Eine handliche Anleitung zum Israel-Boykott

März 6, 2014


Liegt es an dem Wassersprudler-Produzenten Sodastream und Scarlett Johansson, daß in den letzten Wochen und Tagen so laut und oft wie selten zuvor vom Boykott israelischer Waren die Rede ist, gar vom Boykott Israels? Doch wenn ich die Nachrichten der letzten Jahrzehnten vergleiche, ist in den letzten Monaten und Wochen im s.g. „Nahen Osten“ (also im Israel-Palästina-Konflikt) nichts neues oder nennenswertes passiert. Die israelische Regierung – selbst bei der Siedlungspolitik – ist kaum härter als die meisten Regierungen seit 1967, die Palästinenser sind ihrerseits nicht durch Attentate aufgefallen, und der s.g. „Friedensprozess“ geht schleppend bis gar nicht voran – also, leider, „business as usual“.

Unabhängig der Frage, warum die Boykott-Idee gerade so „en vogue“ ist, und erst recht ob es realwirtschaftlich und realpolitisch etwas bringen würde, ist die Frage, warum und in wie weit ein solcher Boykott berechtigt ist – egal ob es sich um den Staat Israel an sich, die dort produzierten Exportwaren, oder aber um die in „palästinensischen Gebieten“ (gemeint sind aber die s.g. „jüdischen“ Siedlungen im „Westjordanland“) produzierten Wassersprudler geht. Das sind Details, ich frage jedoch nach der Berechtigung eines Boykotts an sich.

Zunächst einmal sieht die Sache einfach aus: Wenn ein Mensch der Meinung ist, daß die Politik und Aktionen eines Staates oder auch eines Unternehmens falsch sind (oder: mehrheitlich falsch, denn ein 100%iges „falsch“ oder „böse“ gibt es nicht einmal im Fall Nordkorea) – hat er das Recht diese zu meiden, zu boykottieren, und auch zu solchem Verhalten in seiner Umgebung aufzurufen.

Gleichzeitig lauert immer die Falle der Subjektivität, des Wählerischen, der Diskriminierung, ob beim boykottierenden Einzelnen oder beim Staat: ob bei Deutschen im Falle Israels, bei Russland im Falle Litauens, oder bei Großbritannien und Zimbabwe. Die Falle ist der Verdacht, begründet oder nicht, daß ein – privater oder staatlicher – Boykott als wählerische Strafaktion gegen „gerade dieses Land“ gedacht ist, und nicht als objektives „Weltverbesserungs“-Werkzeug. Das heißt, man konzentriert sich und wählt ein bestimmtes Land – weil man es nicht mag, und nicht, weil gerade dort etwas zu verbessern wäre. Man konzentriert sich eher auf ein Israel und seine besetzten Gebiete, und läßt andere ähnliche Fälle links liegen: etwa Marokko und West-Sahara, China und Tibet, oder das von Indien, Pakistan und China besetzte Kaschmir. Diese wählerische Herangehensweise ist in meinen Augen ein Beweis nicht nur der Subjektivität, sondern gezielte Diskriminierung. Man hat zwar in der Sache an sich vielleicht recht (Kritik israelischer Politik) – doch die Einseitigkeit nimmt dem Boykott oder der Kritik viel an seiner Berechtigung. So wie wenn Polen Russlands Innenpolitik viel mehr als die Georgiens kritisiert, oder die Amerikaner Venezuela mehr als Honduras in Beschuss nehmen. Und umgekehrt: wenn Venezuela die USA mehr als China kritisiert, und die Russen an der EU mehr als am Kasachstan auszusetzen haben.

Sollte man es dann ganz lassen mit Kritik und Boykotten? Ist ein objektives, unparteiisches Handeln überhaupt möglich?

Ich denke, es ist möglich. Jeder Mensch hat das Recht einen Staat oder ein Unternehmen zu kritisieren oder zu boykottieren. Wenn jemand der Ansicht ist, es sei sinnvoll und geboten, den Staat Israel (oder ein israelisches Unternehmen) zu meiden, um den Menschen die dort leben zu helfen, und nicht um seinen Vorurteilen oder gar Haß eine Bühne zu bieten – klar, warum nicht? Dabei ist man aber umso glaubwürdiger, je mehr man sich informiert und objektiv handelt. Wenn man sich im Supermarkt das Kleindgedruckte der Verpackung vorliest, sollte man nicht bei der Information „Made in Israel“ (oder eher: „Made in Palestine, Designed in Israel“) überlegen, sondern auch bei allen anderen „Made in“-Ländern, die man mindestens genauso kritisch betrachtet als dieses Land. Wer Israel boykottieren will, und dabei China, Russland, Sri Lanka oder USA durchgehen läßt, ist für mich nicht nur nicht glaubwürdig, sondern eindeutig diskriminierend – oder zumindest dumm. Die Entscheidung, welche Länder nun „mindestens so boykottwürdig wie Land X“ sind, obliegt jedem von uns selber. Es ist unsere Sache, unsere Verantwortung und Handeln – beim unbewußten Kauf wie beim bewußten Nicht-Kauf. Der Einwand „Aber man kann doch nicht alle Länder der Welt kennen und bewerten!…“ gilt nicht: Man kann es schon, es sind knapp 200. Ja, eine solche Bewertung wäre immer unvollständig und subjektiv – doch lieber eine solche Subjektivität als eine des Nur-Dieses-Eine-Land-Boykotts. Wer will, kann auf im Netz vorhandene Ranglisten ausweichen, und sich so behelfen – auch wenn es keine eindeutige „Diese Länder sind gut und diese böse“-Rangliste gibt. Zu empfehlen wäre entweder der Pressefreiheit-Index (http://www.reporter-ohne-grenzen.de/ranglisten/rangliste-2013/) oder der Democracy-Index (http://www.economist.com/media/pdf/DEMOCRACY_INDEX_2007_v3.pdf). Ausgedruckt oder auf dem Smartphone passen die in jede Hosentasche und können beim täglichen Einkauf bei der Boykottwahl sehr behilflich sein. Denn kein Land – sei es Israel oder Pakistan – sollte einen besonderen Stellenwert haben: ob beim „zur Seite stehen“, oder bei einem Boykott.

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