Bosnische Anarchie und dänischer Thunfisch

Februar 16, 2014


Vorsicht, dieser Text wird womöglich nicht ganz strukturiert. Denn nach einer medienfreien Urlaubswoche im Riesengebirge machte mir es die Wochenend-Ausgabe der Tageszeitung nicht einfach, zu entscheiden, welches Thema nun ein wichtiges sein könnte.

Erdogan möchte das „türkische“ Internet kontrollieren? – War leider zu erwarten.

Eine amerikanische Diplomatin sagt am russisch-ukrainisch abgezapften Telefon „fuck eu“ oder so? – Geschenkt.

Alice S. hat ein Schwarzgeld-Konto? – Wer noch und Wer nicht?, frage ich mich langsam. ADAC? Helmut Schmidt? Ernie & Bert?

Die Subtropischen Spiele wurden eröffnet, und es fehlte nicht nur ein olympischer Ring, sondern die Kaliningrad-Region wurde digital Polen „geschenkt“? – Danke, kein Interesse (an Sotschi wie an Königsberg).

Was mich tatsächlich bewegte, waren die Berichte über die Massenproteste in Bosnien-Herzegowina. Nicht nur, weil ich diese für berechtigt halte, und es höchste Zeit dafür war – sondern vor allem, weil ich mit diesem Land seit Jahren sehr verbunden bin.

Die Bilder der brennenden Gebäude oder der steinewerfenden Menge beunruhigen mich nicht besonders. Es ist, wie in Kiew oder in Hamburg, nur eine kleine Minderheit, die Gewalt ausübt und sich an Zerstörung ergötzt. Was mich eher beunruhigt, ist die Frage, wie sich die Situation entwickeln wird. Werden die regierenden und mächtigen Mafiosi nachgeben? Wird es eine Lösung geben, wenn auch in kleinen Schritten? Und wenn nicht: zu welchen Maßnahmen werden die Politiker greifen? Das interessiert mich umso mehr, da viele meiner bosnischer Freunde seit Jahren zu offenen Kritikern sämtlicher bisherigen Regierungen zählen.

Wie geht es ihnen? Wie wird es ihnen gehen? Wie wird sich der Staat diese vorknüpfen?

Damit wäre ich doch wieder bei Erdogan. Und auch „fuck“-Ausdrücke sind nicht weit, wenn ich mich an ein paar Fälle erinnere, in denen ich einem off-record-Gespräch bosnischer Politiker zuhören konnte, die glaubten, ich würde ihre Sprache nicht kennen. Zu Alice Schwarzers Konten komme ich noch, denn auch da bin ich nicht ohne Vergangenheit. Doch das wichtigste Geständnis meinerseits hat wiederum mit Russland zu tun. Nein, ich betreibe weder homosexuelle Propaganda, noch leite ich einen Ölkonzern. Ich habe weder Holz gestohlen, noch falsch in einer Kirche gesungen. Es ist viel schlimmer: ICH WAR EIN AUSLÄNDISCHER AGENT.

Denn nach Auffassung der russischen Gesetzgebung ist jede Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich mit „ausländischem“ (sprich: nicht russischem) Geld finanziert, ein „ausländischer Agent“.

Wenn ich nun an meine aktive Zeit in Bosnien-Herzegowina denke, so waren ich und die NGOs mit denen ich arbeitete, zweifellos ausländische Agenten. Wenn sie nicht vom Ausland organisiert wurden, dann waren sie zum Großteil, die meisten ausschließlich, vom Ausland finanziert. Mehr noch, bis auf den lieben Onkel Soros, dessen Stiftung uns mit den ersten 1000 DM unterstützte (100%iges Anfangskapital unserer NGO!), waren es eindeutig ausländische Staaten oder staatsnahe Organisationen, bei denen wir um Geld anfragten: ob USAID, UNESCO, die kanadische Botschaft, Norwegian People’s Aid oder die deutsche Caritas, die einen Teil ihrer EU-Förderung uns zur Verfügung stellte. Und da das bosnische Bankensystem ziemlich bürokratisch und langsam war, war es nicht selten, daß einige Spenden bar in einem Umschlag oder als Scheck übergeben wurden. Der Deal mit Soros war darüber hinaus eine „dunkle Finanzkonstruktion“: da Soros nur einer existierenden NGO Geld geben konnte, hat uns als „Strohmann“ eine befreundete NGO als „Empfänger“ ausgeholfen, um unser erstes Projekt zu verwirklichen. Und erst mit einem ersten „existierenden“ Projekt konnten wir woanders betteln gehen…

Dennoch hatten wir, wenn es um „Förderanträge“ ging, von Anfang an eine „complience policy“: Kein Geld von einer bosnischen, staatlichen oder kantonalen Behörde oder Unternehmen annehmen – selbst wenn sie Geld hätten und einem Projekt wie unserem geben würden. Denn sowohl für die NGO, wie auch für das Projekt – eine landesübergreifende, multiethnische Literaturzeitschrift – war es entscheidend, keine Unterstützung irgendeiner Stelle der drei ethnischen Gruppen angenommen zu haben. Denn nichts wäre so kontraproduktiv wie ein Hinweis „Gefördert durch das Ministerium der…“ Zwischen die Wahl gestellt, war es uns lieber „ausländische“ als „bosniakische“, „serbische“ oder „kroatische“ „Agenten“ zu sein.

Dass ich aber ein „ausländischer Agent“ war – dazu brauchte es kein Gesetz. Sogar die Oma meiner besten Freundin hat es blitzschnell erkannt, daß „Lukasz ein Agent sein müsse“. Was macht überhaupt ein Pole hier in Bosnien, wo es ansonsten nur „westliche“ oder „arabische“ Aktivisten gibt? Dazu noch, kommt er ins Land nicht als Mitarbeiter einer internationalen Organisation wie UNO oder OSZE, sondern „einfach nur so, alleine“, nur mit einem Rucksack und ein paar Büchern!? Fährt mit diesem Rucksack nach Mostar just in der Zeit, wenn es dort „mal wieder heisser wird“, und tut so, als würde er nicht wissen, daß er mehrmals über die Trennungslinie (ehem. Frontgrenze) hin und her schlendert. (Da war ich aber unschuldig. Schuld war jener chaotischer Niederländer, der mir in Sarajevo vor meiner ersten Fahrt nach Mostar die Stadtkarte vom Zentrum kritzelte, und dabei die Demarkationslinie etwas falsch einzeichnete…) Oder macht sich ins „serbische“ Banja Luka auf den Weg, als der NATO-Krieg gegen Jugoslawien losgeht – während alle anderen Ausländer diese Stadt Richtung „sicheres“ Sarajevo verlassen? Zum Glück wußte die Oma weder was von meinen dunklen Geldgeschäften, noch daß ich sowohl illegale Waffen in Visegrad inspizierte oder mich in die Drogenhölle von Herzegowina begab. Zuguter letzt, um wieder zu Omas Argumenten zurückzukehren: War es nicht höchst verdächtig, dass jemand innerhalb weniger Wochen „unsere Sprache“ beherrscht?

Egal, zumindest waren die meisten meiner Freunde mindestens genauso „ausländische Agenten“ mit undurchsichtigen Biographien: slowenische Oma, serbischer Vater, herzegowinische Mutter; eine Italien-Connection; Don Juans, die sich mit einer dicken Brille und einem Notizblock mit Gedichten kaschierten; die Enkelin jener Oma selbst, die jede 1,5 Jahre den Wohnort wechselte (Sarajevo – Drvar – Banja Luka – Sarajevo – Berlin…). Und last but not least mein bester Freund und Kollege – ein Killer. (Ranko „The Killer“ Milanovic. Den Zusatz schenkte er sich 1997, in Ljubljana, als er entnervt nach der x-ten Journalistenfrage „How was it in the war? Did you kill people?“ antwortete: „No, not in the war. Afterwards.“)

Zurück zum Geld. Und vielleicht zu so etwas wie einem roten Faden dieses Textes. Ist es richtig, Geld von einem Staat anzufragen, welchen man kritisiert, oder gar ablehnt? Oder, deutschlandaktuell ausgedrückt: muss man einen Verfassungseid leisten, bevor man um eine Förderung anfragt? Oder waren wir, indem wir das „lokale“ oder „nationale“ Geld nicht beantragten, damals ethisch korrekter, als zum Beispiel die NPD, die Geld von einem Staat verlangt, welchen sie eigentlich abschaffen will? Die zweite Frage, die vielleicht keine zweite ist, ist: Macht man sich nicht von einem Staat abhängig, indem man sich durch ihn finanzieren läßt? Egal ob in Deutschland oder in Bosnien der 90er Jahre, ob in Russland oder in Mubaraks oder Sisis Ägypten.

Oder, um es in den Worten des polnischen Dichters Grzegorz Wroblewski auszudrücken, der folgendes Mitte der 80er Jahre in Kopenhagen schrieb:

Anarchie und Thunfisch

Anarchisten werfen Molotowcocktails, gekauft

vom Geld der Sozialhilfe

kalkulieren, wie viel sie für das effektive Erledigen

eines Polizisten ausgeben müssen

gutes Haushalten ist eine Kunst, es muss ja auch noch

für eine Dose Thunfisch und eine Zitrone reichen

Thunfisch aus der Dose ist das richtige für einen Rebellen: ein billiges Mahl

von welchem man lange zehren kann!

Regelmäßig zahlen die Staatsbeamten den Anarchisten

die Stütze aus und so unterstützen sie die Anarchie

Beamte und Anarchisten sind doch angeblich zwei

sich hartnäckig bekämpfende Welten!

Im Beisein eines Beamten darf man den Anarchisten nicht erwähnen,

sofort bekäme er einen nervösen Schluckauf, und dem Anarchisten

kein Wort vom weißen Hemd

in graue Hosen eingeschoben, er würde dann ein Messer zucken

es ist schwer, ein Beamter zu sein, und ebenso schwer ein Anarchist,

aber sicherlich gehört es sich nicht, ein Anarchist

in einem Wohlfahrtsstaat zu sein

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