Ethik des nicht erreichten Fleisch-Verzichts

März 28, 2015


Vier Wochen der 40tägigen Fastenzeit habe ich es geschafft fleischlos zu leben. Mit „fleischlos“ meine ich meinen Lebensmittelkonsum – denn weder wurde ich zum Geist noch habe ich sexuelle Enthaltsamkeit geübt. War an sich bisher nicht so schwer: erstens, weil wir in der Familie ohnehin höchstens zwei mal pro Woche „Fleischgerichte“ hatten, zweitens weil alle in der Familie mitmachen, und drittens – weil es gerade die Kinder waren, die auf fleischlose Kost drängten, schon lange vor der christlichen Fastenzeit übrigens. Also warum nicht mal versuchen.

Spannend an diesem Versuch sind vor allem die Diskussionen, die Überlegungen, die ethischen Für- und Wider. Das erste Dilemma kam schon nach zwei Tagen, und endete interessanter weise darin, daß wir beschlossen, Fleisch zu konsumieren. Die Frage war jedoch, was wir mit den „fleischigen“ aber nicht eingefrorenen Vorräten tun sollten, die noch im Kühlschrank waren – nämlich fünf bis sechs Salami-Scheiben, einem Eiersalat mit Fleischstückchen, und einer Pastete. Wir entschlossen uns, es wäre ethisch sinnvoller, alles zu verzehren statt weg zu werfen (verschenken kam irgendwie nicht in Frage…).

Inzwischen, nach wie gesagt vier Wochen, mache ich mir Gedanken über die Zukunft, und der Ausgangspunkt ist nicht nur der traurige, vorwurfsvoller Blick meiner Tochter („damit die armen Tiere nicht getötet werden…“), sondern auch ein Gedanke eines Veganers, der mir zwar herzlich unsympathisch war, dessen Argumentation aber ich nicht widersprechen kann: „Wir als Menschen haben es (inzwischen) nicht nötig, Tiere zu töten, um unsere Existenz zu gewährleisten.“ Damit hat er recht einfach mein Argument weggefegt, jenes lautete damals: „Würde ich einem Hai oder einem Tyrannosaurus begegnen, würde ich es ja auch ethisch unbedenklich finden, daß der Sieger dieser Begegnung den Unterlegenen bei Bedarf auffrisst.“

Gleichzeitig, eingedenk des „nicht nötig“-Arguments, kann ich nicht umhin zuzugeben, daß ich nicht perfekt bin. Daß ich trotz der theoretischen und ethischen Zustimmung – mir sicher bin, in Zukunft Lust am Fleischkonsum haben zu werden. Sei es ein scharfes, türkisches Würstchen, ein Fleischklösschen, sei es Ente, Wildschwein oder Kalb. Erst recht ein paar Krabben im Salat oder Heringe in Essig. Ich bin ja auch immer wieder mehr oder weniger fern anderer, eigens theoretisch aufgestellter Ideale, sei es bei Mülltrennung, sei es bei Ehrlichkeit, sei es beim Konsum, sei es im Familienleben. Ist zwar keine Entschuldigung für meine Fleisch-Schwäche, dennoch ein Stück realistischer Auto-Reflexion. Wobei es hier nicht um die Folgen für die Umwelt (CO2-Ausstoß und Wasserverbrauch der argentinischen Kühe) oder den gesundheitlichen Aspekt, sondern um ein direktes 1:1 Verhältnis zwischen mir und dem Tier, das ich verzehren möchte und an dessen Tod mitmache.

Daher frage ich mich, in wie weit und auf welche Weise ich meinen – wohl kommenden – Fleischkonsum gestalten soll, so daß es zumindest „ethischer als bisher“ wird. Also quasi „wie viel weniger böse kann ich als Teil des ganzen Bösen sein“. Zumal ich immer zu denjenigen Fleischkonsumenten gehörte, der sich ob im Restaurant oder vor der Fleischtheke jedes mal bewußt vor Augen führte: Nun wirst du ein Stück Tierleiche auf dem Teller haben, es zerschneiden, kauen, schmecken, schlucken – und höchstwahrscheinlich genießen. Hoffentlich. Und ich tat es – und dachte auch immer an jenes kirgisisches Schaf im Sommer 1992, welches mit uns im Kofferraum des alten sowjetischen Jeeps zum Picknick fuhr, um dann von unseren kirgisischen und russischen Freunden geschlachtet, zubereitet, gekocht und gebraten zu werden. Und gegessen.

Das erste – was ich ja schon praktizierte – ist einfach weniger Fleisch pro Woche zu konsumieren. Okay, einfach, abgehakt. Also weniger nicht notwendiger, aber leckerer Opfer.

Das zweite – meine Teilnahme am Tod meiner Opfers zu gestalten. Denn es ist ja klar, daß man als Fleischkonsument passiv als Komplitze mitmacht. Aber selbst wenn am Ende eine Tötung stattfindet, ist es nicht unerheblich, wie es dem Tötungsobjekt vorher so erging. Ob es ein paar Wochen oder Monate künstlich gemästet sich in einer Fleischfabrik drängeln musste um dann unter Stress zu verenden – oder ob es sogar länger und auf einer schönen Weide lebte und danach als Bio-Rind vom Bio-Schlachter eigenhändig getötet wurde. Punkt zwei also: Auf die Herkunft des Fleisches achten. Wobei auch hier zu bedenken ist, daß ein spanisches Bio-Rind vielleicht eine qualvolle Reise durch halb Europa erleben musste.

Da wir bei der Herkunft sind: Wäre ethisch gesehen eigentlich Wildfleisch nicht das beste, bzw. das am wenigsten schlimme? In den meisten europäischen Ländern ist die Herkunft des Wildfleisches ausnahmslos aus der freien Jagt, und diese ist nicht nur sehr reglementiert und beschränkt, sondern dient auch – beim Fehlen der natürlichen Feinde wie Wölfe und Luchse – der Umwelt des Waldes. Wild wird ja nicht gezüchtet, es läuft frei herum, bis es gegeben falls vom Jäger getötet wird. Also geht es dem Tier bis zum tödlichen Akt noch viel besser als einem Bio-Rind. Punkt drei also: Wenn schon, dann eher Wildfleisch kaufen oder bestellen.

Dazwischen, also zwischen dem Bio-Rind und dem freiem Wildschwein, sind vom ihrem Schicksal als potenzielles Lebensmittel die Meerestiere.  Einerseits werden sie wie Wild direkt in der Natur gefangen, leben also bis zu diesem Moment frei. Andererseits dauert es je nach Fang- und Verarbeitungsmethode auch nicht sofort, daß sie getötet werden – und sie somit länger leiden. Interessanterweise ist die Qual länger, wenn sie von einem marokkanischen Einzelfischer gefangen werden, als wenn sie ins Netz einen Riesen-Fischfang-Fabrikschiffes geraten  – denn im letzteren Fall wird meist sofort an Bord getötet, verarbeitet, konserviert.

Da wir bei Fischen und Krabben und sonstigem Meereszeug sind: Man könnte auch auf die Idee kommen, diese den Säugetieren als Lebensmittel zu bevorzugen (wenn man schon nicht verzichten kann), da sie vielleicht ein „niedrigeres Bewußtsein“ oder „niedrigere Empfindsamkeit“ hätten. Doch solche Argumente lasse ich weg, ich gebe mir nicht das Recht, den Wert eines Lebewesens höher als das eines anderes zu bewerten – Mensch inklusive. Wenn ich zu meiner Hai-Begegnung zurückkehren kann: Wäre im selben Moment nicht nur ich, sondern auch eine Ziege und ein Thunfisch in die Nähe des Hais geraten, würde mir nie in den Sinn kommen, zu argumentieren: „Lieber Hai, friss doch bitte eher den Fisch, dann das Tier, und erst dann mich Menschen!…“

Ideal wäre es natürlich, Fleisch zu bekommen, bei welchem nicht der Mensch, sondern das Alter, der Zufall oder ein anderes Tier den Tod des Tieres – und somit die Quelle des Fleisches – herbeigeführt hatten. Ich fürchte aber, daß dies aus hygienischen Gründen ohne einem GPS-Chip, welches den Tod melden würde an jedem frei und wild laufendem Tier – kaum zu schaffen wäre, Kadaver halten sich im Wald nicht so lange, die Fliegen und Ameisen sind recht schnell da…

Richtig problematisch wird es, wenn meine Kinder und dann ich auch davon überzeugt werden, daß auch Pflanzen Gefühle und Intelligenz besitzen – dann bleibt wohl nur noch Fallobst und vom Wind heruntergerissene Bohnen.

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