Vier Wochen der 40tägigen Fastenzeit habe ich es geschafft fleischlos zu leben. Mit „fleischlos“ meine ich meinen Lebensmittelkonsum – denn weder wurde ich zum Geist noch habe ich sexuelle Enthaltsamkeit geübt. War an sich bisher nicht so schwer: erstens, weil wir in der Familie ohnehin höchstens zwei mal pro Woche „Fleischgerichte“ hatten, zweitens weil alle in der Familie mitmachen, und drittens – weil es gerade die Kinder waren, die auf fleischlose Kost drängten, schon lange vor der christlichen Fastenzeit übrigens. Also warum nicht mal versuchen.

Spannend an diesem Versuch sind vor allem die Diskussionen, die Überlegungen, die ethischen Für- und Wider. Das erste Dilemma kam schon nach zwei Tagen, und endete interessanter weise darin, daß wir beschlossen, Fleisch zu konsumieren. Die Frage war jedoch, was wir mit den „fleischigen“ aber nicht eingefrorenen Vorräten tun sollten, die noch im Kühlschrank waren – nämlich fünf bis sechs Salami-Scheiben, einem Eiersalat mit Fleischstückchen, und einer Pastete. Wir entschlossen uns, es wäre ethisch sinnvoller, alles zu verzehren statt weg zu werfen (verschenken kam irgendwie nicht in Frage…).

Inzwischen, nach wie gesagt vier Wochen, mache ich mir Gedanken über die Zukunft, und der Ausgangspunkt ist nicht nur der traurige, vorwurfsvoller Blick meiner Tochter („damit die armen Tiere nicht getötet werden…“), sondern auch ein Gedanke eines Veganers, der mir zwar herzlich unsympathisch war, dessen Argumentation aber ich nicht widersprechen kann: „Wir als Menschen haben es (inzwischen) nicht nötig, Tiere zu töten, um unsere Existenz zu gewährleisten.“ Damit hat er recht einfach mein Argument weggefegt, jenes lautete damals: „Würde ich einem Hai oder einem Tyrannosaurus begegnen, würde ich es ja auch ethisch unbedenklich finden, daß der Sieger dieser Begegnung den Unterlegenen bei Bedarf auffrisst.“

Gleichzeitig, eingedenk des „nicht nötig“-Arguments, kann ich nicht umhin zuzugeben, daß ich nicht perfekt bin. Daß ich trotz der theoretischen und ethischen Zustimmung – mir sicher bin, in Zukunft Lust am Fleischkonsum haben zu werden. Sei es ein scharfes, türkisches Würstchen, ein Fleischklösschen, sei es Ente, Wildschwein oder Kalb. Erst recht ein paar Krabben im Salat oder Heringe in Essig. Ich bin ja auch immer wieder mehr oder weniger fern anderer, eigens theoretisch aufgestellter Ideale, sei es bei Mülltrennung, sei es bei Ehrlichkeit, sei es beim Konsum, sei es im Familienleben. Ist zwar keine Entschuldigung für meine Fleisch-Schwäche, dennoch ein Stück realistischer Auto-Reflexion. Wobei es hier nicht um die Folgen für die Umwelt (CO2-Ausstoß und Wasserverbrauch der argentinischen Kühe) oder den gesundheitlichen Aspekt, sondern um ein direktes 1:1 Verhältnis zwischen mir und dem Tier, das ich verzehren möchte und an dessen Tod mitmache.

Daher frage ich mich, in wie weit und auf welche Weise ich meinen – wohl kommenden – Fleischkonsum gestalten soll, so daß es zumindest „ethischer als bisher“ wird. Also quasi „wie viel weniger böse kann ich als Teil des ganzen Bösen sein“. Zumal ich immer zu denjenigen Fleischkonsumenten gehörte, der sich ob im Restaurant oder vor der Fleischtheke jedes mal bewußt vor Augen führte: Nun wirst du ein Stück Tierleiche auf dem Teller haben, es zerschneiden, kauen, schmecken, schlucken – und höchstwahrscheinlich genießen. Hoffentlich. Und ich tat es – und dachte auch immer an jenes kirgisisches Schaf im Sommer 1992, welches mit uns im Kofferraum des alten sowjetischen Jeeps zum Picknick fuhr, um dann von unseren kirgisischen und russischen Freunden geschlachtet, zubereitet, gekocht und gebraten zu werden. Und gegessen.

Das erste – was ich ja schon praktizierte – ist einfach weniger Fleisch pro Woche zu konsumieren. Okay, einfach, abgehakt. Also weniger nicht notwendiger, aber leckerer Opfer.

Das zweite – meine Teilnahme am Tod meiner Opfers zu gestalten. Denn es ist ja klar, daß man als Fleischkonsument passiv als Komplitze mitmacht. Aber selbst wenn am Ende eine Tötung stattfindet, ist es nicht unerheblich, wie es dem Tötungsobjekt vorher so erging. Ob es ein paar Wochen oder Monate künstlich gemästet sich in einer Fleischfabrik drängeln musste um dann unter Stress zu verenden – oder ob es sogar länger und auf einer schönen Weide lebte und danach als Bio-Rind vom Bio-Schlachter eigenhändig getötet wurde. Punkt zwei also: Auf die Herkunft des Fleisches achten. Wobei auch hier zu bedenken ist, daß ein spanisches Bio-Rind vielleicht eine qualvolle Reise durch halb Europa erleben musste.

Da wir bei der Herkunft sind: Wäre ethisch gesehen eigentlich Wildfleisch nicht das beste, bzw. das am wenigsten schlimme? In den meisten europäischen Ländern ist die Herkunft des Wildfleisches ausnahmslos aus der freien Jagt, und diese ist nicht nur sehr reglementiert und beschränkt, sondern dient auch – beim Fehlen der natürlichen Feinde wie Wölfe und Luchse – der Umwelt des Waldes. Wild wird ja nicht gezüchtet, es läuft frei herum, bis es gegeben falls vom Jäger getötet wird. Also geht es dem Tier bis zum tödlichen Akt noch viel besser als einem Bio-Rind. Punkt drei also: Wenn schon, dann eher Wildfleisch kaufen oder bestellen.

Dazwischen, also zwischen dem Bio-Rind und dem freiem Wildschwein, sind vom ihrem Schicksal als potenzielles Lebensmittel die Meerestiere.  Einerseits werden sie wie Wild direkt in der Natur gefangen, leben also bis zu diesem Moment frei. Andererseits dauert es je nach Fang- und Verarbeitungsmethode auch nicht sofort, daß sie getötet werden – und sie somit länger leiden. Interessanterweise ist die Qual länger, wenn sie von einem marokkanischen Einzelfischer gefangen werden, als wenn sie ins Netz einen Riesen-Fischfang-Fabrikschiffes geraten  – denn im letzteren Fall wird meist sofort an Bord getötet, verarbeitet, konserviert.

Da wir bei Fischen und Krabben und sonstigem Meereszeug sind: Man könnte auch auf die Idee kommen, diese den Säugetieren als Lebensmittel zu bevorzugen (wenn man schon nicht verzichten kann), da sie vielleicht ein „niedrigeres Bewußtsein“ oder „niedrigere Empfindsamkeit“ hätten. Doch solche Argumente lasse ich weg, ich gebe mir nicht das Recht, den Wert eines Lebewesens höher als das eines anderes zu bewerten – Mensch inklusive. Wenn ich zu meiner Hai-Begegnung zurückkehren kann: Wäre im selben Moment nicht nur ich, sondern auch eine Ziege und ein Thunfisch in die Nähe des Hais geraten, würde mir nie in den Sinn kommen, zu argumentieren: „Lieber Hai, friss doch bitte eher den Fisch, dann das Tier, und erst dann mich Menschen!…“

Ideal wäre es natürlich, Fleisch zu bekommen, bei welchem nicht der Mensch, sondern das Alter, der Zufall oder ein anderes Tier den Tod des Tieres – und somit die Quelle des Fleisches – herbeigeführt hatten. Ich fürchte aber, daß dies aus hygienischen Gründen ohne einem GPS-Chip, welches den Tod melden würde an jedem frei und wild laufendem Tier – kaum zu schaffen wäre, Kadaver halten sich im Wald nicht so lange, die Fliegen und Ameisen sind recht schnell da…

Richtig problematisch wird es, wenn meine Kinder und dann ich auch davon überzeugt werden, daß auch Pflanzen Gefühle und Intelligenz besitzen – dann bleibt wohl nur noch Fallobst und vom Wind heruntergerissene Bohnen.

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Erst vor kurzer Zeit hatte ich die Gelegenheit, Ingmar Bergmans Filmdrama „Schande“ von 1968 zu sehen. Ich war tief beeindruckt daüber, wie diese Geschichte die persönliche ethische Verantwortung in einer Krisen- bzw. Kriegssituation darstellt.

Kurz zur Handlung: Das Ehepaar Eva und Jan Rosenberg lebt in einem einfachem, einsamen Landhaus auf einer Insel, in der Nähe eines Festlands mit einem kleinen Städtchen. Eine kleine, einsiedlerische Idylle zweier Künstler. Die jedoch von Außen durch immer deutlichere Anzeichen einer politischen Krise, ja vielleicht eines (Bürger-?)Krieges gestört wird. Sei es durch Zeitungsartikel, empfundene Unruhe und Gerüchte in der Stadt, oder gar durch tief vorbei fliegende Düsenjets. Einer Nacht landen plötzlich nicht näher identifiziertbare Militärs auf der Insel, stürmen das Haus, nehmen die beiden Einwohner kurzfristig gefangen, fragen diese aus. Und zerren die beiden schließlich vor eine Kamera, damit diese eine erzwungene, „spontane“ Erklärung über die Truppen abgeben – indem sie die Aktion als „Befreiung“ bezeichnen sollen. Was die beiden auch tun. Später ziehen die Truppen ab, der Grund ist ein starker Gegenangriff aus dem Festland. Das Ehepaar scheint nun wirklich befreit zu sein – doch zu ihrem Unglück beschließen die Autoritäten der Stadt, die beiden als Kollaborateure zu verhaften. Der Grund ist das… von allen über TV gesehene „Interview“ mit dem Lob über die „Befreier“…

Bereits hier kann man kaum halten, um nicht auszurufen: Ist doch wie Ukraine, ist doch wie Syrien, wie Zentralafrika! (etc. etc.). Denn Bergman hat – was den Film meiner Meinung nach zusätzlich auszeichnet – keine historischen, politischen oder ethnischen Bezüge oder nicht mal Anspielungen dargestellt. Man weiß nicht, welche Seite welche Ideologie oder Land repräsentiert, ob es sich um eine Zukunftsvision, Gegenwart, oder Vergangenheit handeln soll. Es gibt nicht mal die „Guten“ und die „Bösen“.

Doch, es gibt sie. Es sind jedoch nicht die militärisch-politischen Gegner, sondern die Menschen. Der Film fokussiert auf das Gute, wie das Böse, in Personen. Es geht um individuelle, ethische Werte, Sichtweisen, Entscheidungen – und somit das Handeln (oder Unterlassen).

Zurück zur Handlung: Jan und Eva sind im Arrest, man weiß nicht, was ihnen droht: Gefängnis, Todesstrafe, Verbannung, Geldstrafe?… In dieses Klima der Ungewissheit und der Angst – befeuert durch eine polizeilich-politische Obrigkeit der Autoritäten (die jede Erklärung, jede Kommunikation ablehnen) – tritt nun der Oberst Jacobi ein, der inzwischen in dem Städtchen die Rolle eines Verwalters angenommen hat. Jacobi ist ein alter Bekannter der beiden – und erwirkt nach einer Unterredung mit Eva die Freilassung des Ehepaars. Der Preis dafür – was Jan nicht erfährt – ist Jacobis Affäre mit Eva. Später besucht Jacobi die beiden auf der Insel, und übergibt Eva heimlich ein Bündel Geldscheine. Ein Preis für ihre „Dienste“? Das fragt sich auch Jan, als er beides gleichzeitig entdeckt: das im Schlafzimmer versteckte Geld und die Affäre Jacobis mit Eva (die er aus dem Fenster zufällig beobachtet). Kurz darauf wird das Haus erneut von Militärs umzingelt: diesmal sind es die aus der Stadt, die Jacobi der Korruption bezichtigen. Jacobi möchte sich retten, sein Plan ist, den Soldaten sein Geld anzubieten. Doch dieses ist auf einmal nicht da – Jan hat es versteckt, was Eva nun ahnt: Jan weiß von der Affäre, von dem Geld, und will sich an Jacobi rächen. Seine Rachegelüste gehen jedoch sogleich nach hinten los: Jacobi wird verhaftet, mißhandelt, und soll auf der Stelle exekutiert werden – und dies soll nun Jan ausführen, dem die Soldaten eine Pistole reichen. Nur so kann er beweisen, meinen diese, doch kein Kollaborateur zu sein. Er tut es.

Die Soldaten ziehen ab, Eva bleibt trotz Streit dennoch bei Jan – mit der Erkenntnis, ihn nicht mehr zu lieben und lieben zu können. Am Ende des Films fliehen beide in einem Flüchtlingsboot übers Meer, ein nur scheinbar offenes Ende, denn das Wasser ist zuende, und keine Rettung in Sicht.

Die Geschichte erinnert mich sehr an viele Schicksale von Menschen, die ähnlich wie Jan und Eva schwere Schicksalsschläge und Extremsituationen eines Krieges erlebt hatten – etwa im 2. Weltkrieg oder in den jugoslawischen Bürgerkriegen. Dabei kam es immer wieder vor, daß sie vor schwierigen ethischen Entscheidungen standen: Bleiben oder gehen? Sich passiv oder aktiv verhalten? Kollaborieren oder nicht – und mit wem und wann? „Patriot“ oder „Bürger“ zu sein? Bedrohte Nachbarn beschützen und unterstützen? Leben retten, und dabei das eigene Leben riskieren? Wie weit zu gehen um seine in Friedenszeiten deklarierten Werte zu verteidigen, zu leben? Gleichzeitig auch: der Versuchung widerstehen oder doch einen kleineren oder größeren Nutzen aus der Situation zu ziehen? Etwa den Nachbar als „Jude“ oder „Partisan“ oder „Moslem“ bei den Behörden verpfeifen – und danach sein Geschäft, seinen Job oder seine Wohnung zu übernehmen? Oder gar wie Jan – sich einfach für etwas rächen? Eine vor Jahren ausgespannte Freundin oder einen besseren Karrieregang?

Solche Entscheidungen – für etwas außergewöhnlich Gutes wie Böses – sind gerade in solch Extremsituationen häufig. Ich denke, daß trotz der Frage nach der Schuld für die Entstehung und Fortführung der Kriege und Konflikte – wofür meist zurecht eher die politischen, wirtschaftlichen, religiösen und militärischen Eliten verantwortlich sind (aber nicht nur) – die Frage nach dem ethischen Verhalten in Fällen wie Eva und Jan dennoch persönlich, individuell bleibt. Man kann sich als Person, in solchen Situationen, dieser Verantwortung, der Fragen und der Antworten nicht entziehen. Jedes Handeln wie Nicht-Handeln ist eine Antwort, eine Entscheidung. Für die es – was die Sache schwieriger macht – nie die eindeutige Bewertung geben kann. Weder eine 100%ig verurteilende noch eine, die uns sagt: Du hast vollkommen richtig gehandelt. War es wirklich notwendig, daß sich Eva Jacobi ausliefert? Wäre sonst die Folge eine Exekution – oder nur ein kurzes Gefängnis? Oder gar nichts? Hat sie voreilig oder fürsorglich gehandelt? Aus Angst oder Gier? Zumal – warum hat sie die Affäre fortgesetzt? War sie auch dazu gezwungen? Dachte sie, gezwungen zu sein? Hat sie darin eine „fortgesetzte Sicherheit“ gesehen? Oder gar – wollte Sie Jan eine Lektion erteilen „wie man im realen Leben zurecht kommen muß“? Und überhaupt Jan: Kann eine persönliche Verletzung durch den Betrug der Ehefrau sein Handeln irgendwie rechtfertigen? Oder „nur“ verständlich machen? Hätte er die Folgen seiner „kleinen Rache“ (Geld verstecken) wissen können, wissen müssen? Zumal, als die Soldaten das Geld dann doch finden – wieso hat er verneint, das Geld sei seins, und bestätigt, es muss Jacobis Geld sein? Theoretisch hat er eigentlich die Wahrheit gesagt, in der Tat jedoch hat er Jacobi noch weiter ins Verderben gebracht. Oder hat er nicht ahnen können, daß man Jacobi gleich erschießen würde?…

Wie ich anfangs schon erwähnte: die Szenen des Filmes lassen mich schnell an aktuelle Konflikte und Kriege denken. Und an genau solche zwischenmenschliche Situationen voll ethischr Zwiespalte. Jan und Eva und Jacobi könnten derzeit genauso gut in einem Dorf nahe Donetsk oder in Mossul sein. Tausende, wenn nicht Millionen Menschen in Syrien, Zentralafrika oder Ukraine stehen jeden Tag vor harten Entscheidungen. Was tun, was nicht tun? Was sagen, wann lieber schweigen? Wann bleibt man standhaft, wann verbiegt man sich – und was davon ist wann sinnvoll, was zu rechtfertigen? Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Zumal es eine klare, eindeutige Antwort nie geben wird – auch nicht vom eigenen Gewissen.

 

Ich selbst hatte bisher das Glück, nicht in einem Krieg zu leben und nicht in eine solche Situation zu geraten. Ich hatte jedoch eine „light version“ einer solchen Situation, bei der ich mein Verhalten bis heute verurteile. Es war im Frühjahr 1999 in Bosnien-Herzegowina, ich besuchte alleine das Städchen Visegrad im Südosten des Landes. Visegrad war dafür bekannt, eine der „dunkeltsten“ und extremsten „Nester“ serbischer Nationalisten zu sein, ebenso wie für grauenhaften Vertreibungen und Morde an muslimischen Einwohnern 1992 am Anfang des Krieges. Ich war dennoch absichtlich dort, da ich der Meinung war, daß man – als Mitarbeiter einer „westlichen“ NGO – gerade in schwierigen Zeiten (der Kosovo-Krieg und Bombardierungen Rest-Jugoslawiens haben gerade vor wenigen Wochen begonnen) in diese Gebiete fahren sollte um weiterhin Präsenz zu zeigen. Um mit lokalen Kollegen wie sonstigen Menschen einfach zu reden. Entgegen der streng verfassten Fax-Schreiben sämtlicher Botschaften, die „von Reisen in diese Gebiete vorübergehend dringend abraten“. Ich wurde auch trotz der fremdsprachigen Logos auf meinem Auto freundlich aufgenommen, hatte viele gute Gespräche, die vielleicht nicht die weltpolitische Lage entspannt, so doch vielen Menschen gut taten. Und dann kam das eine lange nächtliche Gespräch bei Dragan, den ich vorher nur flüchtig kannte – und der mit Unterkunft für diese Nacht in seiner Wohnung anbot. Es wurde schnell klar, daß dieser 20jähriger junger Mann ein harter serbischer Nationalist ist – oder sich zumindest so darstellte, wie ich gehofft hatte. Wir sprachen viel über Geschichte, Vorurteile, den Krieg, sein persönliches Schicksal. Es war ein ehrliches, tief gehendes Gespräch – er erzählte vom Tod seines Vaters in Sarajevo am Anfang des Krieges (wofür er die Moslems nun hasse), er bestätigte aber auch (wie kaum jemand zuvor in Visegrad), daß es 1992 tatsächlich zahlreiche Kriegsverbrechen hier gab. Im Laufe des Gesprächs machte ich einen Fehler, den ich mir bis heute nicht verzeihen kann. In der Hoffnung, ihn weiter zu positiven Aussagen zu bringen, wie daß andere Ethnien „an sich“ auch gut seien oder daß Krieg und Gewalt abzulehnen sind und friedliches Zusammenleben, „irgendwie“, das beste sei – habe ich einen Handel angefangen. Ich meine einen taktisch-rhetorischen Handel, in dem Sinne: Ich mache dir ein Zugeständnis, komme dir und deiner Sichtweise etwas entgegen – und dafür kommst du meiner entgegen. Dabei habe ich einige seiner Vorurteile über Kroaten und Moslems teils bestätigt – ohne es wirklich zu denken.

Ob es unsere Diskussion oder gar Dragans Sichtweise positiv beeinflusst hat, weiß ich nicht. Ich bezweifle es eher. Es wäre nicht notwendig gewesen, denke ich jetzt, denn schon alleine meine Anwesenheit und das Gespräch waren ihm wichtig. Geschadet hat mein „Verrat“ auch niemandem wirklich. Und dennoch blieb für immer ein mulmiges, bitteres Gefühl. Ich fühlte mich vielleicht nicht wie Judas, aber schon ein bisschen wie Petrus, der seine Freunde verrät. Da half es auch nichts, später meinen nähesten muslimischen oder kroatischen Freunden von meinem „Verrat“ zu beichten. Auch nicht der Gedanke daran, daß Dragan kurz davor eine Handgranate aus einer Blumenvase zog, um mich damit etwas zu beeindrucken oder besser argumentieren zu können („Verstehst du jetzt, warum es hier nie Frieden geben wird?…“) – was zusammen mit dem Ort (Visegrad) und der angespannten Lage draußen (Jugoslawien-Krieg) dennoch nicht als Ausrede gelten kann. Nachträglich blieb das Gefühl der Scham, und nach Bergmans Film würde ich sogar sagen – der Schande. Sowie der wichtigen Erkenntnis, daß ich nie 100% sicher sein könnte, in einer ähnlichen Lage nicht wie Eva oder Jan sich zu verhalten…

Der Mensch ist gut

Januar 8, 2015


Die Welt ist schrecklich. Das Leben ist so schlimm. Was für grauenhafte Sachen die Menschen sich und der Natur antun. Nichts als Kriege, Terror, Seuchen, Ausbeutung, Armut, Umweltverschmutzung, Gier und Haß.

Die fröhliche Weihnachtszeit läutet gleichzeitig das Ende eines Jahres ein. Und am Ende eines Jahres, wie am Ende eines jeden Tages, wird oft eine kritische Bilanz des Vergangenen gezogen – ob im Jahresrückblick oder als Fazit einer zehnminütigen Nachrichtensendung. Der Blick in die Geschichtsbücher einerseits, wie der Blick ins Internet oder die Tageszeitung scheint uns nicht nur in der Kritik des Vergangenen, sondern auch im Pessimismus zu bestärken: Die Welt ist böse. Das Leben ist schlecht. Der Mensch handelt und ist schlecht.

Doch die Lust zur Kritik soll nirgends halt machen – auch nicht vor gerade diesem „Welt-und-Mensch“-Pessimismus. Ist es gerechtfertigt, alles so negativ zu sehen? Sind Kriege, Terror, Seuchen, Ausbeutung, Armut, Umweltverschmutzung, Gier und Haß tatsächlich das Überwiegende und das Bestimmende in unserem Leben, in dieser Welt?

Was „die Welt“ angeht – als Universum – können wir erst mal entspannen. Denn im Vergleich zu dem Universum, zeitlich wie räumlich, hat das Geschehen auf unserem Planeten nicht mehr Bedeutung als die Elektronenbewegungen eines Sandkorns eines Sonnensystems. Außer natürlich, daß irgendwo Planeten existieren, deren Leben und Entwicklung noch schlimmer als unsere wären – doch das wissen wir nicht, und daher sollten wir uns darüber erst mal keine zu großen Sorgen machen.

Bleibt also unser Planet. Geschichtlich betrachtet würde ich die „Sonderstellung der heute so schlimmen Zeiten“ relativieren. Die Statistik kann da sehr hilfreich sein, auch wenn mir bewußt ist, daß diese manipulierbar ist. (Nicht mehr jedoch als andere Fakten, Darstellungen und Aussagen). Noch nie war die Lebenserwartung des Menschen so hoch. Noch nie war der durchschnittliche Lebens- und Gesundheitsstandard des Menschen so gut. Im Vergleich zum Lebensalltag vor 10.000 Jahren leben wir gesünder, sicherer, länger. Andererseits: noch nie hat eine Spezies (Mensch) so viele andere in so kurzer Zeit ausgerottet. Nie so sehr das Klima verändert. Das Verhältnis Gewalt & Krieg pro gelebtes Menschenjahr ist deutlich gefallen. Andererseits, wenn schon ein Krieg stattfindet, hat sich seit dem 20. Jh. das Opferverhältnis Zivilisten zu Soldaten deutlich Richtung Zivilisten verschoben. Die Demokratisierung der Erde wächst, die Demokratiequalität selbst scheint sich zu verschlechtern. Die absolute Armut sinkt – doch die empfundene Armut, also die relative, wächst. Aber lassen wir die Statistiken und Wahrscheinlichkeiten. Diese lasse sich, wie gesagt, lange und verschiedentlich interpretieren.

Denn – die Länge des Lebens oder die materielle oder gesundheitliche Qualität ist eben nur eine Zahl, nur ein Wert. Die entscheidende Frage ist, ob der Mensch in seiner Zeit glücklich war und ist. Gute Gesundheit hilft nicht gegen Vereinsamung, langes Leben nicht gegen Angstgefühle, Frieden nicht immer gegen Langeweile, materieller Wohlstand nicht gegen Frust.

Ich denke, daß bei der Frage „Ist diese Welt und dieses Leben so schrecklich?“ das subjektive Gefühl am Ende des Jahres oder am Ende der Nachrichtensendung einer nüchtern-positiven, ebenfalls subjektiven Betrachtung weichen sollte. Ich behaupte, die Welt ist nicht so schlecht, das Leben nicht so mies, und der Mensch nicht so böse.

Ich behaupte gar, der Mensch sei gut. Der Mensch ist „mehrheitlich“ gut, um zu präzisieren. Denn natürlich machen wir alle Fehler, haben in uns Gefühle wie Gier, Neid, Abneigung, Eifersucht, Aggression, und gar Haß. Doch – wenn wir nicht „die Welt“, sondern uns selber mal betrachten und bewerten sollten, ob nach einem Tag oder nach einem Leben – würden wir immer noch behaupten, „alles sei so schlecht, so grauenhaft“? Wie sieht denn unsere „subjektive Tagesstatistik“ aus, von 0:00 bis 24:00 Uhr? Sechs bis acht Stunden Schlaf sind erst Mal mindestens neutral zu bewerten. Die Tätigkeiten des Tages – ob im privaten, oder beruflich – auch eher neutral. Wenige von uns sind rücksichtslose, gierige Hedgefondsmanager bei Goldman Sachs oder arbeiten als psychopathische Folterspezialisten im nordkoreanischen Innenministerium. Klar, es kommt vor, daß man mal jemanden schief ansieht oder anspricht, daß man jemandem absichtlich „im Regen stehen läßt“, daß man sich vordrängt oder über einen Dritten böse tratscht. Doch im Allgemeinen denke ich, daß eine überwiegende Mehrheit der Menschen ziemlich wenig Böses so an dem Tag liefert. Mehr noch. Das Meiste unserer Tätigkeiten, Worte und Gefühle (und auch der unterlassenen Taten, Worte, Gefühle, Wünsche und Gedanken) ist neutral, also weder böse noch gut. Und wenn „uns selber gegenüber gut“ – kann man dies als „unschädlichen Egoismus“ einstufen, für die Anderen also auch als – neutral. Wenn man nun das Neutrale unseres Tages (oder Lebens) abzieht, behaupte ich, daß das Gute dem Bösen überwiegt. Auch wenn es scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten sind. Ein Lächeln oder freundliches Wort beim Einkaufen: ob von uns an den Verkäufer, oder von der Bäckerin uns gegenüber. Ohne daß wir was davon haben. Der Hinweis an einen Fremden in der S-Bahn, daß sein Rucksack offen ist. Ich denke an meine Nachbarn, an die Familie, an den nähesten Kiez, aber auch an die Menschen, die ich über Jahre in verschiedenen Ländern und aus verschiedenen Kulturen getroffen habe. Mein Urteil mag eine optimistische, verklärte Hybris sein: doch mir scheint, daß die guten Taten und Worte jener Menschen den schlechten klar überwiegen. Keiner ist ein „Engel“, aber noch weniger ein „Dämon“ – die meisten sind neutral, im Überlebenstrieb egoistisch und dennoch auch altruistisch. Und darüber hinaus, und das ist das spannende, sogar über den „gesunden Altruismus“, irgendwie „irrational“ – immer wieder eine Quelle für eine gute Tat und ein gutes Wort. Wobei ich nicht vergesse, daß es – leider – einen Multiplikator-Effekt gibt (ob technologisch oder soziologisch erklärbar): Daß ein Mensch oder wenige Menschen viel Böses anrichten können. Sei es ein Terrorakt oder eine wirtschaftliche Entscheidung, sei es das Schüren von Gier oder von Haß. Doch mag es noch so viele Kriege und Ausbeutung geben – die Summe der menschlichen Lebensaugenblicke bewerte ich dennoch eher positiv als negativ. Ob im „langweiligen westlichen Alltag“ oder in einem Kriegsalltag. Denn gerade in Extremsituationen zeigt sich auch eine extreme Hilfsbereitschaft, Tapferkeit und Solidarität unserer Nächsten und auch in uns selbst.

Hinzu kommt, daß – genauso wie die Bilder von Katastrophen oder Kriegen uns erschüttern und bedrücken – genauso sind es die „kleinen guten Sachen“ des Alltags, gerade die „irrationalen“ weil grundlosen, die uns erhellen und erwärmen, uns glücklicher machen. Ein gutes Wort kann manchmal einen ganzen Tag fröhlich machen, ein geschenktes Brot oder Stück Wurst mehr als nur biologisch satt machen. Ein guter Witz oder ein Kinderspruch kann gar viele Tage immer wieder die Laune heben. Ein ehrliches „Danke“ eine starke Motivation sein. Wieviel Glück bringen jeden Tag Millionen Geburten, Milliarden gute Worte, wie viel Glück Millionen (wenn nicht Milliarden) Küße oder Handschläge, und Abermilliarden guter und freundlicher Blicke.

Das alles bedeutet nicht, daß die Welt an sich 100% gut und toll ist. Man soll nicht vor dem real existierenden Bösen und Schlechten die Augen verschließen. Aber auch nicht der – ob nachrichtenbefeuert oder nicht – gemütlichen Passivität des Couch-Defätismus verfallen.


In Deutschland, ähnlich wie in den meisten westeuropäischen Ländern, scheint das Gute über das Böse gesiegt zu haben: Man glaubt – wenn man schon an ein Jenseits glaubt – eher an „den Himmel“ als an „die Hölle“. (Quelle:  http://de.statista.com/statistik/daten/studie/34/umfrage/meinung—christliche-glaubensinhalte/)

Der Glaube an Gott und das Jenseits hat kontinuierlich seit den letzten 250 Jahren abgenommen. Interessanterweise hat aber der Glaube an „den Teufel“ und „die Hölle“ viel stärker an Bedeutung verloren. Sind wir so gerne Optimisten? Oder ist vielleicht der Gedanke an die Existenz des Bösen – auch als ein Jenseits – irgendwie unangenehm, macht es gar schlechte Laune?

Bekannt ist, daß beide Konzepte des Jenseits – „der Himmel“ und „die Hölle“ – jahrhundertelang als „Zuckerbrot und Peitsche“ dienten – und daß die Europäer diese Ideen aufklärerisch verworfen haben. Dennoch: warum ist gerade „die Peitsche“ so in den Hintergrund geraten, während sich „das Zuckerbrot“ immer noch einer ziemlichen Popularität erfreut? Ist ein Glaube, welcher nach dem Ableben eher von einem „guten und schönen“ als von einem „bösen und häßlichen“ Dasein ausgeht – nicht reines Wunschdenken?

Als Menschen ist es uns unmöglich objektiv zu urteilen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit es im Jenseits einen „Himmel“ oder/und eine „Hölle“ geben kann. Es bleibt der persönliche, subjektive Glaube – gewonnen aus Überlieferung, Lehre, aus meditativer und/oder gedanklicher Erkenntnis. Wieso mündet aber dieser Glaube in so überwältigender Mehrheit im extrem Optimistischen? Wäre es so abwegig anzunehmen – egal mit welcher Wahrscheinlichkeit – daß es auch ein „höllisches“ Jenseits geben kann? Oder, noch mehr: daß es nur ein solches Jenseits gibt? (Wodurch übrigens die Idee der „strafenden“ Peitsche obsolet wäre).

Zeugt ein stärkerer Glaube an ein „Happy-End-Jenseits“ nicht davon, daß es eigentlich kein aus Erkenntnis gewonnener Glaube, sondern bloß ein egozentrisches und naives Hoffen ist? Wenn ich an den nächsten Tag denke, gehe ich ja auch nicht davon aus, daß es auf jeden Fall Sonnenschein und klaren Himmel geben wird. (Natürlich auch nicht unbedingt davon, daß mich Gewitter mit Hagel erwartet). Kurz vor dem Einschlafen kann ich auch nicht davon ausgehen, daß ein schöner Traum wahrscheinlicher als ein Albtraum sei – oder gar kein Traum.

Anderer Erklärungsversuch: Vielleicht sind die Menschen weiterhin von der „Zuckerbrot und Peitsche“-Idee überzeugt, wobei sie tatsächlich glauben, sich ein „himmlisches“ Jenseits auch verdient zu haben?

Noch eine Möglichkeit – intellektuell auch nicht sehr schmeichelhaft für den Menschen – wäre, daß wir als Reaktion auf eine kritische Sicht auf die Welt um uns automatisch annehmen, ein Jenseits müsse viel besser, schöner, relaxter sein. Und was, wenn das „Leben danach“ nicht besser und nicht schlechter als das irdische Leben ist? Könnte die Bandbreite unserer Jenseits-Erwartungen nicht gleichmäßig verteilt werden zwischen den beiden Extremen, „Himmel“ und „Hölle“?


In manchen Ländern gibt es vor allem in den regionalen Tageszeitungen einen besonders spannenden Teil, genannt „Schwarze Chronik“. Dort wird jeden Tag von Mord & Totschlag, Überfall, Raub, Betrug und anderen Verbrechen berichtet. Wenn man sich die Wirtschafts-Teile der führenden europäischen Tageszeitungen ansieht, könnte man diese ebenso in „Schwarze Wirtschaftschronik“ umbenennen, vor allem dank der Banken und ihrer Geschäfte: Bankautomat-Abzocke, Beratungsbetrug, LIBOR-Manipulationen, Beihilfe zu und eigene Steuerhinterziehungen, Lebensmittel-Spekulationen, und zuletzt der Devisenhandel-Skandal. Die Banken liefern wöchentlich, wenn nicht täglich, neue Geschichten, die einen erschaudern lassen.

Wirklich erschaudern lassen? Ja, vielleicht. Doch mehr passiert oft nicht. Damit meine ich nicht das Eingreifen des Staates, der Regulierungsbehörden und des Staatsanwälte – wobei auch diese Zurückhaltung zu kritisieren ist. Ich meine „uns“, die Kunden dieser Banken. Nur wenige tun mehr als „erschaudern“, nur weniger ziehen Konsequenzen – indem sie die Bank wechseln. Es scheint, daß der Kunde und „aufgeklärte Bürger“ in anderen Fällen eher und entschlossener handelt, um seinen Protest kund zu machen oder gar sein langfristiges Verhalten zu ändern: (wer es sich leisten kann) wechselt „dank“ Lebensmittel-Skandale mehr zu „bio“, wem die Arbeitspolitik einiger Discounter oder Bekleidungsketten nicht passt – geht nicht mehr hin. Wenn ein Telekommunikationsunternehmen ihre Internet-Angebote ändert oder die versprochene Mobilfunk-Bandbreite nicht gewährleistet – Scheiß-Stürme der Entrüstung. Wegen der Sorge ums „Klima“ wollen wir weniger fliegen und mehr Radfahren (ein Elektroauto kann sich noch nicht jeder leisten). Doch beim Thema „meine Bank und mein Geld“ scheint der Mensch viel zurückhaltender zu sein… Nicht einmal die Finanzkrise, die die Absurdität und Instabilität des Banken- und Finanzwesens offenbart hatte, hat wirklich nennenswerte Wechselbewegungen der Bankkunden erzeugt.

Sind diese Menschen zu träge, zu gestresst, zu ängstlich, oder zu naiv, um den Weg zur Bankfiliale zu machen und ein Konto zu kündigen? Kann es vielleicht sein, daß so viele Kunden „ihren“ Banken noch immer vertrauen? Oder eher, daß man deren kriminelle Geschäftspraktiken nicht nur „schluckt“, sondern – still und leise – doch froh ist, wenn eine Bank „ein gutes Ergebnis“ macht – und damit die Sparbuch-Rendite sichert? Oder wollen viele Kunden einfach glauben, „ihre“ Bank sei ja „gar nicht so böse“? Klar, nicht jeder hat ein Konto, Sparbuch oder sonstige „Dienstleistung“ bei der Deutschen Bank, Citi, UBS, JP Morgan oder der Commerzbank. Doch auch jedem Kunden der Postbank (wie auch der Sal. Oppenheim) müsste klar sein, daß auch er damit nur der Deutschen Bank sein Kapital zum spielen überlässt. Und auch die Targo-Bank ist nur eine – ausgerechnet wegen des schlechten Image während der Finanzkrise – umbenannte Citibank.

Denn mit jedem einzelnen Euro, den wir einer verbrecherischen Bank überlassen, helfen wir ihr. Man muss kein Großkapitalist oder Millionenerbe sein, es reicht ein Girokonto – das Prinzip ist das gleiche. Mit jedem Euro, den eine Bank dank uns zur Verfügung hat, kann sie Geschäfte machen: legale, illegale, halblegale. Mehr noch – jeder unserer Euro hilft als Einlage der Bank noch mehr Kapital von der Zentralbank zu leihen – um damit dank des Leverage-Effekts noch größere Geschäfte zu treiben.

Vielleicht gibt es noch einen Grund, warum manche „die Großen“ (Banken) mögen – „der Staat wird die Bank – und somit meine Ersparnisse – schon nicht fallen lassen.“ Was bei kleineren, weniger bekannten Bankinstituten vielleicht nicht so sicher scheint. Viele Bankkunden spielen also dasselbe „moral hazard“-Spiel wie die Bankvorstände: Man gewährt riskante und/oder unmoralische Geschäftspraktiken, hoffend auf eine bessere Rendite – und geht davon aus, daß der Staat schon aushelfen wird, sollte was schief gehen. (Wem sind übrigens die „Griechenland-Hilfen“ zugute gekommen? Den Griechen? Dem griechischen Staat? Nein – den deutschen und französischen Banken, und vor allem ihren Kunden.)

Ich würde von niemanden erwarten, a priori jede Bank zu verdächtigen und gar kein Konto zu haben. Doch sobald es nachweislich bekannt wird, daß eine Bank krumme Geschäfte zu verantworten hat – hat jeder Kunde zu verantworten, daß er diese Bank nicht verlößt.

Es ist auch keine Ausrede von einem baldigen Bankencrash auszugehen, und zu sagen: „Bald bricht das ganze System sowieso alles zusammen, also was muss ich da viel ändern…“

Es reicht auch nicht, auf Handlungen des Staatsanwalts oder auf neue Gesetze zu warten. (Das kann dauern…)

Ich weiß, der Weg zur Bankfiliale mit dem festen Vorsatz „bei denen bin ich jetzt aber weg!“ kann sich in der Praxis schnell dahingehend wandeln, daß man auf dem Weg zurück nach Hause das Konto nicht nur nicht gekündigt hat, sondern noch mit einem zweiten Konto und einer Rentenversicherung oder Kredit zurückgekehrt – die Bankenberater haben ja einiges drauf. Doch die Mutprobe lohnt sich. Und gerade in Zeiten der Nullzinsen sollte es nicht so schwer fallen, zu überlegen, ob man einem Betrüger sein Geld weiterhin zur Aufbewahrung überlassen sollte. Außer man will ja mitmachen – und sich so zum Komplizen einer kriminellen Bank machen.


Bei den Koalitionsverhandlungen im Spätherbst 2013 zwischen CDU/CSU und SPD war schnell ein Punkt klar: die von der SPD angedachte Wiedereinführung einer Vermögenssteuer ist bei den Unions-Parteien nicht durchsetzbar, quasi ein Tabu. Auf jeden Fall ein größeres als die Möglichkeit einer Einkommenssteuer-Erhöhung. Ich fragte mich schon damals: Warum ist man eher geneigt, das Einkommen als das Vermögen zu besteuern? Nur weil man doppelte Bersteuerung ablehnt, oder etwa, weil man Sparen nicht bestrafen will, ein Verdienen jedoch schon? Eine Vermögenssteuer bezieht sich ja auf das zu einem Zeitpunkt angesammelte Vermögen – egal ob es Bargeld, Sparbücher, Immobilien oder Yachten in Monte Carlo sind. Eine Einkommenssteuer jedoch gründet sich auf dem jährlichem Einkommen – also auf der Vermehrung des Vermögens. Selbst wenn das bisherige Vermögen an sich – etwa durch Wertverfall – sinken sollte, ist das neue Einkommen – etwa durch ein Gehalt oder Lottogewinn – dessen Erhöhung. Werden durch eine Einkommenssteuer vielleicht die „fleißigen und emsigen“ Verdiener (von der FDP gerne als „Leistungsträger“ benannt) besteuert, während man die passiven „Auf dem Vermögen sitzenden“ verschont?

Klar, in der realen Politik sind vielleicht die Beweggründe für oder gegen eine Steuereinführung oder -änderung rein auf dem Haushalt begründete parteienübergreifende Psychologie: Durch welche Steuer kann ich dem Bürger etwas abknüpfen, ohne daß dieser zu sehr aufmüpft. An welcher Stellschraube drehen, daß der Schmerz ausgehalten wird – oder welche Schraube lockern, damit ich eher gewählt werde.

Ich möchte mich hier jedoch nicht mit Realsteuerpolitik befassen, auch nicht mit der Frage nach einer generellen Erhöhung/Senkung der Steuerquote oder mit der Analyse der Ausgaben. Nicht einmal mit der Frage, ob und wann die Ausgaben vollständig durch Steuereinnahmen gedeckt werden oder nicht (Haushaltsdefizit oder -überschuß, Schulden).

Mein Interesse gilt den Prinzipien und Ideen verschiedener Besteuerungsvarianten, vor allem mit der Alternative zwischen der Einkommens- und der Vermögenssteuer, sowie dem Sinn und den Auswirkungen verschiedener Steuerarten.

Manche Steuern – ich gehe hier von Theorie und Idealen aus! – sind direkt erklärbar und klar begründet. Eine „Öko-“ (=Energie-), Tabak- oder Alkoholsteuer dienen als Demotivation zum ungesunden oder umweltschädlichen Lebensstil. Eine PKW-Steuer dient zur Aufrechterhaltung der Straßeninfrastruktur, eine Immobilien-Steuer (Grundsteuer) der Stadtinfrastuktur, der Solidaritätsbeitrag soll der Hilfe und dem Aufbau mancher Regionen dienen. So weit so gut so klar (auch wenn so idealistisch).

Bei der Mehrwertsteuer – einer der besten Einnahmequellen – wird der Konsum besteuert. (Somit ist mir diese Steuer als Steuerart eine der liebsten: Es ist ein Mittel zur Regulierung des Konsumismus). Die Einkommenssteuer konzentriert sich auf den laufenden (kurzfristigen – 1 Jahr) Zuverdienst eines Bürgers. (Ähnlich wie dieses könnte man übrigens auch die Erbschafts- und Schenkungssteuer betrachten: als Zuverdienst eines Einzelnen in einer Zeitperiode.) Die Vermögenssteuer hingegen wäre eine Steuer auf die bis zu einem Zeitpunkt (z.B. 31.12. des Jahres) summierten Vermögen.

Warum wird in den meisten Ländern nun das Dazuverdienen höher besteuert als das „Schon-Haben“? Sollen – wie bei der Tabaksteuer oder Mehrwertsteuer die Menschen vom Verdienen abgehalten werden, ist es gar ein stoisch-asketischer Hinweis: „Renn weiterem Geld nicht so hinterher!“ ? Während man diejenigen, die das Verdiente in den Vorperioden nicht verprassten, sondern angespart hatten – verschonen will? Ist die Ablehnung der Vermögenssteuer und die Bevorzugung der Einkommenssteuer ein Plädoyer für weniger Konsum und weniger Arbeitsstunden? Dabei ist eigentlich jedes Einkommen sofort ein (neuer) Teil des Vermögens.

Mein Vorschlag zur Besteuerung, im Konkreten (bezogen auf die Balance zwischen Einkommenssteuer und Vermögenssteuer) wäre: Das kurzfristige Neu-Vermögen, also das Einkommen, genauso wie das langfristige Vermögen zu behandeln. Und zwar, indem man die Einkommenssteuer komplett abschafft. Dafür – dieselben Einnahmen – über die Vermögenssteuer hereinholen. Dieser Ansatz gründet sich nicht auf moralisierenden Motiven für eine Steuer („spare mehr“, „gebe mehr aus“, „trink nicht“, „lebe gesund“, „verdiene nicht so viel“ etc.), sondern auf dem Kosten-Nutzen-Prinzip eines Steuerzahlers in seinem Gemeinwesen.

Ich denke, je mehr jemand hat (=Vermögen), desto mehr beansprucht er das Gemeinwesen. Je mehr Fabriken, Sportwagen, Immobilien oder Sparbuch-Verträge ich besitze – desto mehr nutzt mir der gemeinsame Staat mit seinen Funktionen. Sei es durch Sicherheiten (Schutz meines Vermögens, auch wenn indirekt: durch Sozialpolitik, Außenpolitik, Polizeiarbeit oder das Militär), durch Freiheiten (Währung, Verträge mit anderen Ländern, Kapitalverkehr), oder vor allem durch Infrastruktur (Telekommunikation, Verkehr, Bildungsniveau). Dadurch ist es legitim, auch überproportional zu besteuern: Wenn jemand 1000 LKWs hat, nutzt ihm der Staat pro LKW mehr als jemanden, der nur einen hat. Wer 100 wertvolle Bilder in seiner Wohnung hat, dem nützt die Sicherheitslage „pro Bild“ mehr als dem Nachbar, der nur drei hat. Man könnte es auch die „economy of scale“ des Gemeinwesens nennen.

Nun, es stimmt – dieses Kosten-Nutzen-Prinzip gilt genauso bei Besteuerung des Einkommens: Wer 1000 LKWs hat, dem nutzt das Gemeinwesen mehr auf dem Weg zu seinen laufenden / neuen Einnahmen, als dem, der eben nur einen hat etc. Der Haken ist jedoch: bei einer stärkeren Besteuerung des Einkommens als des Vermögens wird das Vermögen der „wirtschaftspassiven“ Bürger weniger als das der „wirtschaftsaktiven“ besteuert. Dabei werden aber beide Vermögen in gleichem Umfang vom Staat geschützt.

Ein Beispiel:

Person A hat eine Immobilie (Wert 100.000), ein Sparbuch (50.000) und verdient im Jahr 2014 100.000.

Person B hat ebenfalls eine Immobilie (100.000), Sparbuch (150.000), und erhält im Jahr 2014 nur eine moderate Rente. (Immobilien werden selbst genutzt, Sparbuch wirft nichts ab).

In Deutschland zum Beispiel wäre Person A viel höher besteuert als Person B – obwohl das vom Staat zu schützende Vermögen bei B. höher ist. Zwar nutzt dafür A. das Gemeinwesen mehr, um auf seine 100.000 Zuverdienst zu kommen. Doch hier wird offensichtlich Aktivität höher als Passivität besteuert.

Bei einer kompletten Abschaffung der Einkommenssteuer würde man einfach nur am Jahresende die bis dahin angesammelten (oder verminderten) Vermögenswerte pro Bürger besteuern. Für die Mehrheit der Bevölkerung wäre dies ohnehin eine simple Rechnung: Kontostand plus ggf. Sparbücher/Lebensversicherungen plus ggf. der Wert einer Immobilie und des PKWs. Klingt vielleicht kompliziert, doch mit Freibeträgen (z.B. bis zu X Euro des Vermögens keine Steuer) wären viele Wenig-Vermögende von dem Papierkram und Kalkulationen ausgenommen. Und der Rest – der sollte sich schon einen Steuerberater leisten können… (was man bei gewissen Einkommen auch schon macht).

Darüber hinaus gäbe es gar keine Diskussion um die Unfairness einer doppelten Besteuerung: zuerst das Einkommen, später vom gesparten Einkommen, sprich, Vermögen, nochmal Steuern. Wenn man nur das Vermögen besteuern würde, gäbe es keine doppelte Besteuerung mehr. Sondern – wie bei der Grundsteuer oder PKW-Steuer – eine periodische Steuer derselben Sache, deren Eigentümer ja auch periodisch einen Nutzen durch das Gemeinwesen erfährt.

Schließlich könnte man sich auch die Diskussionen um Erbschafts- und Schenkungssteuer ersparen. Auch diese Steuerarten gäbe es gar nicht – denn jede Schenkung oder jedes Erbe wäre eine Erhöhung des Vermögens des Besteuerten.

Politisch müssten mit so einer Steuer sowohl die „Linken“ gut auskommen – denn diese Steuer wäre eine stärkere Umverteilung von oben nach unten, da in den meisten Ländern die Diskrepanz bei den Einkommen kleiner als bei Vermögen ist. Gleichzeitig müssten alle diese Idee befürworten, die für „mehr Leistung muss sich lohnen“ eintreten. Wer arbeitet und dadurch laufend verdient wird weniger besteuert als jemand, der nur von einem Erbe, vom Lotto-Gewinn, oder von angesparten Kapital lebt und das leben genießt – und dessen Kapital sich eben durch Steuern langsam verringert. Im „Evangelium des Reichtums“ schrieb Andrew Carnegie: „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande.“

 

Alles klar so weit? Von wegen. Nachdem ich dieses Plädoyer fertig getippt hatte, konnte ich mich von einem inneren Gefühl nicht befreien: Dass es doch irgendwie ethisch und gar philosophisch sinnvoller wäre, den passiven Bürger weniger als den aktiven zu besteuern. Trotz all meiner o.g. Argumente. Vor mir schwebte ein Bild der Person C: eines Menschen, der über zehn oder zwanzig Jahre lang sparsam lebte, und sein übergebliebenes Einkommen in ein Landhaus samt Acker und Obstgarten investierte, wo er nun autark und ökologisch nachhaltig die letzten zehn, zwanzig oder vielleicht auch dreißig Lebensjahre in Ruhe genießt. Und der Wert dieses Hauses samt Grundstück aus ihm unerklärlichen Gründen inzwischen auf 250.000 gestiegen ist – also das Vermögen der Person B. Diese Person C höher zu besteuern als das der geldnachrennenden Person A oder der Person B, die150.000 unnütz über die Banken „parkt“ – scheint mir irgendwie falsch. Aber bin ich da nicht wieder beim moralisierenden Aspekt des Steuerwesens angelangt?


Luddismus war eine Bewegung Anfang des 19. Jahrhunderts in England, deren Anliegen und auch in Tat umgesetzte Aktionen die Zerstörung von Maschinen waren. Ich frage mich manchmal, ob ich nicht selber ein Luddit des 21. Jahrhunderts bin. Zumindest ein bisschen, da ich ja eben diese Worte hier doch mithilfe einer Maschine (mein PC) niederschreibe. Also ein partieller Luddit, und dazu – ein gewaltfreier.

Denn ich zerstöre keine Maschinen (zumindest nicht absichtlich…), ich gehe ihnen allerdings oft aus dem Wege, und nicht selten verachte ich sie einfach. Aber ist Verachtung nicht eine Art psychischer Gewalt?

Ein paar Beispiele: Wenn ich schon Auto fahre, dann ist da kein Navigations-Gerät drin. Falls ich in eine mir unbekannte Gegend oder Stadt muss, drucke ich mir vorher ein Teil der Karte aus, für den Rest sorgt der dicke ADAC-Deutschland- und Europa-Straßenatlas aus 2002. Ja, es passiert, daß ich mich manchmal verfahre. Es passiert, daß ich anhalte und echte Menschen nach dem Weg frage. Oder etwas früher losfahre, und dann auf einem Parkplatz oder einer Raststätte anhalte, um in Ruhe den Weg zu studieren – alleine oder mithilfe anderer. Mein Schreckensszenario ist ein Kollege, der einmal selbst auf dem Weg vom Auto zur Hausadresse sein „Navi“ sicherheitshalber einschaltet hat da wir ca. 50 m vor der eigentlichen Haustür geparkt hatten und für den Weg zu Fuß auch Orientierung brauchte).

Die Hauptfunktionen meines Handys sind 1.) Wecker, 2.) Taschenlampe, 3.) Telefonieren. Alle drei werden im Schnitt 1 mal pro Tag genutzt. SMS? Passiert schon mal, auf der monatlichen Rechnung sind es mal 15 gewesen (was war da mit mir los?…). Ja, ich spreche manchmal mit Menschen, auch telefonisch. In Ruhe vom Schreibtisch / Sofa / Küchentisch aus – per Festnetz. Das Handy ist übrigens schon allein deswegen Ludditen-sicher, da es wasser- und staubdicht ist, Temperaturen von -40 bis +60 Grad Celcius aushält, und – sofern auf Gras liegend – es dem Gerät nichts ausmacht, wenn man darauf sein Auto parkt. Display kratzfest, 128 x 160 pixel!!!

Vor ein paar Wochen warnte mich allerdings eine Freundin, über kurz oder lang werde auch ich mir der „Smartphonemania“ nicht entziehen können, es wird mich schon erwischen, vielleicht auch unfreiwillig. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nie über ein Gerät „gewischt“. Sie hatte Recht. Das „wischen“ hat mich erwischt. Zumindest liegt jetzt ein Smartphone von Apple neben mir. Der Grund war rein beruflich, ich bekam es als „Arbeitshandy“ incl. Flat-Vertrag von einer Firma, für die ich gelegentlich arbeite und die gerne hätte, daß ich „eine firmeneigene Telefonnummer“ habe. Nun habe ich es – die Telefonnummer. Nachdem ich innerhalb von kurzer Zeit fast alle nicht zum telefonieren notwendigen Funktionen des Apple-Dings deaktiviert hatte, wird es nun ausschließlich zum telefonieren benutzt. Auch so 3-4 mal pro Woche. Was App-Store ist weiß ich nicht. Nervig ist das neue Ding dennoch: groß, schwer und glatt, anders als mein Privathandy muss ich es nicht einmal pro Woche, sondern täglich aufladen – und daß, obwohl ich damit fast nichts mache!… Und die Empfangsqualität ist – trotz Telekom und Berlin-Innenstadt – miserabel (einige Gesprächspartner klagen über „Funklöcher“). Liegt es vielleicht daran, daß ich dem Smartphone den Zugang zu meinem W-LAN verweht habe? (Ohne dem man es, lustigerweise, gar nicht aktivieren konnte!… Na ja, außer in einem W-LAN-Cafe…). Egal.

Was sonst noch? Kein Twitter, kein Facebook, kein Xing oder Tumblr – „freitag.de“ und noch 5-10 Webadressen sind alles was man so in meiner Browser-Chronik am PC findet. Ich bin wohl nicht nur ein Luddit, sondern auch noch ein Einsiedler. Selbst einige Freunde fragen sich, warum ich denn so „technikskeptisch“ sei, „wo du doch selbst im IT-Business tätig bist…“ Na ja, vielleicht eben deswegen? Vielleicht habe ich nicht nur am Ende des Tages, sondern auch mittendrin eben deswegen mehr Spaß daran, ein vergilbtes Buch in den Händen zu halten als ein Tablet? Und lieber „Die Zeit“ groß vor mir raschelnd in einem Cafe ausbreite, anstatt sich der Riege der Notebook-Bücker anzuschließen? Nur in der U-Bahn komme ich mir asozial vor. Während mindestens 50% des Fahrguts mit verkabelten Ohren (bald Augen – wenn GoogleGlass kommt) vor sich hin kontemplativ wackelt, suche ich mir einen (Sitz-)Platz, und mache eine breite Zeitung auf. Schlimmer noch, ich bin manchmal sogar so frech (pervers?), die anderen Menschen anzuschauen, einfach so!

Zurück nach Hause. Hier geht mein Luddismus weiter, in der Küche. Zuerst gebe ich all meine Niederlagen zu, d.h. Fälle, wo ich mich den Maschinen beuge: Waschmaschine, Kühlschrank, TV-Tuner + Beamer. Beim Kampf Staubsager gegen Besen steht es jahresstatistisch fifty-fifty. Mein Reich, der Reich meines ausgelebten Luddismus – ist die Küche! (Ja, ja, der Herd ist dann schon elektrisch, aber! – ) Der Mixer zum Beispiel hat keine Chance. Keine Gemüsesuppe von mir, wo ich nicht jedes Gemüsestückchen per Hand zerschnipselt hätte. Selbst bei Reibekuchen (für eine 4-köpfige Familie) wird per Hand alles gemacht: alle Kartoffeln nicht nur per Hand schälen, sondern auch reiben. Da vergeht schon allein dabei fast eine Stunde (der Rest geht dafür ziemlich schnell) – und nicht selten muss die Haut meiner Finger auch geopfert werden.

Wenn es um den Abwasch geht, kann man gleich von einer durch meinen Luddismus sich hinziehenden Beziehungskrise reden, dazu einer ökofeindlichen. Denn – im Gegensatz zu meiner Freundin – tue ich mit Vorliebe per Hand abwaschen, während Sie eine mir unerklärlich nahe Beziehung zum Geschirrspüler aufrecht hält. Und so streiten wir jeden zweiten Tag, warum ich so wasser -und energieverschwenderisch nicht von meinen Vorlieben lassen kann – und meine Hände wiederholt in Abwasch-Unschuld wasche.

Ist es in Ordnung, daß ich Elektrogeräte derart umgehe, verachte, sie anfeinde? Ist es nicht höchste Zeit, sich zu einem Psychotherapeuten auf den Weg zu machen? Oder doch zu MediaMarkt?