Ja, ich gebe es zu. Es gibt Tage, eigentlich Abende, da sehe ich mir im Fernsehen die Nachrichten an. Meist als Vorspiel vor dem Sonntagskrimi oder als Pausenfüller eines Fußballspiels. Ich gehöre dennoch nicht zu denen, die spätestens nach der zweiten Nachricht (denn es gibt kaum mehr als vier pro Sendung…) lautstark mit dem Fernseher streiten und die armen Nachrichten-Vorleser beschimpfen. Ich wundere mich zwar manchmal ob der Reihenfolge der Nachrichten (IG-Metall vor Ukraine), noch mehr über die Existenz der Sportnachrichten (Formel 1, Schwimmer, Biathlonisten – als würde nicht jeder Fan längst alle Ergebnisse kennen) oder der Wetterprognosen. Unruhig werde ich erst beim statischen Einblenden der Lottozahlen – erst recht, als mir der „Alle Angaben sind wie immer ohne Gewähr“-Satz hinterher geworfen wird (gilt diese Bemerkung für die ganze Nachrichtensendung?)

Doch richtig sauer werde ich erst, wenn mir „dynamische“ Grafiken oder ein unten laufender „Ticker“ mit Aktienindizes in die Quere kommt. Wütend – wenn noch wertvolle Zeit vergeht, in der ein zugeschalteter „Aktienexperte“ mir versucht den DAX-Verlauf des Tages zu erklären.

Wen interessiert bitte all dieser Quatsch???

Erstens sind in Deutschland kaum mehr als 4 Millionen Menschen direkte Aktieninhaber (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75227/umfrage/zahl-der-direkten-aktionaere-in-deutschland/). Statistisch betrachtet (laut Angaben meines Kiosk-Verkäufers) sind viel mehr Deutsche Fußballfans (81 Mio.), Lottospieler (21 Mio.) – und an dem Wetter interessiert (alle). Und selbst wenn ich ein Aktienbesitzer wäre – würde ich mich entweder entspannt zurücklehnen, weil ich langfristig investiert hatte, und nur jedes Jahr mir die Werte ansehe, oder aber nervös übers Smartphone jede halbe Stunde mir die Börsenwerte auf die Handfläche liefern lassen. Keinesfalls aber würde ich deswegen die Nachrichten auf ARD, RTL oder ntv verfolgen! Zumal die DAX-Aktienkurse meist so schnell laufen, daß ich die Sendung erst aufzeichnen müßte, um die Werte dann in Ruhe abzulesen. Außerdem bringt einem Aktien-Investor die reine Info über den Stand des gesamten DAX wenig – außer man hat übergreifend in alle Aktien investiert. Erst recht wenig Interesse dürfte unter dem durchschnittlichen Nachrichten-Zuschauer der Wert des NIKKEI wecken.

Gut, man könnte argumentieren, daß es ebenso wenig Zuschauer gibt, die sich für die Wahlen in Nigeria oder den Besuch des saudischen Königs in Berlin interessieren. Allerdings werden diese Ereignisse nicht jeden Tag ausgestrahlt und kommentiert.

Vielleicht sollte man statt der Börsen-Werte Informationen einblenden, die die meisten Zuschauer mehr angehen: seien es die Butterpreise bei den wichtigsten Discountern, die Strompreise der zwanzig wichtigsten Energieanbietern, oder die Benzinpreise an ausgewählten Tankstellen. Oder doch lieber die aktuelle Zahl der überschuldeten Haushalte und der Hartz-4-Aufstocker? Denkbar wäre auch die Einblendung der Zahl der Flüchtlinge, die es an diesem Tag über das Mittelmeer geschafft haben (oder eben nicht) – und deren Korrelation mit den Aktenwerten der europäischen Agrar- und Waffenexporteure.


In manchen Ländern gibt es vor allem in den regionalen Tageszeitungen einen besonders spannenden Teil, genannt „Schwarze Chronik“. Dort wird jeden Tag von Mord & Totschlag, Überfall, Raub, Betrug und anderen Verbrechen berichtet. Wenn man sich die Wirtschafts-Teile der führenden europäischen Tageszeitungen ansieht, könnte man diese ebenso in „Schwarze Wirtschaftschronik“ umbenennen, vor allem dank der Banken und ihrer Geschäfte: Bankautomat-Abzocke, Beratungsbetrug, LIBOR-Manipulationen, Beihilfe zu und eigene Steuerhinterziehungen, Lebensmittel-Spekulationen, und zuletzt der Devisenhandel-Skandal. Die Banken liefern wöchentlich, wenn nicht täglich, neue Geschichten, die einen erschaudern lassen.

Wirklich erschaudern lassen? Ja, vielleicht. Doch mehr passiert oft nicht. Damit meine ich nicht das Eingreifen des Staates, der Regulierungsbehörden und des Staatsanwälte – wobei auch diese Zurückhaltung zu kritisieren ist. Ich meine „uns“, die Kunden dieser Banken. Nur wenige tun mehr als „erschaudern“, nur weniger ziehen Konsequenzen – indem sie die Bank wechseln. Es scheint, daß der Kunde und „aufgeklärte Bürger“ in anderen Fällen eher und entschlossener handelt, um seinen Protest kund zu machen oder gar sein langfristiges Verhalten zu ändern: (wer es sich leisten kann) wechselt „dank“ Lebensmittel-Skandale mehr zu „bio“, wem die Arbeitspolitik einiger Discounter oder Bekleidungsketten nicht passt – geht nicht mehr hin. Wenn ein Telekommunikationsunternehmen ihre Internet-Angebote ändert oder die versprochene Mobilfunk-Bandbreite nicht gewährleistet – Scheiß-Stürme der Entrüstung. Wegen der Sorge ums „Klima“ wollen wir weniger fliegen und mehr Radfahren (ein Elektroauto kann sich noch nicht jeder leisten). Doch beim Thema „meine Bank und mein Geld“ scheint der Mensch viel zurückhaltender zu sein… Nicht einmal die Finanzkrise, die die Absurdität und Instabilität des Banken- und Finanzwesens offenbart hatte, hat wirklich nennenswerte Wechselbewegungen der Bankkunden erzeugt.

Sind diese Menschen zu träge, zu gestresst, zu ängstlich, oder zu naiv, um den Weg zur Bankfiliale zu machen und ein Konto zu kündigen? Kann es vielleicht sein, daß so viele Kunden „ihren“ Banken noch immer vertrauen? Oder eher, daß man deren kriminelle Geschäftspraktiken nicht nur „schluckt“, sondern – still und leise – doch froh ist, wenn eine Bank „ein gutes Ergebnis“ macht – und damit die Sparbuch-Rendite sichert? Oder wollen viele Kunden einfach glauben, „ihre“ Bank sei ja „gar nicht so böse“? Klar, nicht jeder hat ein Konto, Sparbuch oder sonstige „Dienstleistung“ bei der Deutschen Bank, Citi, UBS, JP Morgan oder der Commerzbank. Doch auch jedem Kunden der Postbank (wie auch der Sal. Oppenheim) müsste klar sein, daß auch er damit nur der Deutschen Bank sein Kapital zum spielen überlässt. Und auch die Targo-Bank ist nur eine – ausgerechnet wegen des schlechten Image während der Finanzkrise – umbenannte Citibank.

Denn mit jedem einzelnen Euro, den wir einer verbrecherischen Bank überlassen, helfen wir ihr. Man muss kein Großkapitalist oder Millionenerbe sein, es reicht ein Girokonto – das Prinzip ist das gleiche. Mit jedem Euro, den eine Bank dank uns zur Verfügung hat, kann sie Geschäfte machen: legale, illegale, halblegale. Mehr noch – jeder unserer Euro hilft als Einlage der Bank noch mehr Kapital von der Zentralbank zu leihen – um damit dank des Leverage-Effekts noch größere Geschäfte zu treiben.

Vielleicht gibt es noch einen Grund, warum manche „die Großen“ (Banken) mögen – „der Staat wird die Bank – und somit meine Ersparnisse – schon nicht fallen lassen.“ Was bei kleineren, weniger bekannten Bankinstituten vielleicht nicht so sicher scheint. Viele Bankkunden spielen also dasselbe „moral hazard“-Spiel wie die Bankvorstände: Man gewährt riskante und/oder unmoralische Geschäftspraktiken, hoffend auf eine bessere Rendite – und geht davon aus, daß der Staat schon aushelfen wird, sollte was schief gehen. (Wem sind übrigens die „Griechenland-Hilfen“ zugute gekommen? Den Griechen? Dem griechischen Staat? Nein – den deutschen und französischen Banken, und vor allem ihren Kunden.)

Ich würde von niemanden erwarten, a priori jede Bank zu verdächtigen und gar kein Konto zu haben. Doch sobald es nachweislich bekannt wird, daß eine Bank krumme Geschäfte zu verantworten hat – hat jeder Kunde zu verantworten, daß er diese Bank nicht verlößt.

Es ist auch keine Ausrede von einem baldigen Bankencrash auszugehen, und zu sagen: „Bald bricht das ganze System sowieso alles zusammen, also was muss ich da viel ändern…“

Es reicht auch nicht, auf Handlungen des Staatsanwalts oder auf neue Gesetze zu warten. (Das kann dauern…)

Ich weiß, der Weg zur Bankfiliale mit dem festen Vorsatz „bei denen bin ich jetzt aber weg!“ kann sich in der Praxis schnell dahingehend wandeln, daß man auf dem Weg zurück nach Hause das Konto nicht nur nicht gekündigt hat, sondern noch mit einem zweiten Konto und einer Rentenversicherung oder Kredit zurückgekehrt – die Bankenberater haben ja einiges drauf. Doch die Mutprobe lohnt sich. Und gerade in Zeiten der Nullzinsen sollte es nicht so schwer fallen, zu überlegen, ob man einem Betrüger sein Geld weiterhin zur Aufbewahrung überlassen sollte. Außer man will ja mitmachen – und sich so zum Komplizen einer kriminellen Bank machen.


Bei den Koalitionsverhandlungen im Spätherbst 2013 zwischen CDU/CSU und SPD war schnell ein Punkt klar: die von der SPD angedachte Wiedereinführung einer Vermögenssteuer ist bei den Unions-Parteien nicht durchsetzbar, quasi ein Tabu. Auf jeden Fall ein größeres als die Möglichkeit einer Einkommenssteuer-Erhöhung. Ich fragte mich schon damals: Warum ist man eher geneigt, das Einkommen als das Vermögen zu besteuern? Nur weil man doppelte Bersteuerung ablehnt, oder etwa, weil man Sparen nicht bestrafen will, ein Verdienen jedoch schon? Eine Vermögenssteuer bezieht sich ja auf das zu einem Zeitpunkt angesammelte Vermögen – egal ob es Bargeld, Sparbücher, Immobilien oder Yachten in Monte Carlo sind. Eine Einkommenssteuer jedoch gründet sich auf dem jährlichem Einkommen – also auf der Vermehrung des Vermögens. Selbst wenn das bisherige Vermögen an sich – etwa durch Wertverfall – sinken sollte, ist das neue Einkommen – etwa durch ein Gehalt oder Lottogewinn – dessen Erhöhung. Werden durch eine Einkommenssteuer vielleicht die „fleißigen und emsigen“ Verdiener (von der FDP gerne als „Leistungsträger“ benannt) besteuert, während man die passiven „Auf dem Vermögen sitzenden“ verschont?

Klar, in der realen Politik sind vielleicht die Beweggründe für oder gegen eine Steuereinführung oder -änderung rein auf dem Haushalt begründete parteienübergreifende Psychologie: Durch welche Steuer kann ich dem Bürger etwas abknüpfen, ohne daß dieser zu sehr aufmüpft. An welcher Stellschraube drehen, daß der Schmerz ausgehalten wird – oder welche Schraube lockern, damit ich eher gewählt werde.

Ich möchte mich hier jedoch nicht mit Realsteuerpolitik befassen, auch nicht mit der Frage nach einer generellen Erhöhung/Senkung der Steuerquote oder mit der Analyse der Ausgaben. Nicht einmal mit der Frage, ob und wann die Ausgaben vollständig durch Steuereinnahmen gedeckt werden oder nicht (Haushaltsdefizit oder -überschuß, Schulden).

Mein Interesse gilt den Prinzipien und Ideen verschiedener Besteuerungsvarianten, vor allem mit der Alternative zwischen der Einkommens- und der Vermögenssteuer, sowie dem Sinn und den Auswirkungen verschiedener Steuerarten.

Manche Steuern – ich gehe hier von Theorie und Idealen aus! – sind direkt erklärbar und klar begründet. Eine „Öko-“ (=Energie-), Tabak- oder Alkoholsteuer dienen als Demotivation zum ungesunden oder umweltschädlichen Lebensstil. Eine PKW-Steuer dient zur Aufrechterhaltung der Straßeninfrastruktur, eine Immobilien-Steuer (Grundsteuer) der Stadtinfrastuktur, der Solidaritätsbeitrag soll der Hilfe und dem Aufbau mancher Regionen dienen. So weit so gut so klar (auch wenn so idealistisch).

Bei der Mehrwertsteuer – einer der besten Einnahmequellen – wird der Konsum besteuert. (Somit ist mir diese Steuer als Steuerart eine der liebsten: Es ist ein Mittel zur Regulierung des Konsumismus). Die Einkommenssteuer konzentriert sich auf den laufenden (kurzfristigen – 1 Jahr) Zuverdienst eines Bürgers. (Ähnlich wie dieses könnte man übrigens auch die Erbschafts- und Schenkungssteuer betrachten: als Zuverdienst eines Einzelnen in einer Zeitperiode.) Die Vermögenssteuer hingegen wäre eine Steuer auf die bis zu einem Zeitpunkt (z.B. 31.12. des Jahres) summierten Vermögen.

Warum wird in den meisten Ländern nun das Dazuverdienen höher besteuert als das „Schon-Haben“? Sollen – wie bei der Tabaksteuer oder Mehrwertsteuer die Menschen vom Verdienen abgehalten werden, ist es gar ein stoisch-asketischer Hinweis: „Renn weiterem Geld nicht so hinterher!“ ? Während man diejenigen, die das Verdiente in den Vorperioden nicht verprassten, sondern angespart hatten – verschonen will? Ist die Ablehnung der Vermögenssteuer und die Bevorzugung der Einkommenssteuer ein Plädoyer für weniger Konsum und weniger Arbeitsstunden? Dabei ist eigentlich jedes Einkommen sofort ein (neuer) Teil des Vermögens.

Mein Vorschlag zur Besteuerung, im Konkreten (bezogen auf die Balance zwischen Einkommenssteuer und Vermögenssteuer) wäre: Das kurzfristige Neu-Vermögen, also das Einkommen, genauso wie das langfristige Vermögen zu behandeln. Und zwar, indem man die Einkommenssteuer komplett abschafft. Dafür – dieselben Einnahmen – über die Vermögenssteuer hereinholen. Dieser Ansatz gründet sich nicht auf moralisierenden Motiven für eine Steuer („spare mehr“, „gebe mehr aus“, „trink nicht“, „lebe gesund“, „verdiene nicht so viel“ etc.), sondern auf dem Kosten-Nutzen-Prinzip eines Steuerzahlers in seinem Gemeinwesen.

Ich denke, je mehr jemand hat (=Vermögen), desto mehr beansprucht er das Gemeinwesen. Je mehr Fabriken, Sportwagen, Immobilien oder Sparbuch-Verträge ich besitze – desto mehr nutzt mir der gemeinsame Staat mit seinen Funktionen. Sei es durch Sicherheiten (Schutz meines Vermögens, auch wenn indirekt: durch Sozialpolitik, Außenpolitik, Polizeiarbeit oder das Militär), durch Freiheiten (Währung, Verträge mit anderen Ländern, Kapitalverkehr), oder vor allem durch Infrastruktur (Telekommunikation, Verkehr, Bildungsniveau). Dadurch ist es legitim, auch überproportional zu besteuern: Wenn jemand 1000 LKWs hat, nutzt ihm der Staat pro LKW mehr als jemanden, der nur einen hat. Wer 100 wertvolle Bilder in seiner Wohnung hat, dem nützt die Sicherheitslage „pro Bild“ mehr als dem Nachbar, der nur drei hat. Man könnte es auch die „economy of scale“ des Gemeinwesens nennen.

Nun, es stimmt – dieses Kosten-Nutzen-Prinzip gilt genauso bei Besteuerung des Einkommens: Wer 1000 LKWs hat, dem nutzt das Gemeinwesen mehr auf dem Weg zu seinen laufenden / neuen Einnahmen, als dem, der eben nur einen hat etc. Der Haken ist jedoch: bei einer stärkeren Besteuerung des Einkommens als des Vermögens wird das Vermögen der „wirtschaftspassiven“ Bürger weniger als das der „wirtschaftsaktiven“ besteuert. Dabei werden aber beide Vermögen in gleichem Umfang vom Staat geschützt.

Ein Beispiel:

Person A hat eine Immobilie (Wert 100.000), ein Sparbuch (50.000) und verdient im Jahr 2014 100.000.

Person B hat ebenfalls eine Immobilie (100.000), Sparbuch (150.000), und erhält im Jahr 2014 nur eine moderate Rente. (Immobilien werden selbst genutzt, Sparbuch wirft nichts ab).

In Deutschland zum Beispiel wäre Person A viel höher besteuert als Person B – obwohl das vom Staat zu schützende Vermögen bei B. höher ist. Zwar nutzt dafür A. das Gemeinwesen mehr, um auf seine 100.000 Zuverdienst zu kommen. Doch hier wird offensichtlich Aktivität höher als Passivität besteuert.

Bei einer kompletten Abschaffung der Einkommenssteuer würde man einfach nur am Jahresende die bis dahin angesammelten (oder verminderten) Vermögenswerte pro Bürger besteuern. Für die Mehrheit der Bevölkerung wäre dies ohnehin eine simple Rechnung: Kontostand plus ggf. Sparbücher/Lebensversicherungen plus ggf. der Wert einer Immobilie und des PKWs. Klingt vielleicht kompliziert, doch mit Freibeträgen (z.B. bis zu X Euro des Vermögens keine Steuer) wären viele Wenig-Vermögende von dem Papierkram und Kalkulationen ausgenommen. Und der Rest – der sollte sich schon einen Steuerberater leisten können… (was man bei gewissen Einkommen auch schon macht).

Darüber hinaus gäbe es gar keine Diskussion um die Unfairness einer doppelten Besteuerung: zuerst das Einkommen, später vom gesparten Einkommen, sprich, Vermögen, nochmal Steuern. Wenn man nur das Vermögen besteuern würde, gäbe es keine doppelte Besteuerung mehr. Sondern – wie bei der Grundsteuer oder PKW-Steuer – eine periodische Steuer derselben Sache, deren Eigentümer ja auch periodisch einen Nutzen durch das Gemeinwesen erfährt.

Schließlich könnte man sich auch die Diskussionen um Erbschafts- und Schenkungssteuer ersparen. Auch diese Steuerarten gäbe es gar nicht – denn jede Schenkung oder jedes Erbe wäre eine Erhöhung des Vermögens des Besteuerten.

Politisch müssten mit so einer Steuer sowohl die „Linken“ gut auskommen – denn diese Steuer wäre eine stärkere Umverteilung von oben nach unten, da in den meisten Ländern die Diskrepanz bei den Einkommen kleiner als bei Vermögen ist. Gleichzeitig müssten alle diese Idee befürworten, die für „mehr Leistung muss sich lohnen“ eintreten. Wer arbeitet und dadurch laufend verdient wird weniger besteuert als jemand, der nur von einem Erbe, vom Lotto-Gewinn, oder von angesparten Kapital lebt und das leben genießt – und dessen Kapital sich eben durch Steuern langsam verringert. Im „Evangelium des Reichtums“ schrieb Andrew Carnegie: „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande.“

 

Alles klar so weit? Von wegen. Nachdem ich dieses Plädoyer fertig getippt hatte, konnte ich mich von einem inneren Gefühl nicht befreien: Dass es doch irgendwie ethisch und gar philosophisch sinnvoller wäre, den passiven Bürger weniger als den aktiven zu besteuern. Trotz all meiner o.g. Argumente. Vor mir schwebte ein Bild der Person C: eines Menschen, der über zehn oder zwanzig Jahre lang sparsam lebte, und sein übergebliebenes Einkommen in ein Landhaus samt Acker und Obstgarten investierte, wo er nun autark und ökologisch nachhaltig die letzten zehn, zwanzig oder vielleicht auch dreißig Lebensjahre in Ruhe genießt. Und der Wert dieses Hauses samt Grundstück aus ihm unerklärlichen Gründen inzwischen auf 250.000 gestiegen ist – also das Vermögen der Person B. Diese Person C höher zu besteuern als das der geldnachrennenden Person A oder der Person B, die150.000 unnütz über die Banken „parkt“ – scheint mir irgendwie falsch. Aber bin ich da nicht wieder beim moralisierenden Aspekt des Steuerwesens angelangt?


Ich war zwölf, als ich zum ersten mal 1985 in „den Westen“ durfte. Daß dieser „Westen“ keinesfalls „golden“ ist, wurde mir schnell klar: der „Westen“ war vor allem bunt, bunter als der Alltag im sozialistischen Polen. Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Farbenvielfalt hatte die Marktwirtschaft, wie auch der Wohlstand an sich: Es gab viele bunte Ladenschilder, Werbeplakate, und vor allem: Produkte. Nicht nur in Form von Autos, Kleidern und Einkaufstaschen – sondern vor allem in den Läden. Schöne, bunte, reiche Marktwirtschaft – so wie man sich diese im grauen, verarmten Sozialismus vorgestellt hatte.

Ich war damals – wie heute, und wie auch die Mehrheit der polnischen Bevölkerung – klar für Marktwirtschaft, wie für Demokratie (der Begriff der „marktkonformen Demokratie“ wurde damals noch nicht erfunden – oder zumindest nicht verkündet). Im „Westen“ gab es Läden, die Produkte anboten. Man konnte einfach reingehen, und es war was da. Man konnte es sogar kaufen, vorher sogar selber anfassen (also keine Thekenmauer mit grimmiger Verkäuferin zwischen mir und dem Artikel) – und erhielt nicht den Hinweis, dass ein Artikel zwar ausgestellt ist, aber entweder von jemanden anderen vorbestellt, oder zum Beispiel nur für eine spezielle Bevölkerungsklasse und deren Coupons („Bergbauarbeiter“) erhältlich. Es gab für jeden Artikel nicht nur mehrere Sorten, sondern auch Hersteller. Ja, egal ob bei Joghurt oder Sportschuhen! Und es gab kaum Schlangen vor den Läden. Ich war zwar jung, aber weder so naiv der kommunistischen Propaganda zu glauben, daß sich diese Produktvielfalt im „Westen“ kaum jemand leisten kann – und daher keine Schlangen entstehen, noch zu glauben, daß sich jeder im „Westen“ immer und alles leisten kann. Denn jeder dieser wundervollen Artikel kostete auch Geld – egal ob die Sehnsucht Haribo-Bärchen, Adidas-Schuhe oder ein Commodore-PC war. Alles hatte seinen Preis.

Und genau das – die Preise – war der Punkt, wo mein schönes Bild von der Marktwirtschaft einen ersten ernsten Riss abbekam. Heute sage ich explizit „Marktwirtschaft“ und nicht „Kapitalismus“, auch wenn es damals üblich war, es in „einen Sack zu definieren“. Und meist – wenn ich darüber heute schreibe oder streite – verteidige ich die Idee der Marktwirtschaft gegen den Kapitalismus. Doch diesmal nicht. Und erst Recht nicht damals. Die Idee der Marktwirtschaft nämlich, die ich damals (wie heute) hatte, erwartete von dieser nicht nur „frei“ zu sein, sondern auch – „ehrbar“, wie der „ehrbare Kaufmann“. Jemand produziert und bietet ein Produkt an, und versucht es über den Kosten, mit einem Profit-Aufschlag zu verkaufen – und je nach Preis und Qualität wird er damit erfolgreich oder nicht. Ich ahnte damals zwar nicht, daß dieses Ideal der Marktwirtschaft in der Praxis durch Werbepropaganda, Subventionen, Marktabsprachen oder Oligopole beträchtlich beeinträchtigt ist. Doch der erste Blick auf die Preise machte mir klar, daß diese Marktwirtschaft gar nicht so „ehrbar“ sein kann – außer wenn sie verrückt ist.

Es ging nicht um die Höhe der Preise – ich konnte damals kaum wissen, ob ein Produkt überteuert ist oder nicht, in der Planwirtschaft wurden die Preise von Kommissionen festgelegt. Was mich mehr als störte, ja fast schockierte – war die aus meiner Sicht irre Preiskomplikation – oder: die Liebe zu Nachkommastellen und den vielen Neunen. Kaum ein Artikel hatte einen normalen Preis – seien es 10 DM oder 20 Gulden oder 130 Schilling. Nein, meist waren die Preise 9,95 oder 19,99 oder 129,90 etc. Ich konnte mir diesen Unsinn nicht erklären. Wozu so viel Mühe, wozu so kompliziert, haben die zu viel „9“-er Aufkleber, kalkulieren die so genau, oder versucht man, der Kassiererin mehr Arbeit zu machen? Denn in Polen wären solche Preisgestaltungen damals kaum möglich gewesen – und das lag nicht nur an dem wirtschaftlichen System, sondern einfach an der Tatsache, daß kaum ein Laden – bis auf wenige „moderne“ Supermärkte – eine rechnende Kasse hatte. Bei uns hat normalerweise die Verkäuferin einfach die Preise der gekauften Produkte mit einem ollen Kugelschreiber auf dem oben liegenden Blatt des Packpapiers notiert und wie in der Schule brav addiert oder multipliziert. (Taschenrechner westlicher Produktion gab es vereinzelt, doch nur als privates Luxusprodukt für zuhause). Müsste sie sich an die zerquetschten Preise halten, wäre jede Schlange ums mehrfache länger geworden!

Später wurde mir klar, daß diese absurde „westliche“ Preisgestaltung gar nicht so absurd ist – sondern in der Psychologie begründet ist. „9,95“ klingt weniger als „10“ – und verleitet so stärker zur Kaufentscheidung, da lohnt es sich für den Ladenbesitzer deswegen eine elektronische Kasse und den Zeitaufwand für die Preisaufkleber-Zusammensetzung zu investieren. Für mich war diese Erkenntnis die erste und dazu eine größe Enttäuschung was die Marktwirtschaft angeht. Es wird hier also doch getrickst, gemogelt, ja – gelogen.

Und heute? Heute ist es nicht nur genauso, sondern eigentlich schlimmer, denn die Preisgestaltungsmogelei hat zigtausende erreicht, ob über Telekom-Angebote oder die Ebay-Käufer und -Verkäufer. Gleichzeitig gibt es immer noch Lichtblicke, oder Ausnahmen von der 9-und-Komma-Preistrickserei: Sei es bei Gehaltsverhandlungen, an Flohmärkten, bei Mietpreisen oder aber in der Bäckerei um die Ecke bei mir. Hier kostet eine Schrippe 15 ct, ein Croissant 50 ct, Milchkaffee 1,50 € und Boulette mit Schrippe & Senf 1 €. Vielleicht liegt es daran, daß die türkischen Bäckerinnen, die schon um 5:00 aufmachen, im Laufe des Tages keine Lust auf das Cent-Restgeld-Spiel haben, das länger dauern würde, als das Einpacken der gekauften Ware. Oder weil die meisten Käufer Stammkunden sind – die oft selber den Preis aufrunden, genauso oft wie die Bäckerin diesen manchmal bei komplizierten Beträgen, vor allem Spätnachmittags oder bei Kindern – abrundet. Stimmt so.


Seit Jahren liegen die Sparbuch-Zinsen im Keller, ebenso bewegt sich die Rendite für Staatsanleihen im Bereich des statistischen Fehlers. Rechnet man Inflation davon ab, bleibt kaum eine positive Rendite übrig. Gold scheint mal irrational in die Höhe zu gehen, dann aber recht deutlich zu fallen. Für Immobilien, die auch eine Blase sein können, braucht man schon einen beträchtlichen Geldbetrag. Es ist daher nicht verwunderlich, daß auch in Presse und TV Finanzexperten regelmäßig dazu raten, Geld vor allem in Aktien zu stecken. Auch wenn ich weder zu solchen Finanzexperten gehöre, noch ein Lobbyist der Finanzbranche oder eines Industriezweiges bin – komme ich zum ähnlichen Schluß: Aktien sind besser als ein Sparbuch.

Meine These gründet sich allerdings nicht auf Renditeerwartungen, oder weil ich vielleicht den cool zockenden Aktieninvestor gegen den braven, biederen Sparer ausspielen möchte – sondern auf ethischen Überlegungen.

In diesen Gedanken möchte ich mich auf diese zwei so sehr unterschiedlichen Anlageformen konzentrieren – Aktie und Sparbuch. Die Gegensätze könnten kaum größer sein: hier das viel höhere Risiko, aber auch höhere, allerdings unbekannte Rendite – dort kaum Risiko (außer jemand hat mehr als 100.000 EUR in Zypern angelegt…), dafür feste Zinsen und Laufzeiten. Investmentfonds scheinen irgendwo dazwischen zu liegen – doch in Wahrheit sind diese nur eine Form von zusammen gebündelten, mehr oder weniger verstreuten, Aktienpaketen. Staats- oder Unternehmensanleihen wiederum sind mehr oder weniger fest verzinste und mit einer fixen Laufzeit ausgegebene Kredite. Gold lasse ich generell aus meinen Überlegungen einmal aus: welchen Sinn (außer man ist Goldschmied oder König Midas) sollte es haben, außer Spekulation, in ein Metall zu investieren? Genauso sehe ich Immobilien: Ein Immobilienkauf, wenn nicht zu Eigennutzung, kann nur Spekulation sein. Und erst Recht Währungsgeschäfte: diese sind reine Spekulation (außer man fährt in den Urlaub außerhalb des EURO-Raumes…).

Wie ich erwähnt hatte, geht es mir um die ethische Überlegungen und die ethische Überlegenheit der Aktie. Und wie man vielleicht schon erkennen kann, halte ich spekulatives Investieren für ethisch falsch. Sehe ich denn nicht ein, daß 99% der Aktien-Investoren die größten Spekulanten sind?

Ja, sie sind es, doch die Aktie an sich, als Anlageform und Idee, ist es nicht. Eine Aktie ist ein Anteil an einem Unternehmen, es macht den Käufer zum (Teil-)Eigentümer. Und nicht nur weil in so mancher Verfassung „das Eigentum verpflichtet“ sehe ich darin den Ansatz, eine Aktienanlage ethisch höher als ein Sparbuch zu bewerten. In dem Moment, in dem ich eine oder hundert Aktien kaufe, werde ich zum Teilinhaber eines Unternehmens – mit allen Rechten wie Pflichten. Der Aktienkauf bringt mit sich direkte Verantwortung für das Handeln des Unternehmens, „meines“ Unternehmens. Wenn mein Unternehmen die Umwelt zerstört, Arbeiter in Sweatshops ausbeutet, oder durch Oligopole und Marktmacht die Konsumenten bescheißt – bin ich verantwortlich. Es ist ja meine Firma, mein Umsatz, meine Gewinne, mein Eigentum. Und ich habe entschieden, mein Kapital da reinzustecken – egal ob es sich um BP, Facebook, oder ein kleines Startup-Unternehmen einer Freundin handelt (denn, wenn ich ihr 10.000 EUR als Kapital zur Verfügung stelle, ist es wie ein Aktienanteil). Man könnte zwar argumentieren, je kleiner mein Anteil, desto kleiner die Verantwortung – und auch meine Möglichkeiten, die Geschäftsführung zu kontrollieren. Oder mein Geld dort anzulegen, wo „faire“ (oder gar keine!…) Profite entstehen.

Immerhin, als Mit-Eigentümer bin ich mitten drin.

Dann gibt es ja bei Aktien zum Glück noch das Risiko. Es liegt in meinem Ermessen und Entscheidungen, wieviel Kapital ich in welches Projekt stecke, ob ich es leichtsinnig, oder nach langer und gründlicher Überlegungen tue – für mich der Gewinn, oder für mich der Verlust. Beides kann ich nur mir anlasten – und der Geschäftsführung, die ich ja hätte kontrollieren können.

Anders als bei einem Sparbuch. Was ist ein Sparvertrag denn? In diesem Fall ist die Entfremdung und Anonymisierung zwischen mir, dem Kapital, und dem, was damit geschieht, ja viel größer. Ich gebe meine, sagen wir, 10.000 EUR einer Bank. Diese verspricht mir dafür nach x Jahren 10.000 + Zinsen auszuzahlen. Ende. Ich kann mich ja zurücklehnen. Meine Verantwortung zusammen mit dem Geld – abgeben. Und auf „sichere“ Rendite brav warten. Der Sparer, selbst wenn er wollte und wenn sein Bankberater es für ihn nachforschen wollte – wird nie erfahren, was mit seinem Geld passiert. Ob es am Ende in Ökoprojekte in Tansania fließt, oder in eine Waffenfabrik in der Tschechischen Republik. Ob die Bank – oder deren Kreditnehmer, sei es der Nachbar von nebenan oder weitere Finanzakteure – damit mit Getreide spekuliert, auf fallende Währungen wettet, oder es über sieben Zwischenfirmen auf Cayman Inseln „parkt“.

Es gibt noch einen zweiten Punkt. Der Sparer entzieht sich nicht nur gerne jeglicher Verantwortung – er pocht auf seinen „vertraglich zugesicherten“ Zins. So ist jeder, der am Stammtisch oder am Blogtisch ansonsten gerne „gegen die Banken und das Großkapital“ wettert – mit jedem Euro, den er seiner Bank überläßt – der Unterstützer dieser Geschäftspraktiken. Ich habe noch nie von einem Inhaber eines Sparkontos gehört, daß sich dieser Sorgen oder Gedanken über die Geschäftsideen seiner Bank oder über das Schicksal der Kreditnehmer macht – die Ende ja sein Geld zur Verfügung erhalten, und für „seinen“ Zins arbeiten (oder wiederum selber zocken) müssen. Die Bank selbst ist in diesem Zusammenhang nur derjenige, der eine (nicht kleine…) „Vermittlungsprovision“ einsteckt – das Geld und die „vertragliche“, unumstößliche Forderung einer Zinsrendite – die kommt vom Sparer, in dem Moment, in dem er den Vertrag zeichnet. Ich erinnere mich gut als vor ein paar Monaten während der „Zypern-Krise“ Empörung hochkochte, weil man „den kleinen Sparer“ enteignen oder ihm seinen Zins verwehren wollte. Die Empörung über die Verluste der Aktionäre, die jährlich und täglich passieren, scheinen mir nicht so laut zu sein. Nein, ich will keinesfalls die Banken oder spekulierende Aktieninvestoren in Schutz nehmen. Ich will jedoch den Sparer nicht in seiner „Un-Verantwortung“ lassen.

Ethisch gesehen scheint mir deswegen der Weg eines Aktieninvestors besser zu sein – sofern dies eine langfristige, gezielte, bewußte Anlage seines Geldes ist. Und sofern dieser sich nicht in Frage der Verantwortung ebenso autistisch wie der Sparer verhält. Oder die schlimmste Sorte – der Staatsanleihen-Anleger, der kaum Risiko angehen, aber von Schulden der (oft eigenen!) Gemeinschaft leben möchte.

Ich weiß, daß in der Praxis ein Kleinaktionär kaum einen Großkonzern kontrollieren kann, geschweige denn beeinflussen. Doch das spricht nicht gegen Mit-Eigentum in Form von Beteiligung, es spricht nur für für kleinere Firmengrößen – denn Großfirmen sind planwirtschaftlich agierende, wettbewerbs- und innovationsvernichtende Monopol-Monster.

Ich weiß auch, daß die wenigsten von uns die 10.000 EUR haben (auch ich nicht, zugegeben…), um in Aktien zu investieren. Schon die einmaligen „Operationskosten“ sind bei Aktien so hoch, daß man mit seinen 100 oder gar 1000 EUR gar nicht einsteigen kann (außer bei der Geschäftsidee der Freundin). Und auch dann wäre es eigentlich am besten, das Geld – das anscheinend „übrig“ blieb – zu spenden.