Die christliche Idee der Erbsünde ist religionswissenschaftlich etwas einzigartiges und zugleich oft heftig kritisiert. Spannend ist schon der Blick darauf, wie die drei wichtigsten Strömungen des Christentums dieses Konzept und deren Folgen interpretieren.

Das orthodoxe Christentum sieht die ganze Menschenschöpfung oder gar die ganze Welt von der Erbsünde belastet, wobei der Grund nicht die Sünde Adams war, sondern die damit initierte Sterblichkeit des Menschen. Der Tod, oder noch mehr – die Angst davor – ist dann der Grund für das Sündhafte, das Unvollkommene dieser Welt.

Die katholische Lehre wiederum legt den Schwerpunkt auf die direkte Verbindung der Sünde Adams und jedem Menschen. Jedes Individuum wird also mit dieser Schuld und Last geboren. Die Schwere dieser Sünde wird sehr hoch eingeschätzt. Gleichzeitig kann man sehr schnell und einfach von der Erbsünde befreit werden – durch die Taufe.

Die evangelischen Kirchen sehen es die persönliche Teilnahme an der Erbsünde ähnlich, allerdings wird die Schwere der Sünde nicht so hoch wie bei Katholiken betrachtet. Anderseits kann der Mensch – solange er auf Erden lebt – nie von dieser Sünde vollkommen befreit werden, nicht einmal durch Taufe.

Zusammengefasst kann man etwas klischeehaft sagen: Die Orthodoxen relativieren das Individuelle des Menschen auch in seiner Sünde, die eher auf der ganzen Schöpfung liegt. Für die Katholiken ist die Erbsünde direkt auf uns und tonnenschwer – aber ein Vereinsbeitritt befreit uns davon mit sofortiger Wirkung. Die Protestanten sind pragmatisch, haben aber wenig Sinn für Leichtigkeit und Humor.

In anderen Weltreligionen ist das Prinzip der Erbsünde unbekannt – man findet es weder im direkten Vater des Christentums, also dem Judentum, noch in dessen Sohn – dem Islam.

Es gibt jedoch ein ähnliches Konzept der von früher her auf mich übertragenen Sünde (und Last), und zwar in der Reinkarnation-Lehre des Hinduismus und des Buddhismus.

Auch hier wird ein gerade geborenes (oder gar gezeugtes) Wesen mit der Schuld und Folgen der Vorgänger belastet (oder belohnt). Es ist zwar kein Riesensprung der Sünde wie von Adam her, sondern ein kontinuierlicher, von Reinkarnation zur Reinkarnation fortgetragene Bonus oder Malus. Dennoch kann jeder Hindu oder Buddhist ähnlich wie ein Christ kritisch fragen: Warum, mit welcher Berechtigung und Sinn, trage ich das ethische Erbe (Karma) meiner Vorgänger in meinem Leben? Ist es fair, daß ich nun einen moralischen Schuldenberg abbauen muß, also nicht frei davon von (meiner eigenen) Null an anfangen kann? Ist es fair, daß ich nun ein sorgenfreies, erfülltes Karma mit guten Charaktereigenschaften habe, vor allem weil ich es als „nettes Erbe“ von meinen Vorgängern geschenkt bekommen habe?

Viele spannende Fragen nebenbei: Warum sollte eine Reinkarnation als Mücke oder Schlange schlechter als die als der neuen IWF-Chefin oder des saudischen Königs sein? Zudem: Wie kann eine Mücke oder eine Schlange effektiv Gutes tun – um das Karma für die Folge-Reinkarnation zum besseren zu beeinflussen? Reicht es, Böses zu unterlassen? (Was bei einer Mücke fast automatisch passiert). Ein Kaiser oder ein Halbgott kann hingegen schwer irgendetwas unternehmen, um nicht – absolut zu den Taten eines Durchschnittsuntertanen – großen Schaden anzurichten. Gilt also das absolute oder das relative Prinzip für die Folgen? Ist eine 100.000-Dollar-Spende von Bill Gates weniger oder mehr wert als 10 €, die ein Obdachloser spendet? Wiegt ein Raubmord eines kleinen Ganoven mit zwei Toten schwerer als hundert bewilligte Exekutionen eines Präsidenten, oder nicht?…

Interessant für mich ist vor allem aber der Unterschied zwischen Hinduismus und dem daraus entstandenen Buddhismus: Während man im ersteren davon ausgeht, daß es sich bei jeder Wiedergeburt um dasselbe Wesen handelt – egal ob männlichen Hühnerküken in Niedersachsen oder ein Mitglied der Mintal-Dynastie – sieht es im Buddhismus noch unfairer aus als im Hinduismus: Im ersteren erlebt dieselbe Person immer die Folgen seiner Vor-Taten, auch wenn sie sich nicht erinnern, sondern nur daran glauben kann. Im Buddhismus hingegen wird man durch die Reinkarnation zu einem neuen, unabhängigen Wesen – und muß trotzdem die Last irgendwelcher Vor-Person tragen.

Dann wäre mir die Reinkarnation-Lehre einiger australischer Ureinwohner am sympathischsten, in der es zwar Reinkarnation des Geistes gibt – aber zwischen der Vor- und Nachperson keinerlei Verbindung gibt, erst recht nicht wenn es um Sünde, Schuld oder Belohnung geht.

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