Sein oder Haben?

Januar 14, 2014


Ein theoretisches Verhaltensexperiment: Man nehme vier verschiedene Menschen, und biete Ihnen eine gewisse „problematische Aufgabe“ auf, die aber materiell „entlohnt“ wird. Dabei gehen wir davon aus, daß keiner auf diese materielle Belohnung (oder nennen wir es das „Mehr“) eigentlich angewiesen ist.

Beispiel 1: Einem 10-jährigen Jungen wird 2 € mehr Taschengeld pro Woche versprochen. Dafür muß er regelmäßig den Haushaltsmüll entsorgen.

Beispiel 2: Einer Arbeitslosen wird vorgeschlagen, daß die monatlichen Sozialleistungen des Staates um 200 € erhöht werden – wenn sie zusätzlich jede Woche „zum Amt“ geht und dabei drei Formulare mehr ausfüllen muß.

Beispiel 3: Einer „Mittelschichtsfamilie“ mit 5000 € Monatseinkommen wird angeboten, 10% an Steuern zu sparen – dafür müssen beide Partner aber ein ziemlich komplizierte Steuersoftware benutzen, die mehrere Stunden pro Woche an Zeit erfordert.

Beispiel 4: Einem Millionär wird ein 20% Aktienpaket eines Unternehmens geschenkt. Allerdings muß der Neu-Aktionär bei jeder Vorstands- und Aufsichtsratssitzung dabei sein und sich mit anderen Teilnehmern (Geschäftsführung, Eigentümer, Gewerkschaften) auseinandersetzen.

In jedem der Fälle gehen wir davon aus, daß das materielle „Mehr“ nicht notwendig wäre (Schulden, neue Verpflichtungen, etc.) Das Kind braucht keine 2 € mehr, die AL-Empfängerin kommt bisher irgendwie „über die Runden“, die Mittelstandsfamilie und der Millionär haben es ohnehin schon gut. Dabei wäre eine Zusage für jeden mit mehr an Arbeit & Zeiteinsatz verbunden.

Wer würde mitmachen? Wer würde seine Freiheit und Zeit („Freizeit“) opfern, um mehr Geld & Vermögen zu haben? Wie ist der „Motivationsgrenzpunkt“ von der Höhe der materiellen „Entlohnung“ beeinflußt? Würden andere „Schikanen“ das ursprüngliche „Ja, mache ich“ ausbremsen, etwa: „Dabei mußt du aber ein rosa Ballettkleid anhaben“?

Meine Vermutung ist, daß bei materiellen Vergütungen die meisten mitmachen würden. Leider. Das „Sein“ würde dem „Haben“ geopfert werden. Wobei es auch sein kann, daß für die Experiment-Teilnehmer das „Haben“ zum „Sein“ werden könnte – etwa durch einen gefühlten Statusanstieg („Ich habe mehr auf dem Konto als vorher / als der andere“), durch Konsum, oder durch ein Sicherheitsgefühl („Habe nun besser vorgesorgt“).

Andererseits glaube ich, daß nicht-materielle Schikanen wie das rosa Ballettkleid doch die meisten von dem „Deal“ abhalten würden. Zum Glück. Hier scheint das „Sein“ so angegriffen zu sein, daß es dem „Haben“ widersteht.

Bleibt nur die Frage nach dem umgekehrten Experiment: Wer würde des „Seins“ wegen (Freizeit, Entspannung, keine Käuflichkeit) auf ein Teil des (gegenwärtigen) „Habens“ verzichten? Würde ein Kind auf etwas Taschengeld verzichten, wenn es nicht sein Zimmer aufräumen muß? Wie viele Sozialhilfe-Empfänger würden – wenn sie die Wahl hätten – lieber ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten, das aber 10% niedriger als die bisherige Unterstützung wäre? Wie viele Zwei-Einkommen-Mittelschichtsfamilien würden nicht nur auf die bisherige Steuersoftware, sondern auch auf einige Arbeitsstunden oder Konsumgüter verzichten? Warum verschenken Millionäre nicht immer wieder 10 oder 20% ihrer Aktien, zumindest um mehr Ruhe vor dem Aktienmarkt und den Sitzungen zu haben?

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