Wunsch nach Partnerwechsel – oder zumindest nach mehr Seitensprüngen.

Januar 30, 2014


Ein Partnerwechsel oder ein Seitensprung wird oft als Betrug oder gar Verrat gebrandmarkt. Dieser Ansicht kann ich mich anschließen – sofern im Rahmen einer solchen Aktion jemand getäuscht (nicht mit „enttäuscht“ verwechseln) wird oder Lüge im Spiel ist. Wenn es sich um zwischenmenschliche Beziehungen handelt, ist es bei den meisten Seitensprüngen und Partnerwechseln genau das der Fall – jemand wird getäuscht, angelogen, betrogen, verraten.

Es gibt aber auch Fälle von „abgesprochenen“ und dem bisherigen Partner offen angekündigten „Wechseln“ und „Affären“, die dennoch manchmal hoch emotional behandelt und nicht selten ebenfalls mit den Prädikat „Verrat!“ oder „Der Feind in meinem Bett!“ ausgezeichnet werden. Es geht dabei um journalistische oder redaktionelle Jobwechsel oder Gastauftritte. Dabei ist die Emotionalisierung der Reaktionen direkt proportional mit der Frage nach den „ideologischen Lagern“ verbunden. Das heißt, ob nun ein „linker“ Autor zur „rechten Zeitung“ wechselt, oder aber ein „rechter“ Redakteur eine leitende Positionen in einem „linken“ Medium erhält.

(Ich verwende hier absichtlich nicht nur den pauschalen Begriff „linke(r)“, sondern auch „rechte(r)“ – wohl wissend nicht nur um die gewisse Oberflächlichkeit beider Begriffe, sondern auch, daß – meiner Meinung nach zu Unrecht – in Deutschland die Beschreibung „rechte(r)“ sehr pejorativ besetzt ist, so als wäre man automatisch „rechts-radikal“ oder „rechts-extrem“, während man bei dem „links“-Begriff weniger Angst vor der Verwechslung oder Verwandtschaft mit „-radikal“ oder „-extrem“ hätte.)

Nehmen wir Nikolaus Blome. Als bekannt wurde, daß dieser Redakteur von „Bild“ zum „Spiegel“ wechseln soll – Sturm der Empörung, ob Online (Blogs, FB, Twitter) oder unter den „Spiegel“-Redakteuren. Ein „rechter“ „Bild“-Mann (vormals bei „Der Welt“) schleicht sich wie ein Spion samt ganzer Dolchstoß-Pläne in das Traum-Flagschiff der „linken“ Medienlandschaft.

Nicht weniger emotional wurden schon früher die regelmäßigen Kolumnen-„Gastauftritte“ in eben dieser „Bild“ einiger „linker“ Ikonen oder Stars kritisiert: sei es Oskar Lafontaine oder Alice Schwarzer. (Galt es noch als „Seitensprung“ oder schon als „Affäre“?) Wie können die nur mit dem rechtspopulistischen Feind paktieren? Machen die es wegen der Breitenwirkung oder nur wegen des Geldes?

Andererseits war es Anfang Dezember 2013 auffällig ruhig, als der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust zu der konservativen (also „rechten“) „Welt“ wechselte. Und das nicht als freier Mitarbeiter oder Kolumnist, sondern als Herausgeber. Sind denn die „rechten“ Leser und Medienkonservativen so schlecht im Organisieren von öffentlichkeitslautem Widerstand, oder haben sie die kleingedruckte Meldung übersehen?

Noch ruhiger war es, als Michael Naumann „Die Zeit“ linksliberal liegen ließ, um als Chefredakteur das rechts-liberal-konservative „Cicero“ zu führen.

Etwas mehr öffentlicher Wirkung hatte – wie oft – Kai Diekmann. Der „rechte“ „Bild“-Chef durfte nicht nur die 25-Jahre-Jubiläumsausgabe der „taz“ gestalten, sondern trat sogar 2009 in deren Genossenschaft ein – was beide Medien zum eigenen Vorteil in Szene setzten.

Ich finde all diese und ähnliche Seitensprünge und Überläufe wunderbar. Erfrischend. Inspirierend. Denn was bringt mir ein „linkes“ oder „rechtes“ Medium, wenn ich darin keine oder zu wenig andere, kritische, der bisherigen ideologischen Leitlinie (denn die meisten Medien, vor allem Presse, beinhalten viel Ideologie und sind eindeutig parteiisch) ferne Geisteshaltung vorfinde? Dann ist die Lektüre einer Zeitung oder eines Magazins nicht spannender als das Diskursniveau eines lokalen Gewerkschaftsverbandes oder eines Burschenschafter-Ringes. Ich wünsche mir mehr Blome im „Spiegel“, ich wünsche mir mehr Aust in „Der Welt“, von mir aus Arnulf Baring & Peter Sloderdijk im „Neuen Deutschland“ und Sahra Wagenknecht & Jutta Ditfurth in den Springer-Medien!

Einzige Bedingung: dass solche Affären und Seitensprünge nicht die Qualität und ideologische Aufrichtigkeit der Texte beeinträchtigen. Egal ob sich ein Autor als „links“ oder „rechts“ versteht, möge er/sie durch den Wechsel nicht „abflachen“ oder gar in undefinierbaren, gesichtslosen, merkelinischen „Mittepositionen“ versinken. Denn damit zieht er nicht nur das Medium, sondern auch den Leser mit in die Oberflächlichkeit.

Bleibt nur noch einer zu erwähnen (Nein, nicht Jakob Augstein). Frank Schirrmacher. Der bleibt ja bei seinem Medium, der „FAZ“. Und dennoch scheint auch dieser in so mancher Position, ob Energie, Umweltschutz oder Kapitalismus, „gewechselt“ zu haben. So mancher bisheriger „Fan“ ist entsetzt („Was ist mit dem jetzt los?“), so mancher bisheriger „Feind“ nimmt ihm die „Wandlung“ in manchen Themen nicht ab („Tut nur so!“). Ich kann es nicht beurteilen, dazu kenne ich den Herrn nicht persönlich. Zu beurteilen sind ohnehin nur seine Texte – auf Argumentation, Stichhaltigkeit, geistigen Elan. Dass jemand seine Standpunkte ändert, sofern es argumentativ nachvollziehbar ist, ist eher lobenswert, mindestens aber intellektuell spannend, es zeigt eine geistige Entwicklung. Selbst wenn sie falsch sein mag und man irgendwann sich wieder „rückentwickeln“ sollte – es zeugt von Bewegung und nicht vom Beharren auf ein und demselben Standpunkt. Und erst recht wenn es sich – wie bei den Wechsel-Beispielen oben – eher um einen Standort-Wechsel handelt. Eine Zeitung oder ein Magazin sind schließlich keine geschlossenen Sekten oder exclusiven Vereine – sondern eben nur und vor allem Medien.

 

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