Bin ich ein gewaltfreier Luddit?

März 13, 2014


Luddismus war eine Bewegung Anfang des 19. Jahrhunderts in England, deren Anliegen und auch in Tat umgesetzte Aktionen die Zerstörung von Maschinen waren. Ich frage mich manchmal, ob ich nicht selber ein Luddit des 21. Jahrhunderts bin. Zumindest ein bisschen, da ich ja eben diese Worte hier doch mithilfe einer Maschine (mein PC) niederschreibe. Also ein partieller Luddit, und dazu – ein gewaltfreier.

Denn ich zerstöre keine Maschinen (zumindest nicht absichtlich…), ich gehe ihnen allerdings oft aus dem Wege, und nicht selten verachte ich sie einfach. Aber ist Verachtung nicht eine Art psychischer Gewalt?

Ein paar Beispiele: Wenn ich schon Auto fahre, dann ist da kein Navigations-Gerät drin. Falls ich in eine mir unbekannte Gegend oder Stadt muss, drucke ich mir vorher ein Teil der Karte aus, für den Rest sorgt der dicke ADAC-Deutschland- und Europa-Straßenatlas aus 2002. Ja, es passiert, daß ich mich manchmal verfahre. Es passiert, daß ich anhalte und echte Menschen nach dem Weg frage. Oder etwas früher losfahre, und dann auf einem Parkplatz oder einer Raststätte anhalte, um in Ruhe den Weg zu studieren – alleine oder mithilfe anderer. Mein Schreckensszenario ist ein Kollege, der einmal selbst auf dem Weg vom Auto zur Hausadresse sein „Navi“ sicherheitshalber einschaltet hat da wir ca. 50 m vor der eigentlichen Haustür geparkt hatten und für den Weg zu Fuß auch Orientierung brauchte).

Die Hauptfunktionen meines Handys sind 1.) Wecker, 2.) Taschenlampe, 3.) Telefonieren. Alle drei werden im Schnitt 1 mal pro Tag genutzt. SMS? Passiert schon mal, auf der monatlichen Rechnung sind es mal 15 gewesen (was war da mit mir los?…). Ja, ich spreche manchmal mit Menschen, auch telefonisch. In Ruhe vom Schreibtisch / Sofa / Küchentisch aus – per Festnetz. Das Handy ist übrigens schon allein deswegen Ludditen-sicher, da es wasser- und staubdicht ist, Temperaturen von -40 bis +60 Grad Celcius aushält, und – sofern auf Gras liegend – es dem Gerät nichts ausmacht, wenn man darauf sein Auto parkt. Display kratzfest, 128 x 160 pixel!!!

Vor ein paar Wochen warnte mich allerdings eine Freundin, über kurz oder lang werde auch ich mir der „Smartphonemania“ nicht entziehen können, es wird mich schon erwischen, vielleicht auch unfreiwillig. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nie über ein Gerät „gewischt“. Sie hatte Recht. Das „wischen“ hat mich erwischt. Zumindest liegt jetzt ein Smartphone von Apple neben mir. Der Grund war rein beruflich, ich bekam es als „Arbeitshandy“ incl. Flat-Vertrag von einer Firma, für die ich gelegentlich arbeite und die gerne hätte, daß ich „eine firmeneigene Telefonnummer“ habe. Nun habe ich es – die Telefonnummer. Nachdem ich innerhalb von kurzer Zeit fast alle nicht zum telefonieren notwendigen Funktionen des Apple-Dings deaktiviert hatte, wird es nun ausschließlich zum telefonieren benutzt. Auch so 3-4 mal pro Woche. Was App-Store ist weiß ich nicht. Nervig ist das neue Ding dennoch: groß, schwer und glatt, anders als mein Privathandy muss ich es nicht einmal pro Woche, sondern täglich aufladen – und daß, obwohl ich damit fast nichts mache!… Und die Empfangsqualität ist – trotz Telekom und Berlin-Innenstadt – miserabel (einige Gesprächspartner klagen über „Funklöcher“). Liegt es vielleicht daran, daß ich dem Smartphone den Zugang zu meinem W-LAN verweht habe? (Ohne dem man es, lustigerweise, gar nicht aktivieren konnte!… Na ja, außer in einem W-LAN-Cafe…). Egal.

Was sonst noch? Kein Twitter, kein Facebook, kein Xing oder Tumblr – „freitag.de“ und noch 5-10 Webadressen sind alles was man so in meiner Browser-Chronik am PC findet. Ich bin wohl nicht nur ein Luddit, sondern auch noch ein Einsiedler. Selbst einige Freunde fragen sich, warum ich denn so „technikskeptisch“ sei, „wo du doch selbst im IT-Business tätig bist…“ Na ja, vielleicht eben deswegen? Vielleicht habe ich nicht nur am Ende des Tages, sondern auch mittendrin eben deswegen mehr Spaß daran, ein vergilbtes Buch in den Händen zu halten als ein Tablet? Und lieber „Die Zeit“ groß vor mir raschelnd in einem Cafe ausbreite, anstatt sich der Riege der Notebook-Bücker anzuschließen? Nur in der U-Bahn komme ich mir asozial vor. Während mindestens 50% des Fahrguts mit verkabelten Ohren (bald Augen – wenn GoogleGlass kommt) vor sich hin kontemplativ wackelt, suche ich mir einen (Sitz-)Platz, und mache eine breite Zeitung auf. Schlimmer noch, ich bin manchmal sogar so frech (pervers?), die anderen Menschen anzuschauen, einfach so!

Zurück nach Hause. Hier geht mein Luddismus weiter, in der Küche. Zuerst gebe ich all meine Niederlagen zu, d.h. Fälle, wo ich mich den Maschinen beuge: Waschmaschine, Kühlschrank, TV-Tuner + Beamer. Beim Kampf Staubsager gegen Besen steht es jahresstatistisch fifty-fifty. Mein Reich, der Reich meines ausgelebten Luddismus – ist die Küche! (Ja, ja, der Herd ist dann schon elektrisch, aber! – ) Der Mixer zum Beispiel hat keine Chance. Keine Gemüsesuppe von mir, wo ich nicht jedes Gemüsestückchen per Hand zerschnipselt hätte. Selbst bei Reibekuchen (für eine 4-köpfige Familie) wird per Hand alles gemacht: alle Kartoffeln nicht nur per Hand schälen, sondern auch reiben. Da vergeht schon allein dabei fast eine Stunde (der Rest geht dafür ziemlich schnell) – und nicht selten muss die Haut meiner Finger auch geopfert werden.

Wenn es um den Abwasch geht, kann man gleich von einer durch meinen Luddismus sich hinziehenden Beziehungskrise reden, dazu einer ökofeindlichen. Denn – im Gegensatz zu meiner Freundin – tue ich mit Vorliebe per Hand abwaschen, während Sie eine mir unerklärlich nahe Beziehung zum Geschirrspüler aufrecht hält. Und so streiten wir jeden zweiten Tag, warum ich so wasser -und energieverschwenderisch nicht von meinen Vorlieben lassen kann – und meine Hände wiederholt in Abwasch-Unschuld wasche.

Ist es in Ordnung, daß ich Elektrogeräte derart umgehe, verachte, sie anfeinde? Ist es nicht höchste Zeit, sich zu einem Psychotherapeuten auf den Weg zu machen? Oder doch zu MediaMarkt?

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