richtiger Schritt, hin zu mehr Ehrlichkeit und Offenheit. Das sage ich als absoluter Gegner der Todesstrafe.

Zurück jedoch zu den Todesstrafe-Befürwortern in Utah. Die Entscheidung, Hinrichtungen wieder durch Erschießungskommandos und nicht durch Giftspritzen durchzuführen, hat ihren Grund weder im Lust am Schießen noch in der Sorge um – wie oft in Vergangenheit geschehen – einen langen und qualvollen Todeskampf aufgrund einer möglicherweise falsch verabreichten Giftspritze. Der Grund ist – aus der Sicht der Bundesstaates Utah – schlicht und sachlich: Aufgrund des Lieferstopps der für Giftspritzen notwendigen Chemikalien, vorwiegend aus Europa, sieht sich der Staat gezwungen, auf andere Arten der Hinrichtung umzusteigen. Aus Sicht der Zulieferländer war dieses Embargo jedoch kein sachlicher, sondern ein ideologischer und aus meiner Sicht begrüßenswerter Schritt: Wir liefern US-Staaten keine Komponenten für ihre Giftspritzen.

Nun könnte jemand einwenden: „Dann sollten die ganz auf ihre Hinrichtungen (oder gar auf die Todesstrafe) verzichten!“ Tun sie leider nicht.

Ein anderer Einwand wäre vielleicht: „Warum dann so barbarisch, warum nicht elektrischer Stuhl oder mindestens ein Strick?“ Anders übersetzt: „Mann, Erschießen ist ja sooowas von 19-Jahrhundert!…“ So „inhuman“ (und „unästhetisch“!…)

Genau das aber ist der Grund, warum ich diese Entscheidung begrüße. Denn wenn man schon die Bürger von Utah (und allen anderen Staaten mit Todesstrafe) nicht davon überzeugen kann, die Todesstrafe abzuschaffen – dann ist es gut, daß diese offen so barbarisch, so inhuman, so direkt geschieht. Vor ihren Augen. Denn jene, die diese Methode als „brutal“ oder „unmenschlich“ im Vergleich zur Giftspritze bezeichnen – sind entweder Heuchler oder Idioten. Die meisten meinen damit ohnehin nicht das Empfinden des Verurteilten vor und während der Exekution – sondern das Empfinden der direkten und indirekten Vollstrecker sowie der Zuschauer. Und auch als Verurteilter, so glaube ich, wäre es mir lieber „das Ganze“ kurz und bündig durch 5 Schüsse auf die Brust hinter sich zu bringen, als durch eine Spritze, von der ich nicht weiß, wie schnell und wie qualvoll sie mich und meine Organe vergiften wird.

Meine Hoffnung ist, daß je offener, je direkter, je „blutrünstiger“ (was – wie beim Erschießen – nicht unbedingt qualvoller ist) die Todesstrafe vollzogen wird – desto mehr Bürger werden entsetzt, werden mehr als nur „etwas unwohl fühlen“, werden vielleicht nachdenken oder sofort zu dem Schluß kommen, gegen die Todesstrafe in ihrem Staat einzutreten. Eine „humane“ Art der Vollstreckung der Todesstrafe gibt es nicht. Man kann sich – ob als Henker, als Richter, als Geschworene, als Gouverneur oder Abgeordneter, als Wähler und Bürger – nicht vor der Verantwortung der Todesstrafe drücken – solange sie existiert und exekutiert wird. Beim offensichtlichen Erschießen erst recht nicht – während für einige die Verabreichung einer Giftspritze vielleicht „sanfter“ oder „medizinischer“ erscheint. Seien wir ehrlich, und die Entscheidung in Utah ist – eher ungewollt – ein Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit: Die Durchführung der Todesstrafe ist eine Exekution. Keine „Prozedur“ oder „Verabreichung“, sondern eine absichtliche Tötung, ergo – ein Mord. Wer dies dann immer noch – begründet oder nicht – befürwortet, der soll seine Augen nicht vor fliegenden Kugeln, gefesselten durchlöcherten Körper eines Menschen und spritzenden Blut abwenden. Mehr noch: anders als in Utah geplant, sollte dem Verurteiltem nicht der Haupt mit einem Stoffsack verdeckt werden – denn dies macht es nur den Henkern leichter. Der Verurteilte kann ja jederzeit seine Augen schließen. Falls er es nicht tun will, sollen seine direkten und indirekten Henker ihm direkt in die Augen schauen, ehe sie abdrücken.


Die Zerstörung antiker orientalischer Kulturgüter durch ISIS in Nimrud schockt unsere Gesellschaft. Der Schock wird nicht kleiner, wenn wir an die Zerstörung der Buddha-Statuen in Afghanistan denken, an die chinesische „Kulturrevolution“, an die Zerstörung des alten Zentrums von Warschau im 2. Weltkrieg, an Zerstörungen des 30-jährigen Krieges, des Tschingis-Khans und seiner Nachfolger, oder an die Zerstörung des jerusalemer Tempels durch die Römer.

Ich persönlich erinnere mich an die Zerstörung der Vijecnica, der alten Nationalbibliothek von Sarajevo in 1992. Von südlichen Hügeln rund um Sarajevo wie auf dem Präsentierteller sichtbar, reichten einige Granaten, um das Gebäude in Brand zu setzen – und hunderttausende Bücher und teils handschriftliche jahrhundertealte Schriftstücke gingen innerhalb von wenigen Stunden verloren. Wenig konnte gerettet werden, der Rest fiel als Ascheregen über die Stadt und seine Bewohner.

Als ich im Januar 1996 zum ersten Mal in Sarajevo war, wurde gerade die ausgebrannte Vijecnica das Ziel meines ersten Spaziergangs. Das einsturzgefährdete Gebäude war – neben der Brücke von Mostar – das Symbol für kriegerische Barbarei. Erst recht für mich, einer jungen Schriftsteller, einen Büchernarr, einen Bibliophilen. Zu sehen waren nur noch ein paar ausgebrannte Metallschränke für Karteikarten.

Dennoch stellte ich mir schon damals die unangenehme, doch naheliegende Frage: Hätte ich zu entscheiden, den Brand der Vijecnica rückgängig zu machen, oder aber den Tod einiger (einige Hunderter, Tausender?) Menschen in diesem Krieg rückgängig zu machen – wie würde ich entscheiden? Gibt es einen absoluten, über allen Werten liegenden Wert eines Kulturgutes, sei es ein altes Manuskript oder eine tausende Jahre alte Skulptur? Für diejenigen Sarajevaner, die damals versuchten, trotz Brand und Beschuss einen Teil der Bücher zu retten, indem sie ihr eigenes Leben riskierten, war die Antwort schon gegeben. Ich war und bin mir immer noch unsicher.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es einen unantastbaren, absoluten Wert eines Kulturgutes gibt. Vor allem, wenn man versucht, es an anderen Zerstörungen – wie der Umwelt oder des Menschen – zu messen. Gleichzeitig, denke ich: Kann es einen solchen höchsten Wert für ein menschliches Leben geben? Warum das menschliche Leben und dessen „Wert“ über alles zu stellen? Darf es irgendeiner, außer dem betroffenen Menschen selbst, entscheiden? Würde ich mich zwischen die Flammen werfen, um ein paar Bücher zu retten (zumal es sein konnte, daß ich ein paar Exemplare von Radovan Karadzics lausiger Gedichte-Bände erwische!)?

Bei den Skulpturen von Nimrud frage ich mich ebenfalls: Jammern wir da nicht viel lauter, wenn fünf, zehn, oder fünfzehn Skulpturen zerstört werden – als wenn in derselben Zeit fünf, zehn, fünfzehn oder fünfzig Iraker sterben, und zwar egal auf welcher Frontseite, ob Zivilisten ob Militante? Bei Schriftstücken der Vijecnica kann ich noch argumentieren, daß sie Inhalte besaßen, die – da nicht digitalisiert oder fotografiert – nun für immer verloren gegangen sind. Und diese Inhalte hätten vielleicht – ob wissenschaftlich, philosophisch, edukativ, oder nur ästhetisch – anderen Menschen viel Wertvollen gebracht. Aber die Skulpturen? Hatten bestenfalls einen ästhetischen Wert – und waren zuvor dokumentiert gewesen. Ebenso würde ich eine potenzielle Zerstörung der Mona Lisa oder der Sonnenblumen sehen – so what!?, es wurde ja millionenfach kopiert, dokumentiert, fotografiert!… Dafür soll kein Museumswächter sein Leben riskieren (außer er will es – weil er es anders als ich sieht…). Weder ein Kunstwerk noch ein menschliches Leben haben einen absoluten, über alles stehenden Wert. Die Abwägung, was retten, was riskieren, und welchen Verlust wie schrecklich zu empfinden – diese Entscheidung wird immer subjektiv und persönlich bleiben.