Meine erste Marktwirtschafts-Enttäuschung

Januar 30, 2014


Ich war zwölf, als ich zum ersten mal 1985 in „den Westen“ durfte. Daß dieser „Westen“ keinesfalls „golden“ ist, wurde mir schnell klar: der „Westen“ war vor allem bunt, bunter als der Alltag im sozialistischen Polen. Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Farbenvielfalt hatte die Marktwirtschaft, wie auch der Wohlstand an sich: Es gab viele bunte Ladenschilder, Werbeplakate, und vor allem: Produkte. Nicht nur in Form von Autos, Kleidern und Einkaufstaschen – sondern vor allem in den Läden. Schöne, bunte, reiche Marktwirtschaft – so wie man sich diese im grauen, verarmten Sozialismus vorgestellt hatte.

Ich war damals – wie heute, und wie auch die Mehrheit der polnischen Bevölkerung – klar für Marktwirtschaft, wie für Demokratie (der Begriff der „marktkonformen Demokratie“ wurde damals noch nicht erfunden – oder zumindest nicht verkündet). Im „Westen“ gab es Läden, die Produkte anboten. Man konnte einfach reingehen, und es war was da. Man konnte es sogar kaufen, vorher sogar selber anfassen (also keine Thekenmauer mit grimmiger Verkäuferin zwischen mir und dem Artikel) – und erhielt nicht den Hinweis, dass ein Artikel zwar ausgestellt ist, aber entweder von jemanden anderen vorbestellt, oder zum Beispiel nur für eine spezielle Bevölkerungsklasse und deren Coupons („Bergbauarbeiter“) erhältlich. Es gab für jeden Artikel nicht nur mehrere Sorten, sondern auch Hersteller. Ja, egal ob bei Joghurt oder Sportschuhen! Und es gab kaum Schlangen vor den Läden. Ich war zwar jung, aber weder so naiv der kommunistischen Propaganda zu glauben, daß sich diese Produktvielfalt im „Westen“ kaum jemand leisten kann – und daher keine Schlangen entstehen, noch zu glauben, daß sich jeder im „Westen“ immer und alles leisten kann. Denn jeder dieser wundervollen Artikel kostete auch Geld – egal ob die Sehnsucht Haribo-Bärchen, Adidas-Schuhe oder ein Commodore-PC war. Alles hatte seinen Preis.

Und genau das – die Preise – war der Punkt, wo mein schönes Bild von der Marktwirtschaft einen ersten ernsten Riss abbekam. Heute sage ich explizit „Marktwirtschaft“ und nicht „Kapitalismus“, auch wenn es damals üblich war, es in „einen Sack zu definieren“. Und meist – wenn ich darüber heute schreibe oder streite – verteidige ich die Idee der Marktwirtschaft gegen den Kapitalismus. Doch diesmal nicht. Und erst Recht nicht damals. Die Idee der Marktwirtschaft nämlich, die ich damals (wie heute) hatte, erwartete von dieser nicht nur „frei“ zu sein, sondern auch – „ehrbar“, wie der „ehrbare Kaufmann“. Jemand produziert und bietet ein Produkt an, und versucht es über den Kosten, mit einem Profit-Aufschlag zu verkaufen – und je nach Preis und Qualität wird er damit erfolgreich oder nicht. Ich ahnte damals zwar nicht, daß dieses Ideal der Marktwirtschaft in der Praxis durch Werbepropaganda, Subventionen, Marktabsprachen oder Oligopole beträchtlich beeinträchtigt ist. Doch der erste Blick auf die Preise machte mir klar, daß diese Marktwirtschaft gar nicht so „ehrbar“ sein kann – außer wenn sie verrückt ist.

Es ging nicht um die Höhe der Preise – ich konnte damals kaum wissen, ob ein Produkt überteuert ist oder nicht, in der Planwirtschaft wurden die Preise von Kommissionen festgelegt. Was mich mehr als störte, ja fast schockierte – war die aus meiner Sicht irre Preiskomplikation – oder: die Liebe zu Nachkommastellen und den vielen Neunen. Kaum ein Artikel hatte einen normalen Preis – seien es 10 DM oder 20 Gulden oder 130 Schilling. Nein, meist waren die Preise 9,95 oder 19,99 oder 129,90 etc. Ich konnte mir diesen Unsinn nicht erklären. Wozu so viel Mühe, wozu so kompliziert, haben die zu viel „9“-er Aufkleber, kalkulieren die so genau, oder versucht man, der Kassiererin mehr Arbeit zu machen? Denn in Polen wären solche Preisgestaltungen damals kaum möglich gewesen – und das lag nicht nur an dem wirtschaftlichen System, sondern einfach an der Tatsache, daß kaum ein Laden – bis auf wenige „moderne“ Supermärkte – eine rechnende Kasse hatte. Bei uns hat normalerweise die Verkäuferin einfach die Preise der gekauften Produkte mit einem ollen Kugelschreiber auf dem oben liegenden Blatt des Packpapiers notiert und wie in der Schule brav addiert oder multipliziert. (Taschenrechner westlicher Produktion gab es vereinzelt, doch nur als privates Luxusprodukt für zuhause). Müsste sie sich an die zerquetschten Preise halten, wäre jede Schlange ums mehrfache länger geworden!

Später wurde mir klar, daß diese absurde „westliche“ Preisgestaltung gar nicht so absurd ist – sondern in der Psychologie begründet ist. „9,95“ klingt weniger als „10“ – und verleitet so stärker zur Kaufentscheidung, da lohnt es sich für den Ladenbesitzer deswegen eine elektronische Kasse und den Zeitaufwand für die Preisaufkleber-Zusammensetzung zu investieren. Für mich war diese Erkenntnis die erste und dazu eine größe Enttäuschung was die Marktwirtschaft angeht. Es wird hier also doch getrickst, gemogelt, ja – gelogen.

Und heute? Heute ist es nicht nur genauso, sondern eigentlich schlimmer, denn die Preisgestaltungsmogelei hat zigtausende erreicht, ob über Telekom-Angebote oder die Ebay-Käufer und -Verkäufer. Gleichzeitig gibt es immer noch Lichtblicke, oder Ausnahmen von der 9-und-Komma-Preistrickserei: Sei es bei Gehaltsverhandlungen, an Flohmärkten, bei Mietpreisen oder aber in der Bäckerei um die Ecke bei mir. Hier kostet eine Schrippe 15 ct, ein Croissant 50 ct, Milchkaffee 1,50 € und Boulette mit Schrippe & Senf 1 €. Vielleicht liegt es daran, daß die türkischen Bäckerinnen, die schon um 5:00 aufmachen, im Laufe des Tages keine Lust auf das Cent-Restgeld-Spiel haben, das länger dauern würde, als das Einpacken der gekauften Ware. Oder weil die meisten Käufer Stammkunden sind – die oft selber den Preis aufrunden, genauso oft wie die Bäckerin diesen manchmal bei komplizierten Beträgen, vor allem Spätnachmittags oder bei Kindern – abrundet. Stimmt so.

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