Ja, ich gebe es zu. Es gibt Tage, eigentlich Abende, da sehe ich mir im Fernsehen die Nachrichten an. Meist als Vorspiel vor dem Sonntagskrimi oder als Pausenfüller eines Fußballspiels. Ich gehöre dennoch nicht zu denen, die spätestens nach der zweiten Nachricht (denn es gibt kaum mehr als vier pro Sendung…) lautstark mit dem Fernseher streiten und die armen Nachrichten-Vorleser beschimpfen. Ich wundere mich zwar manchmal ob der Reihenfolge der Nachrichten (IG-Metall vor Ukraine), noch mehr über die Existenz der Sportnachrichten (Formel 1, Schwimmer, Biathlonisten – als würde nicht jeder Fan längst alle Ergebnisse kennen) oder der Wetterprognosen. Unruhig werde ich erst beim statischen Einblenden der Lottozahlen – erst recht, als mir der „Alle Angaben sind wie immer ohne Gewähr“-Satz hinterher geworfen wird (gilt diese Bemerkung für die ganze Nachrichtensendung?)

Doch richtig sauer werde ich erst, wenn mir „dynamische“ Grafiken oder ein unten laufender „Ticker“ mit Aktienindizes in die Quere kommt. Wütend – wenn noch wertvolle Zeit vergeht, in der ein zugeschalteter „Aktienexperte“ mir versucht den DAX-Verlauf des Tages zu erklären.

Wen interessiert bitte all dieser Quatsch???

Erstens sind in Deutschland kaum mehr als 4 Millionen Menschen direkte Aktieninhaber (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75227/umfrage/zahl-der-direkten-aktionaere-in-deutschland/). Statistisch betrachtet (laut Angaben meines Kiosk-Verkäufers) sind viel mehr Deutsche Fußballfans (81 Mio.), Lottospieler (21 Mio.) – und an dem Wetter interessiert (alle). Und selbst wenn ich ein Aktienbesitzer wäre – würde ich mich entweder entspannt zurücklehnen, weil ich langfristig investiert hatte, und nur jedes Jahr mir die Werte ansehe, oder aber nervös übers Smartphone jede halbe Stunde mir die Börsenwerte auf die Handfläche liefern lassen. Keinesfalls aber würde ich deswegen die Nachrichten auf ARD, RTL oder ntv verfolgen! Zumal die DAX-Aktienkurse meist so schnell laufen, daß ich die Sendung erst aufzeichnen müßte, um die Werte dann in Ruhe abzulesen. Außerdem bringt einem Aktien-Investor die reine Info über den Stand des gesamten DAX wenig – außer man hat übergreifend in alle Aktien investiert. Erst recht wenig Interesse dürfte unter dem durchschnittlichen Nachrichten-Zuschauer der Wert des NIKKEI wecken.

Gut, man könnte argumentieren, daß es ebenso wenig Zuschauer gibt, die sich für die Wahlen in Nigeria oder den Besuch des saudischen Königs in Berlin interessieren. Allerdings werden diese Ereignisse nicht jeden Tag ausgestrahlt und kommentiert.

Vielleicht sollte man statt der Börsen-Werte Informationen einblenden, die die meisten Zuschauer mehr angehen: seien es die Butterpreise bei den wichtigsten Discountern, die Strompreise der zwanzig wichtigsten Energieanbietern, oder die Benzinpreise an ausgewählten Tankstellen. Oder doch lieber die aktuelle Zahl der überschuldeten Haushalte und der Hartz-4-Aufstocker? Denkbar wäre auch die Einblendung der Zahl der Flüchtlinge, die es an diesem Tag über das Mittelmeer geschafft haben (oder eben nicht) – und deren Korrelation mit den Aktenwerten der europäischen Agrar- und Waffenexporteure.

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