Luddismus war eine Bewegung Anfang des 19. Jahrhunderts in England, deren Anliegen und auch in Tat umgesetzte Aktionen die Zerstörung von Maschinen waren. Ich frage mich manchmal, ob ich nicht selber ein Luddit des 21. Jahrhunderts bin. Zumindest ein bisschen, da ich ja eben diese Worte hier doch mithilfe einer Maschine (mein PC) niederschreibe. Also ein partieller Luddit, und dazu – ein gewaltfreier.

Denn ich zerstöre keine Maschinen (zumindest nicht absichtlich…), ich gehe ihnen allerdings oft aus dem Wege, und nicht selten verachte ich sie einfach. Aber ist Verachtung nicht eine Art psychischer Gewalt?

Ein paar Beispiele: Wenn ich schon Auto fahre, dann ist da kein Navigations-Gerät drin. Falls ich in eine mir unbekannte Gegend oder Stadt muss, drucke ich mir vorher ein Teil der Karte aus, für den Rest sorgt der dicke ADAC-Deutschland- und Europa-Straßenatlas aus 2002. Ja, es passiert, daß ich mich manchmal verfahre. Es passiert, daß ich anhalte und echte Menschen nach dem Weg frage. Oder etwas früher losfahre, und dann auf einem Parkplatz oder einer Raststätte anhalte, um in Ruhe den Weg zu studieren – alleine oder mithilfe anderer. Mein Schreckensszenario ist ein Kollege, der einmal selbst auf dem Weg vom Auto zur Hausadresse sein „Navi“ sicherheitshalber einschaltet hat da wir ca. 50 m vor der eigentlichen Haustür geparkt hatten und für den Weg zu Fuß auch Orientierung brauchte).

Die Hauptfunktionen meines Handys sind 1.) Wecker, 2.) Taschenlampe, 3.) Telefonieren. Alle drei werden im Schnitt 1 mal pro Tag genutzt. SMS? Passiert schon mal, auf der monatlichen Rechnung sind es mal 15 gewesen (was war da mit mir los?…). Ja, ich spreche manchmal mit Menschen, auch telefonisch. In Ruhe vom Schreibtisch / Sofa / Küchentisch aus – per Festnetz. Das Handy ist übrigens schon allein deswegen Ludditen-sicher, da es wasser- und staubdicht ist, Temperaturen von -40 bis +60 Grad Celcius aushält, und – sofern auf Gras liegend – es dem Gerät nichts ausmacht, wenn man darauf sein Auto parkt. Display kratzfest, 128 x 160 pixel!!!

Vor ein paar Wochen warnte mich allerdings eine Freundin, über kurz oder lang werde auch ich mir der „Smartphonemania“ nicht entziehen können, es wird mich schon erwischen, vielleicht auch unfreiwillig. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nie über ein Gerät „gewischt“. Sie hatte Recht. Das „wischen“ hat mich erwischt. Zumindest liegt jetzt ein Smartphone von Apple neben mir. Der Grund war rein beruflich, ich bekam es als „Arbeitshandy“ incl. Flat-Vertrag von einer Firma, für die ich gelegentlich arbeite und die gerne hätte, daß ich „eine firmeneigene Telefonnummer“ habe. Nun habe ich es – die Telefonnummer. Nachdem ich innerhalb von kurzer Zeit fast alle nicht zum telefonieren notwendigen Funktionen des Apple-Dings deaktiviert hatte, wird es nun ausschließlich zum telefonieren benutzt. Auch so 3-4 mal pro Woche. Was App-Store ist weiß ich nicht. Nervig ist das neue Ding dennoch: groß, schwer und glatt, anders als mein Privathandy muss ich es nicht einmal pro Woche, sondern täglich aufladen – und daß, obwohl ich damit fast nichts mache!… Und die Empfangsqualität ist – trotz Telekom und Berlin-Innenstadt – miserabel (einige Gesprächspartner klagen über „Funklöcher“). Liegt es vielleicht daran, daß ich dem Smartphone den Zugang zu meinem W-LAN verweht habe? (Ohne dem man es, lustigerweise, gar nicht aktivieren konnte!… Na ja, außer in einem W-LAN-Cafe…). Egal.

Was sonst noch? Kein Twitter, kein Facebook, kein Xing oder Tumblr – „freitag.de“ und noch 5-10 Webadressen sind alles was man so in meiner Browser-Chronik am PC findet. Ich bin wohl nicht nur ein Luddit, sondern auch noch ein Einsiedler. Selbst einige Freunde fragen sich, warum ich denn so „technikskeptisch“ sei, „wo du doch selbst im IT-Business tätig bist…“ Na ja, vielleicht eben deswegen? Vielleicht habe ich nicht nur am Ende des Tages, sondern auch mittendrin eben deswegen mehr Spaß daran, ein vergilbtes Buch in den Händen zu halten als ein Tablet? Und lieber „Die Zeit“ groß vor mir raschelnd in einem Cafe ausbreite, anstatt sich der Riege der Notebook-Bücker anzuschließen? Nur in der U-Bahn komme ich mir asozial vor. Während mindestens 50% des Fahrguts mit verkabelten Ohren (bald Augen – wenn GoogleGlass kommt) vor sich hin kontemplativ wackelt, suche ich mir einen (Sitz-)Platz, und mache eine breite Zeitung auf. Schlimmer noch, ich bin manchmal sogar so frech (pervers?), die anderen Menschen anzuschauen, einfach so!

Zurück nach Hause. Hier geht mein Luddismus weiter, in der Küche. Zuerst gebe ich all meine Niederlagen zu, d.h. Fälle, wo ich mich den Maschinen beuge: Waschmaschine, Kühlschrank, TV-Tuner + Beamer. Beim Kampf Staubsager gegen Besen steht es jahresstatistisch fifty-fifty. Mein Reich, der Reich meines ausgelebten Luddismus – ist die Küche! (Ja, ja, der Herd ist dann schon elektrisch, aber! – ) Der Mixer zum Beispiel hat keine Chance. Keine Gemüsesuppe von mir, wo ich nicht jedes Gemüsestückchen per Hand zerschnipselt hätte. Selbst bei Reibekuchen (für eine 4-köpfige Familie) wird per Hand alles gemacht: alle Kartoffeln nicht nur per Hand schälen, sondern auch reiben. Da vergeht schon allein dabei fast eine Stunde (der Rest geht dafür ziemlich schnell) – und nicht selten muss die Haut meiner Finger auch geopfert werden.

Wenn es um den Abwasch geht, kann man gleich von einer durch meinen Luddismus sich hinziehenden Beziehungskrise reden, dazu einer ökofeindlichen. Denn – im Gegensatz zu meiner Freundin – tue ich mit Vorliebe per Hand abwaschen, während Sie eine mir unerklärlich nahe Beziehung zum Geschirrspüler aufrecht hält. Und so streiten wir jeden zweiten Tag, warum ich so wasser -und energieverschwenderisch nicht von meinen Vorlieben lassen kann – und meine Hände wiederholt in Abwasch-Unschuld wasche.

Ist es in Ordnung, daß ich Elektrogeräte derart umgehe, verachte, sie anfeinde? Ist es nicht höchste Zeit, sich zu einem Psychotherapeuten auf den Weg zu machen? Oder doch zu MediaMarkt?

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Machen wir eine Zeitreise, 20 Jahre zurück, ins Jahr 1994.

Italien. An die Macht kommt Silvio Berlusconi, ein vorbestrafter, korrupter Industrieller, mit seinem „Ein-Mann-Wahlverein“ Forza Italia. Seine Koalitionspartner: Neo-Faschisten der Alleanza Nazionale und Separatisten der Lega Nord.

Das Nachbarland Österreich macht sich Sorgen um die deutschsprachige Bevölkerung im Südtirol, einer Region, die vor wenigen Jahrzehnten noch zu Österreich gehörte, und eher zufällig an Italien kam. Und wo der Bevölkerungsanteil der „Deutschsprachigen“ immer noch über 50% liegt.

Wäre es legitim, wenn Österreich seine Militärtruppen ins Südtirol schicken würde – „um eine Destabilisierung der Region zu verhindern“? Selbst wenn es glaubwürdige Hinweise gäbe, daß die Alleanza Nationale einige zig Radikale nach Bozen per Zug geschickt hatte?

Wäre es in Ordnung, wenn österreichische Soldaten in unmarkieren Uniformen den Flughafen in Bozen stürmen und besetzen würden, sowie die österreichische Flagge auf dem Sitz der Regionalregierun hiessen?

Dürfte Österreich von der deutschprachigen Südtiroler Bevölkerung als „Österreicher in Südtirol“ sprechen?


Mitte Juni, endlich ist der Sommer da. Oder, besser gesagt: die Wärme, denn inzwischen kann man kaum erkennen, ob es noch einen Frühling oder schon den Sommer gibt. Kein Regen, keine Pfützen, kein frostiger Wind, kein April-Schnee. Hauptsache das fast tägliche „Raus und aufs Rad!“ macht wieder richtig Spaß.

Von wegen. Nicht, weil die Großstadt an sich daran schuld wäre. Denn in Vergleich zu vielen europäischen Städten ist Berlin an sich eine für Radfahrer sehr freundliche Stadt. Nun ja, meine betrübte Laune gründet sich doch in der Eigenschaft der Großstadt… daß außer mir noch so viele andere Menschen hier nicht nur leben, sondern radeln. Radeln wollen.

Auf den ersten hundert bis dreihundert Metern spüre ich in mir doch Freude. Das sexistische Ich erfreut sich am Anblick der sommerlich gekleideten Damen, das sportliche Ich an dem Gefühl der Bewegung durch eigene Muskelkraft, das ökologische Ich an der Tatsache, dass ich nicht wie oft im besagten Schnee-April doch das Diesel-Fahrzeug nahm, um meine Tochter in die nur wenige Kilometer entfernte Kita zu bringen benutzte. Denn spätestens nach einem halben Kilometer des Pedaltretens werden diese Ichs von dem immer wieder wiederkehrenden faschistischen Ich verdrängt.

Statt auf die Bewegung der eigenen Waden oder der nicht eigenen Busen zu achten, saugt sich meine Wahrnehmung und die Gedanken mit der Beobachtung, der Kritik, dem Ärger und schließlich der Verachtung aller anderen radfahrenden Verkehrsteilnehmer voll. OK, nicht allen, vielleicht nicht einmal der Mehrheit, doch es reichen einige Exemplare, um in mir die abscheulichsten Gefühle zu wecken und über sie die niederschmettersten Urteile zu fällen. Leute, die den Radweg mittig nutzen, und dabei telefonieren oder gar surfen (bei Smartphones wird dieser Unterschied ja verwischt). Liebes- oder Freundes-Pärchen, die sich fröhlich unterhaltend im lausigen Tempo nebeneinander fahren – überholen nur über das Ausweichen über den Bürgersteig möglich. Uni-Pendler mit Kopfhörern. Muttis und Vatis, die – ebenfalls auf dem Weg zu einer Kita – ihre Kinderlein mal weit vor oder hinter sich ohne jegliche Kontrolle oder Unterstützung einem unsicheren Schlingelkurs überlassen. Oder Ökotanten, die wohl gerade von einer sinn- und kraftspendenden Yoga-Stunde etwas benommen noch schlimmer zick-zack fahren, ihre Umgebung gar nicht wahrnehmend. Schlimmer als „normal“ Betrunkene auf zwei Rädern. Das alles natürlich auch in der mir entgegenkommenden Variante – also den Radweg in falscher Richtung befahrend. Da fallen Selbstmordkommandos der Fahrrad-Kuriere oder Fahrrad-Gruppenreisen aus Bayern kaum noch ins Gewicht. Schon eher amerikanische Touristen, die sich den „netten Kiez“ beguckend gar nicht auf die Idee kommen, dass es hier sowas wie Radwege gibt. Oder Hundebesitzer, die selbst zwar den Bürgersteig benutzen, dem Hund dennoch erlauben, bis zum Straßenrand seine Schüffeleien zu erlauben – über dem Radweg, dazwischen die meterlange Hundeleine als Falle für Menschen wie ich. Nicht, dass ich kein Mitgefühl für Hunde oder gar Angst um sie hätte. Vor allem für diejenigen, deren Besitzer im Radweg angrenzenden Straßen-Cafe sich sonnen, während der Hund daneben – eben auf dem Radweg – sein eigenes Nickerchen macht. Radfahrer, die ihren Richtungswechsel gar nicht mit Handzeichen andeuten oder Autofahrer fallen gar nicht mehr ins Gewicht, da bin ich ganz pragmatisch: Ich erwarte gar nicht, dass diese mich beim Abbiegen, Türe öffnen, Rechts-Vor-Links etc. beachten. Das ist vielleicht das gesündeste, vor allem im Vergleich zu dem sich aufstauenden Ärger über alle anderen.

Wobei, ich spüre nicht nur Ärger und Verachtung für all jene Idioten, die es nicht so richtig wie ich machen. Manchmal fürchte ich mich nicht nur um die Hunde, sondern sogar für Menschen. Zum Beispiel wird für mich folgende Szene immer wieder zum reinen Horror: Vater/Mutter mit Säugling an der Brust, auf der Straße hetzend, und dabei ohne Rücksicht die in der 2ten Spur parkenden Autos (meist Lieferwagen) überholend. Und nicht nur diese, sondern auch die davor wartenden Autos, mal rechts mal links, ohne zu bedenken, dass diese nur kurz warten, da sie gleich selbst zur Überholung des Lieferwagens ansetzen werden. Ein Überschlag des fahrenden Elternteils, und das Baby dient bei der Landung als Airbag. Und wenn sie den Überholvorgang überlebt haben, kann man getrost davon ausgehen, dass sie bei der nächsten Ampel diese kaum mehr als ein Fahrrad-Kurier beachten werden.

Ungefähr ein Kilometer an Weg und Beobachtungen wie oben – reichen mir. In doppelten Sinne. Wobei mir klar ist, dass es keinesfalls gut ist, dass sich meine Laune durch die Kritik an „allen außer mir“ zu einer Art Besserwisserei, Ärger, Verachtung, ja Faschismus wandelt. Ich mache alles richtig, alle anderen sind doof. Ich bin gut, ich bin der Über-Radfahrmensch, alle anderen sind des Radweges unwürdig. Wegsperren. Verbieten. Von rechts ankommenden LKWs zerquetschen lassen, landet doch alle im Kanal!… Diese negativen Gefühle fokussieren sich vor allem auf „der eigenen Spezie“, also nicht auf Autofahrern oder Fußgängern, sondern eben – an anderen Radfahrern… Nestbeschmutzer. Kein Wunder dass andere Autofahrer die hassen!… Bei dem Verkehrsverhalten!… Und kein Wunder, dass ich – als Radler – dann auch darunter leiden muss!

An einem sommerlichen Tag eines ziemlich heftigen Radfahr-Faschismus meinerseits auf dem Hinweg wurde mir einiges klar. Auf dem Rückweg. Durch den Park zurückfahrend folgte ich einem Afrikaner, und merkte, wie nützlich dieser entspannt fahrender Genosse für mich war. Seine Klingel schien kaputt zu sein, und klingelte fast ununterbrochen. Der Park war mehr als voll, und seine Klingel ebnete und den Weg: vorne er, ich im Windschatten. Endlich, endlich ein Radler, der mir nicht nur sympathisch war, sondern dem ich sogar dankbar war. Dann merkte ich – noch bevor ich zu mäkeln anfing, wie viele Radfahrer es vernachlässigen, nicht nur ihre Klingel regelmäßig zu warten – dass meine Klingel auch kaputt war. Doch anders als die des Mannes vor mir. Meine ist durch den Winter wohl so eingerostet, dass sie keinen Klang mehr hergab. Da erinnerte ich mich an den Vormittag, den hasserfüllten Weg „voller Idioten“ – ich war ja gar nicht in der Lage, diese durch normales Klingeln zu warnen. Wie sollten die Nebeneinander-Pärchen oder die Eltern mit Kindern erfahren, dass ich überholen möchte? Oder der Yuppie im Cafe mit seinem gefährdeten Hund? Hätte ich eine funktionierende Klingel, hätte ich vielleicht sogar die Yoga-Tante „geweckt“… Demütig kehrte ich nach Hause zurück, mit dem Gedanken, sich an die eigene Nase zu fassen, und außer der Klingel auch die Bremsen und Lichter zu überprüfen. Und vor allem sich selbst.