Der Altruismus gilt als das Gegenteil des Egoismus. Während der Egoismus als „Ich-Bezogenheit“ bis „Selbstsucht“ definiert wird, bezeichnet Altruismus uneigennützige, durch Rücksicht auf Andere geleitete Handlungsweisen. In extremeren Deutungen wird mit Altruismus eine Einstellung oder Handlungsweise gemeint, wodurch ein Individuum gar mehr Kosten als Nutzen erfährt (August Comte), beim Egoismus gerade umgekehrt: der Nutzen des Individuums wird nicht nur ohne Rücksicht, sondern gar (bewußt) auf Kosten der Anderen erzielt. Mit Altruismus assoziert man oft „Gemeinwohl“, „soziales Verhalten“ und „Kooperation“, mit „Egoismus“ hingegen „Konkurrenz“, „Ellenbogenmentalität“ oder „Darwinismus“. Dabei war es nicht Charles Darwin, der „(Sozial-)Darwinismus“ definierte (https://de.wikipedia.org/wiki/Darwinismus , https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdarwinismus), aus Darwins Evolutionstheorie kann man eher auslesen, daß „the survival of the fittest“ keinesfalls mit Egoismus gleichzusetzen ist – zumindest, wenn es um die Handlungsweisen eines Individuums geht. Die andere „Strategie“, nämlich die Kooperation, der Altruismus – kommen in der Natur mindestens genauso oft vor, das bestätigen immer wieder auch aktuelle Studien, von Mikroben bis zum (man glaubt es fast nicht) Homo sapiens.

Aber genau hier treffen sich die beiden theoretisch entgegengesetzten Philosophien. Der Altruismus als Handlungsweise ist eine der effizientesten Strategien des „Survival of the fittest“. Als ein gruppenbezogener Egoismus. Es gibt natürlich auch einen „passiven“ Altruismus, eine nicht-aggressive Kooperation, etwa bei Pinguinen, die sich vor Kälte schützend in kreisförmige Gebilde sammeln und dann abwechseln. Genauso oft aber kommt der Altruismus durchaus in einer gruppenegoistischer Variante vor: ob bei gemeinsam jagenden Wolfsrudeln oder gemeinsam fischenden Menschen. Ein „altruistischer Egoismus“ oder eine „kooperative Konkurrenz“ ist die tägliche Handlungs- und Denkweise, sobald es überhaupt zu einer Gruppenbildung kommt. Schon die Bildung einer Gruppe (Ehe, Fußballverein, Straßengang, GmbH, Swinger-Club, Staat…) ist eine auf Eigenwohl zielende Aktion. Eigenwohl der Individuen, die bewußt oder unterbewußt der Meinung sind, „gemeinsam sind wir stärker“. Da das „gemeinsames Wohl“ auf das Wohl der Individuen strahlt – ist es die Summe aller beteiligten „Eigennutzen“. Wie bei dem Pinguinen-Beispiel ist es oft ein „friedlicher“ Gruppen-Egoismus, ohne (eines sichtbaren, bewußten) Schadens für andere, vergleichbar mit meinem Egoismus, wenn ich den Wunsch verspüre „Jetzt will ich ein Zimtbrötchen von der Bäckerei!“, und ohne Rücksicht auf Wünsche und das Wohl anderer einfach hingehe, die Kunden hinter mir nicht extra frage „Will sonst noch jemand das Zimtbrötchen, es scheint das letzte zu sein?…“, es kaufe, es aufesse. Und noch dazu genieße. Viele, schwer zu sagen ob „die meisten“ oder „einige wenige“ Handlungsweisen einer Familie, eines Stammes, einer Vereines, einer Demonstration, eines Volkes, eines Staates sind aber eindeutiger Gruppen-Egoismus. Ob bei Parkplatzsuche („damit die Kinder endlich aus dem Auto kommen“), ob bei der Jagd („wir müssen das Mammut früher als der andere Stamm erlegen!“), ob beim Verein („Hoffentlich gewinnen wir das nächste Turnier!“), ob bei der Demo („Unsere Forderungen sollen sich durchsetzen!“). Und erst recht bei Gewerkschaften, den (Aktien-)Unternehmen, dem Staat, dem Volk. Und vor allem – als Spezies „Homo sapiens“ gegenüber aller anderen Spezien und dem Planeten Erde selbst. Ob wir als „Erdlinge“ dem Weltall gruppenegoistisch gegenübertreten ist auch nicht von der Hand zu weisen…

Der einzige Altruismus, der seinen Namen verdienen würde, wäre ein auf das ganze Weltall gerichteter Altruismus, also ein Pan-Altruismus. (Angenommen, es gibt nur dieses Weltall…) Man könnte einwenden, das wäre in der Praxis etwas schwierig, da kaum ein Mensch durch seine Beschränktheit es vermag, das Wohl des ganzen Universums komplett und richtig zu deuten. Andererseits könnte man dem entgegnen, daß es ausreiche, einen solchen Fokus und eine solche Denk-Einstellung mal – trotz aller individuellen Schwächen und der menschlichen Subjektivität – auszuprobieren. Das Ergebnis des pan-altruistischen Denkprozesses zu einem „Gemeinwohl des Universums“ könnte aber – wenn der Mensch halbwegs seinen Erkenntnissen und der Logik folgt – ein Entschluss zum Selbstmord sein.

Advertisements

Der Bundesstaat Utah, in dem – wie in der Mehrheit der US-Bundesstaaten – die Todesstrafe weiterhin existiert, hat beschlossen, als Hinrichtungsmethode wieder das Erschießen einzuführen. Für viele – einschließlich der verantwortlichen Politiker – ist diese Entscheidung „ein klein bisschen grausam“ (Gouverneur Gary Herbert ), „inhuman“ bis „barbarisch“. Aus meiner Sicht jedoch ist dies ein richtiger Schritt, hin zu mehr Ehrlichkeit und Offenheit. Das sage ich als absoluter Gegner der Todesstrafe.

Zurück jedoch zu den Todesstrafe-Befürwortern in Utah. Die Entscheidung, Hinrichtungen wieder durch Erschießungskommandos und nicht durch Giftspritzen durchzuführen, hat ihren Grund weder im Lust am Schießen noch in der Sorge um – wie oft in Vergangenheit geschehen – einen langen und qualvollen Todeskampf aufgrund einer möglicherweise falsch verabreichten Giftspritze. Der Grund ist – aus der Sicht der Bundesstaates Utah – schlicht und sachlich: Aufgrund des Lieferstopps der für Giftspritzen notwendigen Chemikalien, vorwiegend aus Europa, sieht sich der Staat gezwungen, auf andere Arten der Hinrichtung umzusteigen. Aus Sicht der Zulieferländer war dieses Embargo jedoch kein sachlicher, sondern ein ideologischer und aus meiner Sicht begrüßenswerter Schritt: Wir liefern US-Staaten keine Komponenten für ihre Giftspritzen.

Nun könnte jemand einwenden: „Dann sollten die ganz auf ihre Hinrichtungen (oder gar auf die Todesstrafe) verzichten!“ Tun sie leider nicht.

Ein anderer Einwand wäre vielleicht: „Warum dann so barbarisch, warum nicht elektrischer Stuhl oder mindestens ein Strick?“ Anders übersetzt: „Mann, Erschießen ist ja sooowas von 19-Jahrhundert!…“ So „inhuman“ (und „unästhetisch“!…)

Genau das aber ist der Grund, warum ich diese Entscheidung begrüße. Denn wenn man schon die Bürger von Utah (und allen anderen Staaten mit Todesstrafe) nicht davon überzeugen kann, die Todesstrafe abzuschaffen – dann ist es gut, daß diese offen so barbarisch, so inhuman, so direkt geschieht. Vor ihren Augen. Denn jene, die diese Methode als „brutal“ oder „unmenschlich“ im Vergleich zur Giftspritze bezeichnen – sind entweder Heuchler oder Idioten. Die meisten meinen damit ohnehin nicht das Empfinden des Verurteilten vor und während der Exekution – sondern das Empfinden der direkten und indirekten Vollstrecker sowie der Zuschauer. Und auch als Verurteilter, so glaube ich, wäre es mir lieber „das Ganze“ kurz und bündig durch 5 Schüsse auf die Brust hinter sich zu bringen, als durch eine Spritze, von der ich nicht weiß, wie schnell und wie qualvoll sie mich und meine Organe vergiften wird.

Meine Hoffnung ist, daß je offener, je direkter, je „blutrünstiger“ (was – wie beim Erschießen – nicht unbedingt qualvoller ist) die Todesstrafe vollzogen wird – desto mehr Bürger werden entsetzt, werden mehr als nur „etwas unwohl fühlen“, werden vielleicht nachdenken oder sofort zu dem Schluß kommen, gegen die Todesstrafe in ihrem Staat einzutreten. Eine „humane“ Art der Vollstreckung der Todesstrafe gibt es nicht. Man kann sich – ob als Henker, als Richter, als Geschworene, als Gouverneur oder Abgeordneter, als Wähler und Bürger – nicht vor der Verantwortung der Todesstrafe drücken – solange sie existiert und exekutiert wird. Beim offensichtlichen Erschießen erst recht nicht – während für einige die Verabreichung einer Giftspritze vielleicht „sanfter“ oder „medizinischer“ erscheint. Seien wir ehrlich, und die Entscheidung in Utah ist – eher ungewollt – ein Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit: Die Durchführung der Todesstrafe ist eine Exekution. Keine „Prozedur“ oder „Verabreichung“, sondern eine absichtliche Tötung, ergo – ein Mord. Wer dies dann immer noch – begründet oder nicht – befürwortet, der soll seine Augen nicht vor fliegenden Kugeln, gefesselten durchlöcherten Körper eines Menschen und spritzenden Blut abwenden. Mehr noch: anders als in Utah geplant, sollte dem Verurteiltem nicht der Haupt mit einem Stoffsack verdeckt werden – denn dies macht es nur den Henkern leichter. Der Verurteilte kann ja jederzeit seine Augen schließen. Falls er es nicht tun will, sollen seine direkten und indirekten Henker ihm direkt in die Augen schauen, ehe sie abdrücken.


Die Zerstörung antiker orientalischer Kulturgüter durch ISIS in Nimrud schockt unsere Gesellschaft. Der Schock wird nicht kleiner, wenn wir an die Zerstörung der Buddha-Statuen in Afghanistan denken, an die chinesische „Kulturrevolution“, an die Zerstörung des alten Zentrums von Warschau im 2. Weltkrieg, an Zerstörungen des 30-jährigen Krieges, des Tschingis-Khans und seiner Nachfolger, oder an die Zerstörung des jerusalemer Tempels durch die Römer.

Ich persönlich erinnere mich an die Zerstörung der Vijecnica, der alten Nationalbibliothek von Sarajevo in 1992. Von südlichen Hügeln rund um Sarajevo wie auf dem Präsentierteller sichtbar, reichten einige Granaten, um das Gebäude in Brand zu setzen – und hunderttausende Bücher und teils handschriftliche jahrhundertealte Schriftstücke gingen innerhalb von wenigen Stunden verloren. Wenig konnte gerettet werden, der Rest fiel als Ascheregen über die Stadt und seine Bewohner.

Als ich im Januar 1996 zum ersten Mal in Sarajevo war, wurde gerade die ausgebrannte Vijecnica das Ziel meines ersten Spaziergangs. Das einsturzgefährdete Gebäude war – neben der Brücke von Mostar – das Symbol für kriegerische Barbarei. Erst recht für mich, einer jungen Schriftsteller, einen Büchernarr, einen Bibliophilen. Zu sehen waren nur noch ein paar ausgebrannte Metallschränke für Karteikarten.

Dennoch stellte ich mir schon damals die unangenehme, doch naheliegende Frage: Hätte ich zu entscheiden, den Brand der Vijecnica rückgängig zu machen, oder aber den Tod einiger (einige Hunderter, Tausender?) Menschen in diesem Krieg rückgängig zu machen – wie würde ich entscheiden? Gibt es einen absoluten, über allen Werten liegenden Wert eines Kulturgutes, sei es ein altes Manuskript oder eine tausende Jahre alte Skulptur? Für diejenigen Sarajevaner, die damals versuchten, trotz Brand und Beschuss einen Teil der Bücher zu retten, indem sie ihr eigenes Leben riskierten, war die Antwort schon gegeben. Ich war und bin mir immer noch unsicher.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es einen unantastbaren, absoluten Wert eines Kulturgutes gibt. Vor allem, wenn man versucht, es an anderen Zerstörungen – wie der Umwelt oder des Menschen – zu messen. Gleichzeitig, denke ich: Kann es einen solchen höchsten Wert für ein menschliches Leben geben? Warum das menschliche Leben und dessen „Wert“ über alles zu stellen? Darf es irgendeiner, außer dem betroffenen Menschen selbst, entscheiden? Würde ich mich zwischen die Flammen werfen, um ein paar Bücher zu retten (zumal es sein konnte, daß ich ein paar Exemplare von Radovan Karadzics lausiger Gedichte-Bände erwische!)?

Bei den Skulpturen von Nimrud frage ich mich ebenfalls: Jammern wir da nicht viel lauter, wenn fünf, zehn, oder fünfzehn Skulpturen zerstört werden – als wenn in derselben Zeit fünf, zehn, fünfzehn oder fünfzig Iraker sterben, und zwar egal auf welcher Frontseite, ob Zivilisten ob Militante? Bei Schriftstücken der Vijecnica kann ich noch argumentieren, daß sie Inhalte besaßen, die – da nicht digitalisiert oder fotografiert – nun für immer verloren gegangen sind. Und diese Inhalte hätten vielleicht – ob wissenschaftlich, philosophisch, edukativ, oder nur ästhetisch – anderen Menschen viel Wertvollen gebracht. Aber die Skulpturen? Hatten bestenfalls einen ästhetischen Wert – und waren zuvor dokumentiert gewesen. Ebenso würde ich eine potenzielle Zerstörung der Mona Lisa oder der Sonnenblumen sehen – so what!?, es wurde ja millionenfach kopiert, dokumentiert, fotografiert!… Dafür soll kein Museumswächter sein Leben riskieren (außer er will es – weil er es anders als ich sieht…). Weder ein Kunstwerk noch ein menschliches Leben haben einen absoluten, über alles stehenden Wert. Die Abwägung, was retten, was riskieren, und welchen Verlust wie schrecklich zu empfinden – diese Entscheidung wird immer subjektiv und persönlich bleiben.


Vier Wochen der 40tägigen Fastenzeit habe ich es geschafft fleischlos zu leben. Mit „fleischlos“ meine ich meinen Lebensmittelkonsum – denn weder wurde ich zum Geist noch habe ich sexuelle Enthaltsamkeit geübt. War an sich bisher nicht so schwer: erstens, weil wir in der Familie ohnehin höchstens zwei mal pro Woche „Fleischgerichte“ hatten, zweitens weil alle in der Familie mitmachen, und drittens – weil es gerade die Kinder waren, die auf fleischlose Kost drängten, schon lange vor der christlichen Fastenzeit übrigens. Also warum nicht mal versuchen.

Spannend an diesem Versuch sind vor allem die Diskussionen, die Überlegungen, die ethischen Für- und Wider. Das erste Dilemma kam schon nach zwei Tagen, und endete interessanter weise darin, daß wir beschlossen, Fleisch zu konsumieren. Die Frage war jedoch, was wir mit den „fleischigen“ aber nicht eingefrorenen Vorräten tun sollten, die noch im Kühlschrank waren – nämlich fünf bis sechs Salami-Scheiben, einem Eiersalat mit Fleischstückchen, und einer Pastete. Wir entschlossen uns, es wäre ethisch sinnvoller, alles zu verzehren statt weg zu werfen (verschenken kam irgendwie nicht in Frage…).

Inzwischen, nach wie gesagt vier Wochen, mache ich mir Gedanken über die Zukunft, und der Ausgangspunkt ist nicht nur der traurige, vorwurfsvoller Blick meiner Tochter („damit die armen Tiere nicht getötet werden…“), sondern auch ein Gedanke eines Veganers, der mir zwar herzlich unsympathisch war, dessen Argumentation aber ich nicht widersprechen kann: „Wir als Menschen haben es (inzwischen) nicht nötig, Tiere zu töten, um unsere Existenz zu gewährleisten.“ Damit hat er recht einfach mein Argument weggefegt, jenes lautete damals: „Würde ich einem Hai oder einem Tyrannosaurus begegnen, würde ich es ja auch ethisch unbedenklich finden, daß der Sieger dieser Begegnung den Unterlegenen bei Bedarf auffrisst.“

Gleichzeitig, eingedenk des „nicht nötig“-Arguments, kann ich nicht umhin zuzugeben, daß ich nicht perfekt bin. Daß ich trotz der theoretischen und ethischen Zustimmung – mir sicher bin, in Zukunft Lust am Fleischkonsum haben zu werden. Sei es ein scharfes, türkisches Würstchen, ein Fleischklösschen, sei es Ente, Wildschwein oder Kalb. Erst recht ein paar Krabben im Salat oder Heringe in Essig. Ich bin ja auch immer wieder mehr oder weniger fern anderer, eigens theoretisch aufgestellter Ideale, sei es bei Mülltrennung, sei es bei Ehrlichkeit, sei es beim Konsum, sei es im Familienleben. Ist zwar keine Entschuldigung für meine Fleisch-Schwäche, dennoch ein Stück realistischer Auto-Reflexion. Wobei es hier nicht um die Folgen für die Umwelt (CO2-Ausstoß und Wasserverbrauch der argentinischen Kühe) oder den gesundheitlichen Aspekt, sondern um ein direktes 1:1 Verhältnis zwischen mir und dem Tier, das ich verzehren möchte und an dessen Tod mitmache.

Daher frage ich mich, in wie weit und auf welche Weise ich meinen – wohl kommenden – Fleischkonsum gestalten soll, so daß es zumindest „ethischer als bisher“ wird. Also quasi „wie viel weniger böse kann ich als Teil des ganzen Bösen sein“. Zumal ich immer zu denjenigen Fleischkonsumenten gehörte, der sich ob im Restaurant oder vor der Fleischtheke jedes mal bewußt vor Augen führte: Nun wirst du ein Stück Tierleiche auf dem Teller haben, es zerschneiden, kauen, schmecken, schlucken – und höchstwahrscheinlich genießen. Hoffentlich. Und ich tat es – und dachte auch immer an jenes kirgisisches Schaf im Sommer 1992, welches mit uns im Kofferraum des alten sowjetischen Jeeps zum Picknick fuhr, um dann von unseren kirgisischen und russischen Freunden geschlachtet, zubereitet, gekocht und gebraten zu werden. Und gegessen.

Das erste – was ich ja schon praktizierte – ist einfach weniger Fleisch pro Woche zu konsumieren. Okay, einfach, abgehakt. Also weniger nicht notwendiger, aber leckerer Opfer.

Das zweite – meine Teilnahme am Tod meiner Opfers zu gestalten. Denn es ist ja klar, daß man als Fleischkonsument passiv als Komplitze mitmacht. Aber selbst wenn am Ende eine Tötung stattfindet, ist es nicht unerheblich, wie es dem Tötungsobjekt vorher so erging. Ob es ein paar Wochen oder Monate künstlich gemästet sich in einer Fleischfabrik drängeln musste um dann unter Stress zu verenden – oder ob es sogar länger und auf einer schönen Weide lebte und danach als Bio-Rind vom Bio-Schlachter eigenhändig getötet wurde. Punkt zwei also: Auf die Herkunft des Fleisches achten. Wobei auch hier zu bedenken ist, daß ein spanisches Bio-Rind vielleicht eine qualvolle Reise durch halb Europa erleben musste.

Da wir bei der Herkunft sind: Wäre ethisch gesehen eigentlich Wildfleisch nicht das beste, bzw. das am wenigsten schlimme? In den meisten europäischen Ländern ist die Herkunft des Wildfleisches ausnahmslos aus der freien Jagt, und diese ist nicht nur sehr reglementiert und beschränkt, sondern dient auch – beim Fehlen der natürlichen Feinde wie Wölfe und Luchse – der Umwelt des Waldes. Wild wird ja nicht gezüchtet, es läuft frei herum, bis es gegeben falls vom Jäger getötet wird. Also geht es dem Tier bis zum tödlichen Akt noch viel besser als einem Bio-Rind. Punkt drei also: Wenn schon, dann eher Wildfleisch kaufen oder bestellen.

Dazwischen, also zwischen dem Bio-Rind und dem freiem Wildschwein, sind vom ihrem Schicksal als potenzielles Lebensmittel die Meerestiere.  Einerseits werden sie wie Wild direkt in der Natur gefangen, leben also bis zu diesem Moment frei. Andererseits dauert es je nach Fang- und Verarbeitungsmethode auch nicht sofort, daß sie getötet werden – und sie somit länger leiden. Interessanterweise ist die Qual länger, wenn sie von einem marokkanischen Einzelfischer gefangen werden, als wenn sie ins Netz einen Riesen-Fischfang-Fabrikschiffes geraten  – denn im letzteren Fall wird meist sofort an Bord getötet, verarbeitet, konserviert.

Da wir bei Fischen und Krabben und sonstigem Meereszeug sind: Man könnte auch auf die Idee kommen, diese den Säugetieren als Lebensmittel zu bevorzugen (wenn man schon nicht verzichten kann), da sie vielleicht ein „niedrigeres Bewußtsein“ oder „niedrigere Empfindsamkeit“ hätten. Doch solche Argumente lasse ich weg, ich gebe mir nicht das Recht, den Wert eines Lebewesens höher als das eines anderes zu bewerten – Mensch inklusive. Wenn ich zu meiner Hai-Begegnung zurückkehren kann: Wäre im selben Moment nicht nur ich, sondern auch eine Ziege und ein Thunfisch in die Nähe des Hais geraten, würde mir nie in den Sinn kommen, zu argumentieren: „Lieber Hai, friss doch bitte eher den Fisch, dann das Tier, und erst dann mich Menschen!…“

Ideal wäre es natürlich, Fleisch zu bekommen, bei welchem nicht der Mensch, sondern das Alter, der Zufall oder ein anderes Tier den Tod des Tieres – und somit die Quelle des Fleisches – herbeigeführt hatten. Ich fürchte aber, daß dies aus hygienischen Gründen ohne einem GPS-Chip, welches den Tod melden würde an jedem frei und wild laufendem Tier – kaum zu schaffen wäre, Kadaver halten sich im Wald nicht so lange, die Fliegen und Ameisen sind recht schnell da…

Richtig problematisch wird es, wenn meine Kinder und dann ich auch davon überzeugt werden, daß auch Pflanzen Gefühle und Intelligenz besitzen – dann bleibt wohl nur noch Fallobst und vom Wind heruntergerissene Bohnen.


Erst vor kurzer Zeit hatte ich die Gelegenheit, Ingmar Bergmans Filmdrama „Schande“ von 1968 zu sehen. Ich war tief beeindruckt daüber, wie diese Geschichte die persönliche ethische Verantwortung in einer Krisen- bzw. Kriegssituation darstellt.

Kurz zur Handlung: Das Ehepaar Eva und Jan Rosenberg lebt in einem einfachem, einsamen Landhaus auf einer Insel, in der Nähe eines Festlands mit einem kleinen Städtchen. Eine kleine, einsiedlerische Idylle zweier Künstler. Die jedoch von Außen durch immer deutlichere Anzeichen einer politischen Krise, ja vielleicht eines (Bürger-?)Krieges gestört wird. Sei es durch Zeitungsartikel, empfundene Unruhe und Gerüchte in der Stadt, oder gar durch tief vorbei fliegende Düsenjets. Einer Nacht landen plötzlich nicht näher identifiziertbare Militärs auf der Insel, stürmen das Haus, nehmen die beiden Einwohner kurzfristig gefangen, fragen diese aus. Und zerren die beiden schließlich vor eine Kamera, damit diese eine erzwungene, „spontane“ Erklärung über die Truppen abgeben – indem sie die Aktion als „Befreiung“ bezeichnen sollen. Was die beiden auch tun. Später ziehen die Truppen ab, der Grund ist ein starker Gegenangriff aus dem Festland. Das Ehepaar scheint nun wirklich befreit zu sein – doch zu ihrem Unglück beschließen die Autoritäten der Stadt, die beiden als Kollaborateure zu verhaften. Der Grund ist das… von allen über TV gesehene „Interview“ mit dem Lob über die „Befreier“…

Bereits hier kann man kaum halten, um nicht auszurufen: Ist doch wie Ukraine, ist doch wie Syrien, wie Zentralafrika! (etc. etc.). Denn Bergman hat – was den Film meiner Meinung nach zusätzlich auszeichnet – keine historischen, politischen oder ethnischen Bezüge oder nicht mal Anspielungen dargestellt. Man weiß nicht, welche Seite welche Ideologie oder Land repräsentiert, ob es sich um eine Zukunftsvision, Gegenwart, oder Vergangenheit handeln soll. Es gibt nicht mal die „Guten“ und die „Bösen“.

Doch, es gibt sie. Es sind jedoch nicht die militärisch-politischen Gegner, sondern die Menschen. Der Film fokussiert auf das Gute, wie das Böse, in Personen. Es geht um individuelle, ethische Werte, Sichtweisen, Entscheidungen – und somit das Handeln (oder Unterlassen).

Zurück zur Handlung: Jan und Eva sind im Arrest, man weiß nicht, was ihnen droht: Gefängnis, Todesstrafe, Verbannung, Geldstrafe?… In dieses Klima der Ungewissheit und der Angst – befeuert durch eine polizeilich-politische Obrigkeit der Autoritäten (die jede Erklärung, jede Kommunikation ablehnen) – tritt nun der Oberst Jacobi ein, der inzwischen in dem Städtchen die Rolle eines Verwalters angenommen hat. Jacobi ist ein alter Bekannter der beiden – und erwirkt nach einer Unterredung mit Eva die Freilassung des Ehepaars. Der Preis dafür – was Jan nicht erfährt – ist Jacobis Affäre mit Eva. Später besucht Jacobi die beiden auf der Insel, und übergibt Eva heimlich ein Bündel Geldscheine. Ein Preis für ihre „Dienste“? Das fragt sich auch Jan, als er beides gleichzeitig entdeckt: das im Schlafzimmer versteckte Geld und die Affäre Jacobis mit Eva (die er aus dem Fenster zufällig beobachtet). Kurz darauf wird das Haus erneut von Militärs umzingelt: diesmal sind es die aus der Stadt, die Jacobi der Korruption bezichtigen. Jacobi möchte sich retten, sein Plan ist, den Soldaten sein Geld anzubieten. Doch dieses ist auf einmal nicht da – Jan hat es versteckt, was Eva nun ahnt: Jan weiß von der Affäre, von dem Geld, und will sich an Jacobi rächen. Seine Rachegelüste gehen jedoch sogleich nach hinten los: Jacobi wird verhaftet, mißhandelt, und soll auf der Stelle exekutiert werden – und dies soll nun Jan ausführen, dem die Soldaten eine Pistole reichen. Nur so kann er beweisen, meinen diese, doch kein Kollaborateur zu sein. Er tut es.

Die Soldaten ziehen ab, Eva bleibt trotz Streit dennoch bei Jan – mit der Erkenntnis, ihn nicht mehr zu lieben und lieben zu können. Am Ende des Films fliehen beide in einem Flüchtlingsboot übers Meer, ein nur scheinbar offenes Ende, denn das Wasser ist zuende, und keine Rettung in Sicht.

Die Geschichte erinnert mich sehr an viele Schicksale von Menschen, die ähnlich wie Jan und Eva schwere Schicksalsschläge und Extremsituationen eines Krieges erlebt hatten – etwa im 2. Weltkrieg oder in den jugoslawischen Bürgerkriegen. Dabei kam es immer wieder vor, daß sie vor schwierigen ethischen Entscheidungen standen: Bleiben oder gehen? Sich passiv oder aktiv verhalten? Kollaborieren oder nicht – und mit wem und wann? „Patriot“ oder „Bürger“ zu sein? Bedrohte Nachbarn beschützen und unterstützen? Leben retten, und dabei das eigene Leben riskieren? Wie weit zu gehen um seine in Friedenszeiten deklarierten Werte zu verteidigen, zu leben? Gleichzeitig auch: der Versuchung widerstehen oder doch einen kleineren oder größeren Nutzen aus der Situation zu ziehen? Etwa den Nachbar als „Jude“ oder „Partisan“ oder „Moslem“ bei den Behörden verpfeifen – und danach sein Geschäft, seinen Job oder seine Wohnung zu übernehmen? Oder gar wie Jan – sich einfach für etwas rächen? Eine vor Jahren ausgespannte Freundin oder einen besseren Karrieregang?

Solche Entscheidungen – für etwas außergewöhnlich Gutes wie Böses – sind gerade in solch Extremsituationen häufig. Ich denke, daß trotz der Frage nach der Schuld für die Entstehung und Fortführung der Kriege und Konflikte – wofür meist zurecht eher die politischen, wirtschaftlichen, religiösen und militärischen Eliten verantwortlich sind (aber nicht nur) – die Frage nach dem ethischen Verhalten in Fällen wie Eva und Jan dennoch persönlich, individuell bleibt. Man kann sich als Person, in solchen Situationen, dieser Verantwortung, der Fragen und der Antworten nicht entziehen. Jedes Handeln wie Nicht-Handeln ist eine Antwort, eine Entscheidung. Für die es – was die Sache schwieriger macht – nie die eindeutige Bewertung geben kann. Weder eine 100%ig verurteilende noch eine, die uns sagt: Du hast vollkommen richtig gehandelt. War es wirklich notwendig, daß sich Eva Jacobi ausliefert? Wäre sonst die Folge eine Exekution – oder nur ein kurzes Gefängnis? Oder gar nichts? Hat sie voreilig oder fürsorglich gehandelt? Aus Angst oder Gier? Zumal – warum hat sie die Affäre fortgesetzt? War sie auch dazu gezwungen? Dachte sie, gezwungen zu sein? Hat sie darin eine „fortgesetzte Sicherheit“ gesehen? Oder gar – wollte Sie Jan eine Lektion erteilen „wie man im realen Leben zurecht kommen muß“? Und überhaupt Jan: Kann eine persönliche Verletzung durch den Betrug der Ehefrau sein Handeln irgendwie rechtfertigen? Oder „nur“ verständlich machen? Hätte er die Folgen seiner „kleinen Rache“ (Geld verstecken) wissen können, wissen müssen? Zumal, als die Soldaten das Geld dann doch finden – wieso hat er verneint, das Geld sei seins, und bestätigt, es muss Jacobis Geld sein? Theoretisch hat er eigentlich die Wahrheit gesagt, in der Tat jedoch hat er Jacobi noch weiter ins Verderben gebracht. Oder hat er nicht ahnen können, daß man Jacobi gleich erschießen würde?…

Wie ich anfangs schon erwähnte: die Szenen des Filmes lassen mich schnell an aktuelle Konflikte und Kriege denken. Und an genau solche zwischenmenschliche Situationen voll ethischr Zwiespalte. Jan und Eva und Jacobi könnten derzeit genauso gut in einem Dorf nahe Donetsk oder in Mossul sein. Tausende, wenn nicht Millionen Menschen in Syrien, Zentralafrika oder Ukraine stehen jeden Tag vor harten Entscheidungen. Was tun, was nicht tun? Was sagen, wann lieber schweigen? Wann bleibt man standhaft, wann verbiegt man sich – und was davon ist wann sinnvoll, was zu rechtfertigen? Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Zumal es eine klare, eindeutige Antwort nie geben wird – auch nicht vom eigenen Gewissen.

 

Ich selbst hatte bisher das Glück, nicht in einem Krieg zu leben und nicht in eine solche Situation zu geraten. Ich hatte jedoch eine „light version“ einer solchen Situation, bei der ich mein Verhalten bis heute verurteile. Es war im Frühjahr 1999 in Bosnien-Herzegowina, ich besuchte alleine das Städchen Visegrad im Südosten des Landes. Visegrad war dafür bekannt, eine der „dunkeltsten“ und extremsten „Nester“ serbischer Nationalisten zu sein, ebenso wie für grauenhaften Vertreibungen und Morde an muslimischen Einwohnern 1992 am Anfang des Krieges. Ich war dennoch absichtlich dort, da ich der Meinung war, daß man – als Mitarbeiter einer „westlichen“ NGO – gerade in schwierigen Zeiten (der Kosovo-Krieg und Bombardierungen Rest-Jugoslawiens haben gerade vor wenigen Wochen begonnen) in diese Gebiete fahren sollte um weiterhin Präsenz zu zeigen. Um mit lokalen Kollegen wie sonstigen Menschen einfach zu reden. Entgegen der streng verfassten Fax-Schreiben sämtlicher Botschaften, die „von Reisen in diese Gebiete vorübergehend dringend abraten“. Ich wurde auch trotz der fremdsprachigen Logos auf meinem Auto freundlich aufgenommen, hatte viele gute Gespräche, die vielleicht nicht die weltpolitische Lage entspannt, so doch vielen Menschen gut taten. Und dann kam das eine lange nächtliche Gespräch bei Dragan, den ich vorher nur flüchtig kannte – und der mit Unterkunft für diese Nacht in seiner Wohnung anbot. Es wurde schnell klar, daß dieser 20jähriger junger Mann ein harter serbischer Nationalist ist – oder sich zumindest so darstellte, wie ich gehofft hatte. Wir sprachen viel über Geschichte, Vorurteile, den Krieg, sein persönliches Schicksal. Es war ein ehrliches, tief gehendes Gespräch – er erzählte vom Tod seines Vaters in Sarajevo am Anfang des Krieges (wofür er die Moslems nun hasse), er bestätigte aber auch (wie kaum jemand zuvor in Visegrad), daß es 1992 tatsächlich zahlreiche Kriegsverbrechen hier gab. Im Laufe des Gesprächs machte ich einen Fehler, den ich mir bis heute nicht verzeihen kann. In der Hoffnung, ihn weiter zu positiven Aussagen zu bringen, wie daß andere Ethnien „an sich“ auch gut seien oder daß Krieg und Gewalt abzulehnen sind und friedliches Zusammenleben, „irgendwie“, das beste sei – habe ich einen Handel angefangen. Ich meine einen taktisch-rhetorischen Handel, in dem Sinne: Ich mache dir ein Zugeständnis, komme dir und deiner Sichtweise etwas entgegen – und dafür kommst du meiner entgegen. Dabei habe ich einige seiner Vorurteile über Kroaten und Moslems teils bestätigt – ohne es wirklich zu denken.

Ob es unsere Diskussion oder gar Dragans Sichtweise positiv beeinflusst hat, weiß ich nicht. Ich bezweifle es eher. Es wäre nicht notwendig gewesen, denke ich jetzt, denn schon alleine meine Anwesenheit und das Gespräch waren ihm wichtig. Geschadet hat mein „Verrat“ auch niemandem wirklich. Und dennoch blieb für immer ein mulmiges, bitteres Gefühl. Ich fühlte mich vielleicht nicht wie Judas, aber schon ein bisschen wie Petrus, der seine Freunde verrät. Da half es auch nichts, später meinen nähesten muslimischen oder kroatischen Freunden von meinem „Verrat“ zu beichten. Auch nicht der Gedanke daran, daß Dragan kurz davor eine Handgranate aus einer Blumenvase zog, um mich damit etwas zu beeindrucken oder besser argumentieren zu können („Verstehst du jetzt, warum es hier nie Frieden geben wird?…“) – was zusammen mit dem Ort (Visegrad) und der angespannten Lage draußen (Jugoslawien-Krieg) dennoch nicht als Ausrede gelten kann. Nachträglich blieb das Gefühl der Scham, und nach Bergmans Film würde ich sogar sagen – der Schande. Sowie der wichtigen Erkenntnis, daß ich nie 100% sicher sein könnte, in einer ähnlichen Lage nicht wie Eva oder Jan sich zu verhalten…

Der Mensch ist gut

Januar 8, 2015


Die Welt ist schrecklich. Das Leben ist so schlimm. Was für grauenhafte Sachen die Menschen sich und der Natur antun. Nichts als Kriege, Terror, Seuchen, Ausbeutung, Armut, Umweltverschmutzung, Gier und Haß.

Die fröhliche Weihnachtszeit läutet gleichzeitig das Ende eines Jahres ein. Und am Ende eines Jahres, wie am Ende eines jeden Tages, wird oft eine kritische Bilanz des Vergangenen gezogen – ob im Jahresrückblick oder als Fazit einer zehnminütigen Nachrichtensendung. Der Blick in die Geschichtsbücher einerseits, wie der Blick ins Internet oder die Tageszeitung scheint uns nicht nur in der Kritik des Vergangenen, sondern auch im Pessimismus zu bestärken: Die Welt ist böse. Das Leben ist schlecht. Der Mensch handelt und ist schlecht.

Doch die Lust zur Kritik soll nirgends halt machen – auch nicht vor gerade diesem „Welt-und-Mensch“-Pessimismus. Ist es gerechtfertigt, alles so negativ zu sehen? Sind Kriege, Terror, Seuchen, Ausbeutung, Armut, Umweltverschmutzung, Gier und Haß tatsächlich das Überwiegende und das Bestimmende in unserem Leben, in dieser Welt?

Was „die Welt“ angeht – als Universum – können wir erst mal entspannen. Denn im Vergleich zu dem Universum, zeitlich wie räumlich, hat das Geschehen auf unserem Planeten nicht mehr Bedeutung als die Elektronenbewegungen eines Sandkorns eines Sonnensystems. Außer natürlich, daß irgendwo Planeten existieren, deren Leben und Entwicklung noch schlimmer als unsere wären – doch das wissen wir nicht, und daher sollten wir uns darüber erst mal keine zu großen Sorgen machen.

Bleibt also unser Planet. Geschichtlich betrachtet würde ich die „Sonderstellung der heute so schlimmen Zeiten“ relativieren. Die Statistik kann da sehr hilfreich sein, auch wenn mir bewußt ist, daß diese manipulierbar ist. (Nicht mehr jedoch als andere Fakten, Darstellungen und Aussagen). Noch nie war die Lebenserwartung des Menschen so hoch. Noch nie war der durchschnittliche Lebens- und Gesundheitsstandard des Menschen so gut. Im Vergleich zum Lebensalltag vor 10.000 Jahren leben wir gesünder, sicherer, länger. Andererseits: noch nie hat eine Spezies (Mensch) so viele andere in so kurzer Zeit ausgerottet. Nie so sehr das Klima verändert. Das Verhältnis Gewalt & Krieg pro gelebtes Menschenjahr ist deutlich gefallen. Andererseits, wenn schon ein Krieg stattfindet, hat sich seit dem 20. Jh. das Opferverhältnis Zivilisten zu Soldaten deutlich Richtung Zivilisten verschoben. Die Demokratisierung der Erde wächst, die Demokratiequalität selbst scheint sich zu verschlechtern. Die absolute Armut sinkt – doch die empfundene Armut, also die relative, wächst. Aber lassen wir die Statistiken und Wahrscheinlichkeiten. Diese lasse sich, wie gesagt, lange und verschiedentlich interpretieren.

Denn – die Länge des Lebens oder die materielle oder gesundheitliche Qualität ist eben nur eine Zahl, nur ein Wert. Die entscheidende Frage ist, ob der Mensch in seiner Zeit glücklich war und ist. Gute Gesundheit hilft nicht gegen Vereinsamung, langes Leben nicht gegen Angstgefühle, Frieden nicht immer gegen Langeweile, materieller Wohlstand nicht gegen Frust.

Ich denke, daß bei der Frage „Ist diese Welt und dieses Leben so schrecklich?“ das subjektive Gefühl am Ende des Jahres oder am Ende der Nachrichtensendung einer nüchtern-positiven, ebenfalls subjektiven Betrachtung weichen sollte. Ich behaupte, die Welt ist nicht so schlecht, das Leben nicht so mies, und der Mensch nicht so böse.

Ich behaupte gar, der Mensch sei gut. Der Mensch ist „mehrheitlich“ gut, um zu präzisieren. Denn natürlich machen wir alle Fehler, haben in uns Gefühle wie Gier, Neid, Abneigung, Eifersucht, Aggression, und gar Haß. Doch – wenn wir nicht „die Welt“, sondern uns selber mal betrachten und bewerten sollten, ob nach einem Tag oder nach einem Leben – würden wir immer noch behaupten, „alles sei so schlecht, so grauenhaft“? Wie sieht denn unsere „subjektive Tagesstatistik“ aus, von 0:00 bis 24:00 Uhr? Sechs bis acht Stunden Schlaf sind erst Mal mindestens neutral zu bewerten. Die Tätigkeiten des Tages – ob im privaten, oder beruflich – auch eher neutral. Wenige von uns sind rücksichtslose, gierige Hedgefondsmanager bei Goldman Sachs oder arbeiten als psychopathische Folterspezialisten im nordkoreanischen Innenministerium. Klar, es kommt vor, daß man mal jemanden schief ansieht oder anspricht, daß man jemandem absichtlich „im Regen stehen läßt“, daß man sich vordrängt oder über einen Dritten böse tratscht. Doch im Allgemeinen denke ich, daß eine überwiegende Mehrheit der Menschen ziemlich wenig Böses so an dem Tag liefert. Mehr noch. Das Meiste unserer Tätigkeiten, Worte und Gefühle (und auch der unterlassenen Taten, Worte, Gefühle, Wünsche und Gedanken) ist neutral, also weder böse noch gut. Und wenn „uns selber gegenüber gut“ – kann man dies als „unschädlichen Egoismus“ einstufen, für die Anderen also auch als – neutral. Wenn man nun das Neutrale unseres Tages (oder Lebens) abzieht, behaupte ich, daß das Gute dem Bösen überwiegt. Auch wenn es scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten sind. Ein Lächeln oder freundliches Wort beim Einkaufen: ob von uns an den Verkäufer, oder von der Bäckerin uns gegenüber. Ohne daß wir was davon haben. Der Hinweis an einen Fremden in der S-Bahn, daß sein Rucksack offen ist. Ich denke an meine Nachbarn, an die Familie, an den nähesten Kiez, aber auch an die Menschen, die ich über Jahre in verschiedenen Ländern und aus verschiedenen Kulturen getroffen habe. Mein Urteil mag eine optimistische, verklärte Hybris sein: doch mir scheint, daß die guten Taten und Worte jener Menschen den schlechten klar überwiegen. Keiner ist ein „Engel“, aber noch weniger ein „Dämon“ – die meisten sind neutral, im Überlebenstrieb egoistisch und dennoch auch altruistisch. Und darüber hinaus, und das ist das spannende, sogar über den „gesunden Altruismus“, irgendwie „irrational“ – immer wieder eine Quelle für eine gute Tat und ein gutes Wort. Wobei ich nicht vergesse, daß es – leider – einen Multiplikator-Effekt gibt (ob technologisch oder soziologisch erklärbar): Daß ein Mensch oder wenige Menschen viel Böses anrichten können. Sei es ein Terrorakt oder eine wirtschaftliche Entscheidung, sei es das Schüren von Gier oder von Haß. Doch mag es noch so viele Kriege und Ausbeutung geben – die Summe der menschlichen Lebensaugenblicke bewerte ich dennoch eher positiv als negativ. Ob im „langweiligen westlichen Alltag“ oder in einem Kriegsalltag. Denn gerade in Extremsituationen zeigt sich auch eine extreme Hilfsbereitschaft, Tapferkeit und Solidarität unserer Nächsten und auch in uns selbst.

Hinzu kommt, daß – genauso wie die Bilder von Katastrophen oder Kriegen uns erschüttern und bedrücken – genauso sind es die „kleinen guten Sachen“ des Alltags, gerade die „irrationalen“ weil grundlosen, die uns erhellen und erwärmen, uns glücklicher machen. Ein gutes Wort kann manchmal einen ganzen Tag fröhlich machen, ein geschenktes Brot oder Stück Wurst mehr als nur biologisch satt machen. Ein guter Witz oder ein Kinderspruch kann gar viele Tage immer wieder die Laune heben. Ein ehrliches „Danke“ eine starke Motivation sein. Wieviel Glück bringen jeden Tag Millionen Geburten, Milliarden gute Worte, wie viel Glück Millionen (wenn nicht Milliarden) Küße oder Handschläge, und Abermilliarden guter und freundlicher Blicke.

Das alles bedeutet nicht, daß die Welt an sich 100% gut und toll ist. Man soll nicht vor dem real existierenden Bösen und Schlechten die Augen verschließen. Aber auch nicht der – ob nachrichtenbefeuert oder nicht – gemütlichen Passivität des Couch-Defätismus verfallen.


In Deutschland, ähnlich wie in den meisten westeuropäischen Ländern, scheint das Gute über das Böse gesiegt zu haben: Man glaubt – wenn man schon an ein Jenseits glaubt – eher an „den Himmel“ als an „die Hölle“. (Quelle:  http://de.statista.com/statistik/daten/studie/34/umfrage/meinung—christliche-glaubensinhalte/)

Der Glaube an Gott und das Jenseits hat kontinuierlich seit den letzten 250 Jahren abgenommen. Interessanterweise hat aber der Glaube an „den Teufel“ und „die Hölle“ viel stärker an Bedeutung verloren. Sind wir so gerne Optimisten? Oder ist vielleicht der Gedanke an die Existenz des Bösen – auch als ein Jenseits – irgendwie unangenehm, macht es gar schlechte Laune?

Bekannt ist, daß beide Konzepte des Jenseits – „der Himmel“ und „die Hölle“ – jahrhundertelang als „Zuckerbrot und Peitsche“ dienten – und daß die Europäer diese Ideen aufklärerisch verworfen haben. Dennoch: warum ist gerade „die Peitsche“ so in den Hintergrund geraten, während sich „das Zuckerbrot“ immer noch einer ziemlichen Popularität erfreut? Ist ein Glaube, welcher nach dem Ableben eher von einem „guten und schönen“ als von einem „bösen und häßlichen“ Dasein ausgeht – nicht reines Wunschdenken?

Als Menschen ist es uns unmöglich objektiv zu urteilen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit es im Jenseits einen „Himmel“ oder/und eine „Hölle“ geben kann. Es bleibt der persönliche, subjektive Glaube – gewonnen aus Überlieferung, Lehre, aus meditativer und/oder gedanklicher Erkenntnis. Wieso mündet aber dieser Glaube in so überwältigender Mehrheit im extrem Optimistischen? Wäre es so abwegig anzunehmen – egal mit welcher Wahrscheinlichkeit – daß es auch ein „höllisches“ Jenseits geben kann? Oder, noch mehr: daß es nur ein solches Jenseits gibt? (Wodurch übrigens die Idee der „strafenden“ Peitsche obsolet wäre).

Zeugt ein stärkerer Glaube an ein „Happy-End-Jenseits“ nicht davon, daß es eigentlich kein aus Erkenntnis gewonnener Glaube, sondern bloß ein egozentrisches und naives Hoffen ist? Wenn ich an den nächsten Tag denke, gehe ich ja auch nicht davon aus, daß es auf jeden Fall Sonnenschein und klaren Himmel geben wird. (Natürlich auch nicht unbedingt davon, daß mich Gewitter mit Hagel erwartet). Kurz vor dem Einschlafen kann ich auch nicht davon ausgehen, daß ein schöner Traum wahrscheinlicher als ein Albtraum sei – oder gar kein Traum.

Anderer Erklärungsversuch: Vielleicht sind die Menschen weiterhin von der „Zuckerbrot und Peitsche“-Idee überzeugt, wobei sie tatsächlich glauben, sich ein „himmlisches“ Jenseits auch verdient zu haben?

Noch eine Möglichkeit – intellektuell auch nicht sehr schmeichelhaft für den Menschen – wäre, daß wir als Reaktion auf eine kritische Sicht auf die Welt um uns automatisch annehmen, ein Jenseits müsse viel besser, schöner, relaxter sein. Und was, wenn das „Leben danach“ nicht besser und nicht schlechter als das irdische Leben ist? Könnte die Bandbreite unserer Jenseits-Erwartungen nicht gleichmäßig verteilt werden zwischen den beiden Extremen, „Himmel“ und „Hölle“?