Neulich musste ich wieder durch die halbe deutsche Republik über 600 Autobahn-Kilometer abspulen. Das geht bei mir leichter mit einem Milchkaffee in der Variante coffee-to-drive. Das einzige Problem dabei – ich habe ein schon etwas älteres Automobil, bei dem allerdings das größte Manko das Fehlen eines Getränkehalters ist. Wenn ich also mit dem heißen Kaffeebecher von der Tanke zum Auto komme, ist die an sich gewöhnliche Abfolge von Tür-auf – Hinsetzen – Schlüssel-rein – Tür-zu – Gurt-rüber – Schlüssel-drehen doch um einiges komplizierter. Vor allem wenn ich gerade der Fahrer bin und meine Freundin rechts neben mir fehlt – oder eingeschlafen ist. (Außer ich hab den Becher doch auf dem Dach abgestellt und vergessen…)

So auch diesmal. Irgendwie habe ich es natürlich geschafft, nicht nur nichts auszugießen, nicht nur den Kaffee zu genießen ohne mir die Lippen oder die Innenseiten der Schenkel zu verbrühen, sondern auch sicher und entspannt nach Berlin heimzukommen. Dennoch war ich einige Kilometer lang damit beschäftigt, über Aspekte der Fahrsicherheit nachzudenken. Es waren schon viele Kilometer, zumal ich wie meistens zwischen Ost-Hessen und Süd-West-Brandenburg keinen einzigen Radiosender fand, den man erstens gut hören konnte, und zweitens – hören konnte. Auch die 46 braunen Info-Tafeln, von denen es schätzungsweise drei mal so viele wie Autobahn-Abfahrten zu geben scheint, waren nur eine mäßige Ablenkung (der Rekordhalter pro Kilometer und Sinnfreiheit ist Thüringen – „Residenzstadt Gotha“ und „Glockenstadt Apolda“ lassen grüßen…).

Ich fragte mich selbstkritisch: Sollte man das Trinken von Getränken, erst Recht heißen Getränken, in getränkehalter-freien Fahrzeugen nicht verbieten? Ähnlich wie – sinnvollerweise – das Smartphone-Surfen oder Handy-Telefonieren? Oder das Fahren unter Drogen- und/oder Alkoholeinfluß? Oder das Fahren ohne Gurt?… Stopp! (dachte ich). Das mit der Gurt ist was anderes. Nicht nur weil es eine „Pflicht“ und kein „Verbot“ ist – Pflicht ist es ja auch, ein TÜV-konformes Fahrzeug zu haben oder einen gültigen Führerschein.

Der wichtige Unterschied bei der Gurt-Pflicht bezogen auf die anderen gesetzlichen Verordnungen des Autofahrens ist es – ähnlich übrigens wie bei der Frage nach der Helm-Pflicht für Radfahrer – daß man hier ja nur sich selbst gefährden kann.

Bei allen anderen Punkten – auch bei der Kindersitz- und Gurtpflicht für Kinder – handelt es sich um Vorschriften, durch die nicht nur meine Sicherheit, sondern vor allem die Sicherheit der anderen (ob im meinem Auto oder auf der Straße) wenn nicht gewährleistet, so erhöht werden soll. Wenn ich mit 1,5 Promille Alkohol, ohne Brille und in einem seit 5 Jahren TÜV-losen Fahrzeug mit 220 über die Landstraße brettern und dabei eine SMS schreiben sollte, mit einer Bande am Hintersitz rumhüpfender Kiddies – dann würde ich durch mein Verhalten mehrere Menschenleben gefährden – dies sollte unterlassen werden, wenn möglich, auch gesetzlich. Vom heißen Kaffeebecher zu schweigen.

Wenn ich aber nüchtern, mit einem perfektem Fahrzeug ohne jegliche Ablenkung und guten Augen mehr als gemächlich fahren, und den Gurt aber nicht angeschnallt haben (den Helm nicht angezogen hatte), und dann durch einen Unfall mich verletzen oder sterben – dann bin ja nur ich selbst der Geschädigte. (Sollte der Unfall meine Schuld sein, und andere ebenso Geschädigt – so läge es auch nicht am Gurt oder Helm). Genauso übrigens wenn ich beim schlechtem Wetter und/oder mangelnder Fitness eine Bergtour mache oder mich jeden Tag mit schlechten Schnaps volllaufen lassen würde. Oder mich entscheide, nüchtern oder nicht, Selbstmord zu begehen.

Solche aus dem sorgenvollen Sicherheitsdenken geborenen Versuche staatlicher und gesellschaftlicher Regulierung der selbst-bezogenen Aktivitäten eines Individuums lehne ich ab. Denn sie bedeuten nur eines: Wir-Staat wissen besser als Du-Bürger, wie (und vor allem: ob) du dich vor dir selbst schützen solltest.

So schlimm ist es aber nicht: denn spannend ist vor allem, warum es gerade das Gurt-Anschnallen (und vielleicht mal die Helm-Pflicht) geschafft hat, zur Pflicht zu werden, während glücklicherweise kaum etwas vor Initiativen zur Nüchternheit-Pflicht, Gesundes-Essen-Pflicht oder Ein-Buch-pro-Woche-Pflicht zu hören ist, erst recht nicht von einer Lebenswillen-Pflicht.

Zumal ich persönlich keine Lust auf Selbstmord verspüre – im Gegenteil – und jedes Mal den Gurt anschnalle, ebenso wie den Fahrradhelm aufsetze. Ich tue es aber aus eigener Überzeugung.

Auf den heißen Kaffee sollte ich vielleicht dann – ebenfalls aus Überzeugung – verzichten. Das Leben ist zu schön, um an der braunen Tafel „Bachstadt Arnstadt“ mitten in Thüringen zu enden.