Mein (fast) täglicher Radfahr-Faschismus

Februar 16, 2014


Mitte Juni, endlich ist der Sommer da. Oder, besser gesagt: die Wärme, denn inzwischen kann man kaum erkennen, ob es noch einen Frühling oder schon den Sommer gibt. Kein Regen, keine Pfützen, kein frostiger Wind, kein April-Schnee. Hauptsache das fast tägliche „Raus und aufs Rad!“ macht wieder richtig Spaß.

Von wegen. Nicht, weil die Großstadt an sich daran schuld wäre. Denn in Vergleich zu vielen europäischen Städten ist Berlin an sich eine für Radfahrer sehr freundliche Stadt. Nun ja, meine betrübte Laune gründet sich doch in der Eigenschaft der Großstadt… daß außer mir noch so viele andere Menschen hier nicht nur leben, sondern radeln. Radeln wollen.

Auf den ersten hundert bis dreihundert Metern spüre ich in mir doch Freude. Das sexistische Ich erfreut sich am Anblick der sommerlich gekleideten Damen, das sportliche Ich an dem Gefühl der Bewegung durch eigene Muskelkraft, das ökologische Ich an der Tatsache, dass ich nicht wie oft im besagten Schnee-April doch das Diesel-Fahrzeug nahm, um meine Tochter in die nur wenige Kilometer entfernte Kita zu bringen benutzte. Denn spätestens nach einem halben Kilometer des Pedaltretens werden diese Ichs von dem immer wieder wiederkehrenden faschistischen Ich verdrängt.

Statt auf die Bewegung der eigenen Waden oder der nicht eigenen Busen zu achten, saugt sich meine Wahrnehmung und die Gedanken mit der Beobachtung, der Kritik, dem Ärger und schließlich der Verachtung aller anderen radfahrenden Verkehrsteilnehmer voll. OK, nicht allen, vielleicht nicht einmal der Mehrheit, doch es reichen einige Exemplare, um in mir die abscheulichsten Gefühle zu wecken und über sie die niederschmettersten Urteile zu fällen. Leute, die den Radweg mittig nutzen, und dabei telefonieren oder gar surfen (bei Smartphones wird dieser Unterschied ja verwischt). Liebes- oder Freundes-Pärchen, die sich fröhlich unterhaltend im lausigen Tempo nebeneinander fahren – überholen nur über das Ausweichen über den Bürgersteig möglich. Uni-Pendler mit Kopfhörern. Muttis und Vatis, die – ebenfalls auf dem Weg zu einer Kita – ihre Kinderlein mal weit vor oder hinter sich ohne jegliche Kontrolle oder Unterstützung einem unsicheren Schlingelkurs überlassen. Oder Ökotanten, die wohl gerade von einer sinn- und kraftspendenden Yoga-Stunde etwas benommen noch schlimmer zick-zack fahren, ihre Umgebung gar nicht wahrnehmend. Schlimmer als „normal“ Betrunkene auf zwei Rädern. Das alles natürlich auch in der mir entgegenkommenden Variante – also den Radweg in falscher Richtung befahrend. Da fallen Selbstmordkommandos der Fahrrad-Kuriere oder Fahrrad-Gruppenreisen aus Bayern kaum noch ins Gewicht. Schon eher amerikanische Touristen, die sich den „netten Kiez“ beguckend gar nicht auf die Idee kommen, dass es hier sowas wie Radwege gibt. Oder Hundebesitzer, die selbst zwar den Bürgersteig benutzen, dem Hund dennoch erlauben, bis zum Straßenrand seine Schüffeleien zu erlauben – über dem Radweg, dazwischen die meterlange Hundeleine als Falle für Menschen wie ich. Nicht, dass ich kein Mitgefühl für Hunde oder gar Angst um sie hätte. Vor allem für diejenigen, deren Besitzer im Radweg angrenzenden Straßen-Cafe sich sonnen, während der Hund daneben – eben auf dem Radweg – sein eigenes Nickerchen macht. Radfahrer, die ihren Richtungswechsel gar nicht mit Handzeichen andeuten oder Autofahrer fallen gar nicht mehr ins Gewicht, da bin ich ganz pragmatisch: Ich erwarte gar nicht, dass diese mich beim Abbiegen, Türe öffnen, Rechts-Vor-Links etc. beachten. Das ist vielleicht das gesündeste, vor allem im Vergleich zu dem sich aufstauenden Ärger über alle anderen.

Wobei, ich spüre nicht nur Ärger und Verachtung für all jene Idioten, die es nicht so richtig wie ich machen. Manchmal fürchte ich mich nicht nur um die Hunde, sondern sogar für Menschen. Zum Beispiel wird für mich folgende Szene immer wieder zum reinen Horror: Vater/Mutter mit Säugling an der Brust, auf der Straße hetzend, und dabei ohne Rücksicht die in der 2ten Spur parkenden Autos (meist Lieferwagen) überholend. Und nicht nur diese, sondern auch die davor wartenden Autos, mal rechts mal links, ohne zu bedenken, dass diese nur kurz warten, da sie gleich selbst zur Überholung des Lieferwagens ansetzen werden. Ein Überschlag des fahrenden Elternteils, und das Baby dient bei der Landung als Airbag. Und wenn sie den Überholvorgang überlebt haben, kann man getrost davon ausgehen, dass sie bei der nächsten Ampel diese kaum mehr als ein Fahrrad-Kurier beachten werden.

Ungefähr ein Kilometer an Weg und Beobachtungen wie oben – reichen mir. In doppelten Sinne. Wobei mir klar ist, dass es keinesfalls gut ist, dass sich meine Laune durch die Kritik an „allen außer mir“ zu einer Art Besserwisserei, Ärger, Verachtung, ja Faschismus wandelt. Ich mache alles richtig, alle anderen sind doof. Ich bin gut, ich bin der Über-Radfahrmensch, alle anderen sind des Radweges unwürdig. Wegsperren. Verbieten. Von rechts ankommenden LKWs zerquetschen lassen, landet doch alle im Kanal!… Diese negativen Gefühle fokussieren sich vor allem auf „der eigenen Spezie“, also nicht auf Autofahrern oder Fußgängern, sondern eben – an anderen Radfahrern… Nestbeschmutzer. Kein Wunder dass andere Autofahrer die hassen!… Bei dem Verkehrsverhalten!… Und kein Wunder, dass ich – als Radler – dann auch darunter leiden muss!

An einem sommerlichen Tag eines ziemlich heftigen Radfahr-Faschismus meinerseits auf dem Hinweg wurde mir einiges klar. Auf dem Rückweg. Durch den Park zurückfahrend folgte ich einem Afrikaner, und merkte, wie nützlich dieser entspannt fahrender Genosse für mich war. Seine Klingel schien kaputt zu sein, und klingelte fast ununterbrochen. Der Park war mehr als voll, und seine Klingel ebnete und den Weg: vorne er, ich im Windschatten. Endlich, endlich ein Radler, der mir nicht nur sympathisch war, sondern dem ich sogar dankbar war. Dann merkte ich – noch bevor ich zu mäkeln anfing, wie viele Radfahrer es vernachlässigen, nicht nur ihre Klingel regelmäßig zu warten – dass meine Klingel auch kaputt war. Doch anders als die des Mannes vor mir. Meine ist durch den Winter wohl so eingerostet, dass sie keinen Klang mehr hergab. Da erinnerte ich mich an den Vormittag, den hasserfüllten Weg „voller Idioten“ – ich war ja gar nicht in der Lage, diese durch normales Klingeln zu warnen. Wie sollten die Nebeneinander-Pärchen oder die Eltern mit Kindern erfahren, dass ich überholen möchte? Oder der Yuppie im Cafe mit seinem gefährdeten Hund? Hätte ich eine funktionierende Klingel, hätte ich vielleicht sogar die Yoga-Tante „geweckt“… Demütig kehrte ich nach Hause zurück, mit dem Gedanken, sich an die eigene Nase zu fassen, und außer der Klingel auch die Bremsen und Lichter zu überprüfen. Und vor allem sich selbst.

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